Sommerkind
Bild © Bastei Lübbe / hr

"Sommerkind" - so werden Kinder genannt, die im Sommer fast ertrinken und durch den erlittenen Sauerstoffmangel im Koma liegen. Um ein solches Kind geht es im Roman der preisgekrönten Schriftstellerin Monika Held. Feinsinnig und klug erzählt - und trotz des schweren Themas eine Geschichte, die Mut macht.

Worum geht es?

Malu ist neun Jahre alt, als sie im Schwimmbad fast ertrinkt, während ihr 16-jähriger Bruder Kolja mit einem Mädchen, das er sehr mag, auf einer Bank sitzt. Malu kommt in eine Spezialklinik, überlebt und wird ihr ganzes Leben im Koma verbringen. Die Ehe der Eltern von Kolja und Malu zerbricht an dem schrecklichen Ereignis, die Mutter wird depressiv. Und Kolja wird sich sein Leben lang verantwortlich fühlen für den Unfall.

Ich habe mit zehn Jahren einen Fotoapparat bekommen. Nach den ersten Bildern war ich süchtig nach Motiven. Bei allem, was mir vor die Linse kam, dachte ich: meins. Der Baum: gehört mir. Die Taube: gehört mir. Die Hunde, Katzen, alle Menschen, die ich mit meiner ersten Kamera festhielt, jeder Fisch an der Angel wurde mein Eigentum. Ich war ein Dieb, ich stahl mit den Augen. Später schwankte ich zwischen Größenwahn - ich kann die Zeit anhalten - und Traurigkeit. Jeder Druck auf den Auslöser hieß auch: Was eben war, wird nie mehr sein.

Wer hat es geschrieben?

Monika Held geht in ihren Romanen - z.B. "Augenbilder", "Melodie für einen schönen Mann" oder "Der Schrecken verliert sich vor Ort" - eigenwilligen Menschen und schwierigen Schicksalen nach. Ihre Fähigkeit, sich in komplizierte Charaktere einzufühlen und diese sensibel zu beschreiben, ist beeindruckend. Auch in "Sommerkind" beweist sie das. Hier gibt es neben Kolja noch eine zweite Protagonistin, Ragna nämlich, die Ich-Erzählerin, die damals neben dem Jungen auf der Bank saß und Malu im letzten Augenblick das Leben gerettet hat. Ragna kann sich nicht mehr an den Unfall erinnern und sucht darum nach Kolja. Er soll ihr helfen, das Vergessene wieder zu finden.

Wie ist es geschrieben?

Monika Held verbindet sehr unterschiedliche Themen miteinander: Eine Frau, die auf der Suche ist nach ihrer Erinnerung. Dazu kommt Koljas Lebensgeschichte und sein Trauma, schuldig zu sein am Unfall seiner Schwester. Und schließlich Koljas Erlebnisse in einer Klinik für Komakinder. Überall spielt auch die Erinnerung eine Rolle. Zusammengebunden werden diese Motive durch eine ruhige, melodische Sprache, durch einen leisen, eindringlichen Ton. Für die dramatischen Ereignissen und heftigen Emotionen, aber auch für die eher abstrakten Beschreibungen von Gedächtnis und Erinnerung. Monika Held verwandelt das Leben ihrer Protagonisten in erzählte Bilder, die sich in der Phantasie des Lesers zurückverwandeln in Leben.

Wie gefällt es?

"Sommerkind" ist trotz seiner schwierigen Themen ein wohltuendes Buch. Ein Roman, der feinsinnig und klug von schweren Schicksalen erzählt, das aber auf eine so sensible Weise, das wir sozusagen getröstet werden. Abgesehen davon, dass er sehr viele schöne Szenen enthält, sinnliche Schilderungen von Natur, Meer und Landschaft oder sehr innige Szenen aus der Kinderklinik. Man spürt, wie viel Respekt Monika Held vor ihren Figuren hat und wie viel Zuneigung für sie. Ein Roman, der Mut macht und Hoffnung, und der uns staunen lässt über die Leistungen unseres Gehirns und unseres Gedächtnisses. Denn nur die Erinnerung macht es uns möglich, wir selbst zu sein.

Weitere Informationen

Monika Held: "Sommerkind"

  • Eichborn Verlag
  • ISBN: 3847906267
  • 224 Seiten
  • 20,00 € (gebundene Ausgabe)
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Sendung: hr-iNFO, 10.08.2017, 16:10 Uhr

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