Adrienne Friedlaender Autorenfoto
Buchautorin und Journalistin Adrienne Friedlaender Bild © Anabel Ganske Photodesign

Adrienne Friedlaender, Journalistin und alleinerziehende Mutter von vier Jungs, nimmt im November 2015 ganz spontan einen jungen syrischen Flüchtling bei sich auf. Der 22-jährige Moaaz lebt sieben Monate bei der Familie. Eine Begegnung, die beide Seiten nachhaltig verändert.

"Wollen wir ihn nicht gleich mitnehmen?" Dieser Satz ihres jüngsten Sohnes hat alles in Bewegung gebracht. Denn als Adrienne Friedlaender im November 2015 den jungen Syrer Moaaz in einer Hamburger Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge kennenlernte, gab es kein Zurück. Es war eine Bauchentscheidung, bei der vor allem mütterliche Gefühle eine Rolle gespielt haben, sagt die Hamburger Journalistin.

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Sendezeiten:

Mittwoch 13.9. - 19:35 Uhr
Sa 16.9. - 10:05 & 18:35 Uhr
So 17.9. - 14:05 Uhr

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Denn ihr ältester Sohn war grade aus dem Haus und Moaaz mit seinen 22 Jahren genauso alt wie er: "Ich habe mir sehr oft vorgestellt, wie es wäre, wenn mein eigener Sohn auf der Flucht wäre, wenn er in Not wäre, wenn er an irgendwelchen Grenzen sitzen würde allein in der Fremde, und wie glücklich wäre ich dann, wenn eine fremde Mutter am Ende der Welt ihn einfach mitnimmt."

Friedlaender Familienfoto
Adrienne Friedlaender mit drei ihrer Söhne, ihrem Ziehsohn Moaaz und Hund Carlo Bild © Arndt Haug

Adrienne Friedlaender wusste am Anfang fast nichts über Moaaz, nur dass er aus einem Dorf in der Nähe von Damaskus stammte. Später erfuhr sie, dass er eine lange Flucht hinter sich hatte, bevor er nach Hamburg kam: 2012 war sein Elternhaus von einer Bombe getroffen worden, er floh über die Türkei und Griechenland und dann weiter über die sogenannte Balkan-Route nach Deutschland. Über seine Familie, zu der er noch Kontakt hatte, sprach Moaaz viel, sagt Adrienne Friedlaender in hr-iNFO Das Interview, über seine Flucht habe der junge und eher schüchterne Mann nicht reden wollen.

Hund Carlo leistet Beitrag zur Integration

Adrienne Friedlaender gibt zu, sie sei völlig unvorbereitet gewesen, hätte "keinen Plan" gehabt, dafür aber Mut und Herz. Wenige Minuten nach der ersten Begegnung saß Moaaz schon in ihrem Auto auf dem Weg zu ihr nach Hause. Er ahnte allerdings nicht, was ihn dort erwarten würde: Hund Carlo - was für ein Kultur-Clash! "Ich wusste überhaupt nicht, wie absurd es für einen Moslem ist, mit einem Hund unter einem Dach zu leben," gesteht Adrienne Friedlaender.

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Adrienne Friedlaenders Buch

"Willkommen bei den Friedlaenders -
Meine Familie, ein Flüchtling und kein Plan!"
Verlag: Blanvalet
ISBN: 978-3-7645-0625-4
16,00 Euro

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Doch Moaaz wollte unter keinen Umständen wieder zurück ins Flüchtlingsheim und freundete sich mit dem Hund ein. Carlo leistete als erstes Familienmitglied unfreiwillig einen Beitrag zur Integration – ganz ohne Sprache. Genauso übrigens wie die 90-jährige Oma der Familie, die Moaaz gerne lange Vorträge über Politik hielt. Obwohl der junge Syrer damals kaum ein Wort Deutsch verstand, schloss er die alte Dame ins Herz.

"Du solltest es mal mit Botox versuchen!"

Die Hamburger Journalistin schildert in ihrem Buch viele solcher amüsanter Familien-Szenen: Es geht z.B. um den Umgang mit deutschem und syrischem "Zeitmanagement", um die Rolle der Frau in Deutschland oder auch um das gemeinsame Einkaufen, Kochen und Essen, das die ganze Familie sehr genossen habe. Zum Schreien komisch auch die Szene, als Moaaz eines Tages ganz höflich zu seiner 53-jährigen Ziehmutter sagte: "Du solltest es mal mit Botox versuchen!" Das würden alle Frauen in Syrien machen, um jünger auszusehen.

Zitat
„Du bist sieben Minuten zu spät, was bist du nur für eine Deutsche!“ Zitat von Moaaz, Syrer
Zitat Ende

Von diesem Schönheitsideal hatte Adrienne Friedlaender nichts gewusst. Durch Moaaz gewann sie viele neue Einblicke in die arabische Kultur und legte auch Vorurteile ab. Als sie während dieser Zeit für eine Reportage über die Falkenjagd ins Emirat Katar reiste, begriff sie, dass das Einleben für Moaaz in die deutsche Kultur im 24-Stunden-Intensivkurs eine Hochleistung sein musste.

Die deutsche Pünktlichkeit perfektioniert

Heute lebt Moaaz zwar mit einem syrischen Freund in einer 2er-WG, gehört aber immer noch zur Familie, erzählt Adrienne Friedlaender. Ob Konfirmation, Einschulung oder Weihnachten, er sei bei allen Familienfesten dabei. Er sei in Deutschland angekommen, sagt die Journalistin. Eine der schönsten Begebenheiten für sie war, als sie neulich mit Moaaz zum Frühstück verabredet war und sich verspätete. "Da schaute er auf die Uhr und sagte: Du bist sieben Minuten zu spät, was bist du nur für eine Deutsche!"

Audiobeitrag
Das Interview Symbolbild

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Sie lacht, die deutsche Pünktlichkeit beherrsche er heute perfekt. Aber es mache sie auch stolz, ihn heute "fröhlich und selbstbewusst" zu erleben. "Er lernt Deutsch, er möchte studieren, er hat keine Berührungsängste mehr, er weiß, wie man sich wo verhält – wir wollten diesem jungen Mann über den Winter ein Zimmer geben und ihm den Start in Deutschland erleichtern und es hat funktioniert."

Aber auch sie und ihre vier Söhne nehmen viel aus den gemeinsamen Erfahrungen mit Moaaz mit: "Eine Wertschätzung des eigenen Lebens, wie gut es uns hier geht, dass wir in Frieden leben und alles haben, ist mir auf einmal klar geworden."

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Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 13.9.2017, 19.35 Uhr

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