Fleisch grillen
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600 Gramm Schweinefleisch für 1,99 Euro – dieses Angebot bei ALDI hat einen Kunden so auf die Palme gebracht, dass er seinem Ärger in einem Facebook-Post Luft gemacht hat. Der Beitrag ging prompt viral. Was sagt der Discounter zu den Vorwürfen? Wir haben bei ALDI nachgefragt und eine schriftliche Antwort erhalten - und wollten wissen, was Verbraucherschützer davon halten.

hr-iNFO: 1,99 Euro für 600 Gramm Fleisch - das ist extrem günstig. Weshalb unterbreiten Sie solche Angebote? Handelt es sich um ein Lock-Angebot?

ALDI:
Der Standardpreis für das 600g-Schweinenackensteak beträgt 2,79 Euro. In einer Aktion haben wir diesen Artikel zeitlich begrenzt für 1,99 Euro angeboten. Diese Aktionspreispolitik ist im Lebensmitteleinzelhandel üblich und geht zu Lasten der eigenen Marge, aber nicht der Produktqualität. Lockvogelangebote implizieren eine bewusste Täuschung unserer Kunden und eine bewusste Minderkalkulation der Warenmenge und gehören daher selbstverständlich nicht zu unserer Unternehmenspolitik.

Fleisch Facebook
Dieser Beschwerde-Post über den Fleischpreis bei ALDI sorgte im Netz für großen Wirbel. Den gesamten Wortlaut finden Sie in der Infobox am Ende des Artikels. Bild © Facebook/Dominik Boisen

Woher stammte das Fleisch?

ALDI:
Die Nackensteaks beziehen wir von namhaften Lieferanten, die auch den übrigen deutschen Einzelhandel beliefern. Alle unsere Fleischprodukte sind mit einem Tracking-Code versehen, über welchen sich die Herkunft nachvollziehen lässt. Wir fordern von unseren Lieferanten die lückenlose Rückverfolgbarkeit aller tierischen Rohstoffe. Unsere Lieferanten müssen im Stande sein, anhand der Artikelkennzeichnung die gesamte Wertschöpfungskette eines Produktes darlegen zu können. In den Bereichen Fisch, Fleisch und Eier fragen wir spezifische Herkunftsdaten der Rohwaren ab und stellen sie unseren Kunden über die ALDI SÜD Rückverfolgbarkeitsplattform zur Verfügung. Mit Hilfe von Tracking- und QR-Codes auf Fisch- und Fleischprodukten sowie Eiern können die Informationen abgerufen werden.

Welchen Preis bekam der Landwirt dafür?

ALDI:
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir dazu keine Angaben machen können, da wir unser Fleisch von Lieferanten beziehen.

Ist zu solch einem günstigen Preis Qualität erwartbar?

ALDI:
Grundsätzlich erfüllen alle von ALDI SÜD angebotenen Produkte hohe Qualitätsansprüche. Der Einkaufspreis für Fleisch richtet sich, wie bei allen Produkten, nach Angebot und Nachfrage.

Preissenkungen wie auch Preiserhöhungen finden daher aus verschiedenen Gründen statt, dazu gehören Faktoren wie internationale Rohstoff-, Herstellungs- oder auch Lagerungskosten sowie die Exportorientierung der jeweiligen Branche. Unsere günstigen Verkaufspreise lassen sich dadurch erklären, dass wir uns zum einen auf ein ausgesuchtes Sortiment fokussieren und zum anderen über Jahrzehnte hinweg innerhalb der gesamten Unternehmensgruppe sehr schlanke Strukturen aufgebaut haben, die enorme Kosten sparen.

Kommt Aldi dabei auf seine Kosten oder verkaufen Sie unter Einstandspreis?

ALDI:
Grundsätzlich verkaufen wir Produkte nicht unter dem Einstandspreis.

Haben Sie mit der Kritikwelle gerechnet?

