Stefan Merz
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Das Image von Demoskopen ist etwas angekratzt, lagen sie doch in der jüngeren Vergangenheit häufiger daneben. Im Interview erklärt Merz, wie das passieren kann und wieso am Ende der Mensch wichtiger ist als der Computer, wenn es um die berühmte 18-Uhr-Prognose am Wahlabend geht.

"Dem Zufall muss man Raum geben" – das ist der zentrale Satz, der nach dem Interview mit Stefan Merz im Kopf hängenbleibt. Denn: Nur wenn der Zufall sich entfalten darf, dann ist es möglich, 1.000 Menschen zu befragen und dann relativ genau zu wissen, wie sich bis zu 60 Millionen Wählerinnen und Wähler bei einer Bundestagswahl entscheiden werden.

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1.000 Befragte von 60 Millionen Wählern - eine verschwindend geringe Menge im Vergleich. Und doch schaffen es die Demoskopen immer wieder, mehr oder weniger genau zu bestimmen, wie die Stimmung im Land vor der Wahl aussieht. Allerdings ist das Image der Wahlforscher angekratzt, denn sie haben in der Vergangenheit öfter mal daneben gelegen und zum Beispiel Donald Trump und den Brexit nicht vorhergesagt oder die AfD lange unterschätzt.

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Sendezeiten

Mi (16.8.), 19:35 Uhr und 21:35 Uhr
Sa (19.8.), 10:05 und 18:35 Uhr
So (20.8.), 14:05 Uhr 

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Stefan Merz ist "Direktor Wahlen" bei Infratest dimap, dem Umfrageinstitut, das seit vielen Jahren die Umfragen und auch die 18 Uhr-Prognosen und Hochrechnungen an den Wahltagen für die ARD erstellt. Für ihn der richtige Beruf: Schon als Jugendlicher war in seiner Familie die tägliche Tagesschau quasi Pflicht.

Daher kommt auch sein Interesse für Politik. Mathematik war nicht seine große Leidenschaft, aber auch keine Qual. Kombiniert war sie für den studierten Politikwissenschaftler dann die ideale Voraussetzung, Demoskop zu werden. Außerdem sei er schon als Kind immer von den bunten Balken für die verschiedenen Parteien an Wahlabenden fasziniert gewesen.

"Menschen wollen wissen, was andere denken"

Auch der 24. September wird für Stefan Merz ein aufregender Tag werden, sagt er. "Wahlabende sind generell für mich und uns 'Heilige Messen', das kann man so sagen". Also das, was für den Pfarrer Heiligabend ist. Den Zufall sich entfalten zu lassen – das heißt aber nicht, dass ein Wahlforscher orakelt: Unser Versuch, ihn mit einem Gummibärchen-Orakel aufs Glatteis führen zu wollen, verfängt bei ihm nicht.

Mariela Milkowa, Stefan Merz, Christoph Käppeler
Stefan Merz mit den hr-iNFO-Redakteuren Mariela Milkowa und Christoph Käppeler (rechts). Bild © hr

Wahlumfragen sind Wahlumfragen und keine Vorhersagen, das ist ihm wichtig festzustellen: Sie bilden Stimmungen ab, die in der Bevölkerung am Tag der Befragung herrschen. Die Wahl kann dennoch anders ausgehen, betont Stefan Merz. Dennoch muss auch er als Demoskop immer wieder Kritik einstecken, wenn eine Wahl anders ausgeht als in den Umfragen vorhergesagt.

Auf die Frage, welchen Sinn Umfragen vorab machen, sagt er: "Ich glaube schon, dass es eine Art Grundbedürfnis ist: Menschen sind neugierig und wollen wissen, was andere Menschen denken." Wählerinnen und Wähler hätten ein legitimes Interesse, sich auch über Umfragen vorab zu informieren: "Ich halte das für berechtigt, genauso wie man sagen kann, ich lese Zeitungsartikel, um mich über Meinungen zu informieren."

Interpretation der Daten braucht viel Erfahrung

Anders als die Vorab-Umfragen funktioniert es bei der Befragung der Wähler am Wahltag: Da strömen hunderte von Infratest dimap-Mitarbeitern in ausgesuchte Wahllokale in ganz Deutschland aus und befragen die Wähler gleich, nachdem sie gewählt haben. Daraus entsteht dann die Wahlprognose, die die ARD Punkt 18 Uhr meldet.

Hier ist sein Ehrgeiz und der seiner Kollegen, möglichst bis aufs Komma genau das Endergebnis vorherzusagen. Computeralgorithmen helfen dabei, aber: Am Ende ist es immer Stefan Merz mit seinen Kollegen, sind es Menschen aus Fleisch und Blut und keine Computer, die die Entscheidung treffen, welche Prozentzahlen um 18 Uhr vorhergesagt werden.

"Wir haben nicht eine Zauberformel und dann wirft der Computer eine Zahl aus." Sondern die Interpretation der gesammelten Daten hänge auch "von ganz viel Erfahrung" ab. Stefan Merz hat bereits an die 50 Wahlen "auf dem Buckel", da entwickele man bei der 18-Uhr-Wahlprognose ein Gefühl, "wohin die Reise eher geht."

Mit Gummibärchen will der Umfragen-Profi nicht orakeln – aber er und sein Team haben am Wahltag eine andere Verwendung für sie: als Nervennahrung. Denn das ist und bleibt für einen Wahlforscher das, was für den Pfarrer Heiligabend ist - ein Tag, an dem die Nerven mehr mitmachen müssen als sonst.

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Sendung: hr-iNFO, 16. August 2017, 19.35 Uhr.

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