Mangold
Bild © Sebastian Hänel

Normalerweise bespricht er die Bücher der anderen. Jetzt ist Ijoma Mangold selbst in die Rolle des Autors geschlüpft und sagt, man solle "viel öfter in seinem Leben für verdrehte Welt sorgen."

In seinem Buch "Das deutsche Krokodil" erzählt der Sohn einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters die Geschichte seiner Herkunft. Der Junge Ijoma wird 1971 in Heidelberg geboren und wächst dort bei seiner Mutter auf. Der Vater, der nach seiner Ausbildung zum Facharzt für Kinderchirurgie nach Afrika zurückgeht und dort eine neue Familie gründet, spielt zunächst keine Rolle im Leben des Kindes.

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zum Artikel Das Interview: Ijoma Mangold - Literaturchef der ZEIT und Buchautor

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Nur ein kleines Krokodil aus Ebenholz, das in der Heidelberger Wohnung auf der Fensterbank steht, erinnert an die Verbindung zu Afrika, und das ist dem Jungen unangenehm. Denn er schämt sich für sein "Anderssein", die dunkle Haut und die schwarzen Locken und für seinen afrikanischen Vornamen Ijoma. "Ich dachte als Kind immer: Ich würde viel lieber Oliver heißen", erzählt der 46-Jährige.

Mangold versucht es so zu erklären: "Ich hatte eine doppelte Hypothek", sagt er. "Zum einen sah ich anders aus als alle anderen und das machte mich zum Außenseiter. Und zum anderen war der Grund, warum ich anders aussah, nämlich der Genanteil meines Vaters, noch nicht mal eine reale Figur in meinem Leben. Diese doppelte Ungewöhnlichkeit habe ich als Kind als Unsicherheit empfunden."

Aber – und das ist dem Autor wichtig – diese Ängste und Schamgefühle seien nur in ihm drin gewesen, "das war nichts, was die Gesellschaft mir widerspiegelte", sagt er. Und, obwohl Mangold keine oder fast keine Erfahrungen mit Rassismus oder Ausgrenzung gemacht habe, sei er dennoch immer in Sorge gewesen, "dass etwas passieren könnte."

Vieles durch Sprache kompensiert

Später als Jugendlicher habe er versucht, vieles durch die deutsche Sprache zu kompensieren. "Wenn Sie anders aussehen, ist Ihre Zugangsberechtigung zum Deutsch-Sein immer die Sprache. Ich glaube, ich habe sehr früh versucht, schnell und viel zu reden, damit das Gegenüber realisiert, dass wir zur selben Sprechergemeinschaft gehören."

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Buchtipp

"Das deutsche Krokodil - Meine Geschichte" von Ijoma Mangold
Rowohlt Verlag
19,95 Euro

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In dieser Phase wurde wohl die Basis für seinen späteren Beruf als Literaturkritiker gelegt, denn der junge Ijoma begann, Werke der deutschen Literatur zu verschlingen, besonders Thomas Mann faszinierte ihn. Im Buch stellt sich Ijoma Mangold allerdings auch selbstkritisch die Frage: "War ich überassimiliert, deutscher als jeder Deutsche?"

Mangold
Bild © Rowohlt Verlag

Erst mit 22 Jahren lernte Mangold seinen Vater und den afrikanischen Teil der Familie kennen. Bei seinem ersten und bislang einzigen Besuch in Nigeria Anfang der 90er Jahre sei er von der Familie zwar herzlich und mit offenen Armen aufgenommen worden, aber er habe sich doch fremd gefühlt, erzählt Ijoma Mangold: "Diese frühkindlichen Prägungen, die habe ich mit Nigeria nie gehabt und die sind nicht nachholbar, glaube ich."  

"Leute lassen wieder die Sau raus"

Wenn man den Literaturkritiker der Zeit angesichts der aktuellen Migrationsdebatte nach der Botschaft seines autobiografischen Buches fragt, sagt er, er habe keine Botschaft. Er habe seine individuelle Geschichte erzählen wollen, aus der sich für den Leser aber natürlich Verbindungen zum Heute ergeben. Es sei aber "mal eine Migrationsgeschichte aus einem anderen Blickwinkel her erzählt." Denn meistens gehe es beim Thema Migration um eine Problematisierung, das sei bei ihm nicht der Fall, meint Mangold. Er fühle sich sehr wohl in Deutschland und dieses Land habe ihm "immer nur Gutes gegeben."

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Lesung: "Das deutsche Krokodil"

Freitag, 13. Oktober
17 Uhr
Römer, Römerberg 23
60311 Frankfurt
(im Rahmen von "open books", dem Lesefest zur Frankfurter Buchmesse)

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Dennoch habe auch er in den vergangenen Jahren gespürt, dass sich das gesellschaftliche Klima verändert habe: "Und zwar, dass so eine gewisse Art der zivilisatorischen Selbstzurückhaltung in Umgangsformen und Ausdrucksweisen jetzt nachlässt und die Leute gerne - naja, mal wieder die Sau rauslassen. Und auch als Journalist bekomme ich jetzt manchmal Mails, wo mich Leute zurück in den Busch wünschen – da hätte ich vor zehn Jahren geschworen, dass sowas in Deutschland nicht passieren würde."

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Sendung: hr-iNFO, 6.10.2017, 19:35 Uhr

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