ALDI:
Von der Resonanz auf den Post des Facebook-Nutzers wurden wir überrascht. Die vorgebrachte Kritik nehmen wir ernst und beteiligen uns gerne an der Diskussion und informieren über unser seit Jahren bestehendes  Engagement für mehr Tierwohl.

Bauern protestieren schon länger gegen solche Angebote, auch bei Milch. Sie machen geltend, dass der Landwirt damit in den Ruin getrieben werde. Ist das für Sie relevant?

ALDI:
Wir schätzen die hohe Qualität der deutschen landwirtschaftlichen Erzeugnisse sehr und bedauern, dass die Preisbildung des Marktes – vor allem aus Sicht der Erzeuger – diese Qualität nicht immer angemessen wiedergibt. Preissenkungen, beispielsweise bei Milch, erfolgen marktbedingt durch sinkende Rohstoffpreise. Diese Preisvorteile gibt ALDI SÜD direkt an seine Kundinnen und Kunden weiter. Für die Unternehmensgruppe ALDI SÜD ist seit jeher ein wichtiges Anliegen, sämtliche Geschäftsbeziehungen transparent und fair zu gestalten. Preise werden in zahlreichen Gesprächen mit den jeweiligen Verhandlungspartnern auf der Grundlage der jeweiligen Marktsituation vereinbart. Als einer der führenden Discounter übernehmen wir eine gesellschaftliche Verantwortung. Diesen Anspruch haben wir in unserer Corporate Responsibility Policy, die für uns und unsere Geschäftspartner einen verbindlichen Handlungsrahmen bildet, fest verankert.

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Stellungnahme foodwatch: Handelskonzerne haben es in der Hand, bessere Lebensbedingungen für Nutztiere durchzusetzen

Wie bewerten Verbraucherschutzorganisationen die Ausführungen von ALDI zu den günstigen Fleischpreisen? Wir haben bei foodwatch - einem gemeinnützigen Verein, der sich mit der Qualität von Lebensmitteln beschäftigt - nachgefragt:

"Die großen Handelskonzerne drücken mit ihrer Marktmacht die Preise – auf Kosten der Bauern und auf Kosten der Tiere. Aldi, Rewe, Lidl, Edeka und Co. haben es in der Hand, bessere Lebensbedingungen für alle Nutztiere durchzusetzen: Sie müssen den Tierhaltern faire Preise garantieren, damit diese von  guter Tierhaltung auch überleben können. Es ist höchste Zeit, dass Bundestag und Bundesrat per Gesetz sicherstellen, dass gute und gesunde Tierhaltung Standard wird. Schnäppchen werden dann weder auf Kosten der Tiere noch der Bauern gehen – und vermutlich nicht mehr für 1,99 Euro zu haben sein."

Matthias Wolfschmidt, Tierarzt und internationaler Kampagnendirektor bei foodwatch

Ende der weiteren Informationen

Plant Aldi, seine Preispolitik nun zu ändern?

ALDI:
Bei ALDI SÜD gilt nach wie vor der Grundsatz, Qualität zum besten Preis anzubieten.Gleichzeitig werden wir weiter daran arbeiten, zu mehr Tierwohl in der Landwirtschaft beizutragen und hier als einer der führenden Händler voranzugehen. Es geht uns nicht um den kurzfristigen Effekt, sondern um nachhaltige Lösungen. Wir betrachten die Verbesserung von Haltungsbedingungen als ein gesamtgesellschaftliches Ziel und möchten dazu beitragen, Wirtschaftlichkeit und Tierwohl in Einklang zu bringen. Unsere Position am Markt nutzen wir dazu, uns entlang der gesamten Lieferkette für eine Verbesserung des Tierwohls einzusetzen. Unsere Anforderungen an die Erzeuger und Lieferanten gehen dabei in vielen Fällen über die gesetzlichen Regelungen hinaus. Dies ist in unserer Tierwohl-Einkaufspolitik transparent dokumentiert und jederzeit einsehbar.

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Stellungnahme foodwatch: Initiative Tierwohl ist ein schlechter PR-Gag

"Die 'Initiative Tierwohl', auf die sich Aldi nun beruft, kann nicht die Lösung sein. Die Initiative ist ein schlechter PR-Gag, mit dem Aldi, Edeka und Co. von ihrer Verantwortung für die inakzeptablen Lebensbedingungen der Nutztiere ablenken wollen. Mit vorwiegend kosmetischen Maßnahmen können die Lebensbedingungen für die Tiere nicht substantiell verbessert werden. Den Landwirten wird nicht annähernd genügend Geld ausgezahlt, um eine nachweislich tiergerechte Haltung zu erreichen. Stattdessen wird den Verbraucherinnen und Verbrauchern vorgemacht, die Produkte aus den Supermärkten entstammen einer tiergerechten Haltung."

Matthias Wolfschmidt, Tierarzt und internationaler Kampagnendirektor bei foodwatch

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Beschwerde-Post auf Facebook über billige Fleischpreise:


Hallo ALDI,

diese Woche habt Ihr BBQ Nackensteak im Angebot. 600 g mariniertes Schweinenacken-Steak für 1,99 €. Weniger als zwei Euro für mehr als ein halbes Kilo Fleisch. Wenn man die Marinade, die Plastikverpackung und die Tamponage, den Transport und die sonstigen Logistik- und Dienstleistungskosten aller am Produkt Beteiligten - vom Bauern, über den Schlachthof, bis hin zum Verkaufspersonal im Laden - abzieht und dann noch berücksichtigt, dass Ihr bei der ganzen Geschichte sicherlich nicht drauf legt, sondern am Ende auch noch eine Marge übrig bleibt, kann man sich in etwa ausrechnen, was bei Euch das Fleisch "wert" ist, das am Ende auf dem Teller liegt. Von preisWERT kann bei diesem Angebot sicher keine Rede sein. Das ist einfach nur billigster Dreck, für dessen Produktion alles und jeder bis zum Anschlag ausgebeutet wurde - am meisten die, die sich am wenigsten wehren können: die Tiere. Ich bin kein ideologisch verblendeter Ökofaschist, aber das, was Ihr tut, ist einfach nur KRANK!! Und Euer Verhalten ist nicht nur zum kotzen, sondern auch verantwortungslos. Es wäre für Euch ein Leichtes, Eure Marktdominanz zu nutzen, um mit gutem Beispiel voran zu gehen und die Zustände positiv zu verändern. Aber daran habt Ihr gar kein Interesse. Stattdessen treibt Ihr im stetigen Kampf um Marktanteile die Preisspirale im Wettbewerb mit den anderen Discountern, die im Übrigen keinen Deut besser sind, immer weiter runter. Billig, billiger, am billigsten - das ist eure Religion. Da hilft es auch nichts, dass es zu eurer neuen Philosophie gehört, dass jetzt alles schick und hochwertig aussieht in den neuen Läden und ich ab sofort auch auf die Toilette gehen kann, wenn ich beim Einkaufen pinkeln muss. Ich schätze, gemessen an dem Fleisch, das man bei ALDI zu kaufen kriegt, handelt es sich bei den Gartengeräten, die ich jüngst bei Euch erworben habe (siehe Foto) um echte Qualitätsprodukte! Ich wünsche Euch von Herzen, dass Ihr vom Verzehr dieser Antibiotika-Schnitzel schlimmes Genitalherpes bekommt mit übelstem Juckreiz, hässlichen eitrigen Pusteln und beißendem Gestank. Aber ich fürchte, dass Ihr dieses ekelhafte Zeug selbst gar nicht anrührt. Und das kann ich sogar verstehen. Naja, vielleicht läuft es ja gut und Ihr bekommt trotzdem irgendeine fiese Seuche. Glück auf!

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