Heiner Geißler 2014
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Heiner Geißler ist tot. Der CDU-Politiker verließ 2002 die Politik. Engagiert hat er sich danach aber weiterhin, ein streitbarer Kopf ist er immer geblieben.

Das erste Mal traf ich Heiner Geißler im September 1989. Ich durfte als junger Reporter das erste Mal zu einem CDU-Parteitag. Damals war Europa in Aufruhr. Unglaubliches zeichnete sich ab. Die Grenze zwischen West und Ost hatte Löcher bekommen. Was mich am meisten erstaunte: Die CDU war mit sich selbst beschäftigt. Der CDU ging es nicht gut.

Helmut Kohl wollte Geißler nicht mehr als CDU-Generalsekretär. Und Geißler nicht mehr Kohl. Nach 16 Jahren CDU-Vorsitz. Es kam zum Aufstand gegen Kohl. Der verpuffte. Andere haben gekniffen, ich nicht, sagte Geißler damals. Und noch etwas: Es war die letzte Chance. Jetzt geht es noch lange so weiter. Geißler war weitsichtig, ohne in Resignation zu verfallen. Er war kein Optimist, aber Realist.

Man muss mit der Zeit gehen

Geißler war jemand, dem man den Politiker nicht gleich ansah. Er war immer ein sportlicher, gutaussehender Typ, der über alles sprechen konnte - über wirklich alles gesprochen hat. Diese Offenheit öffnete  auch andere.  Sein Motto hatte er von Richard von Weizsäcker übernommen: Die Würde des Menschen ist unabhängig vom Urteil anderer Menschen. So sollte es sogar mal im CDU-Parteiprogramm stehen.   

Heiner Geißler war ein wertkonservativer Mensch - das Leben zeigte ihm aber, dass man mit der Zeit gehen muss. Sei es als Sozialminister in Rheinland-Pfalz.  Da gab es in den 60ern mit ihm das erste Kindergartengesetz. Und die ersten Sozialstationen hätte es ohne ihn auch nicht gegeben.

Ein Bürger im besten Sinne des Wortes 

Sei es unter Helmut Kohl - Erziehungsurlaub und  Erziehungsgeld sind mit dem Namen Heiner Geißler verbunden. Aber auch harte Ausfälle:  Er beschimpfte SPD und Grüne als „fünfte Kolonne Moskaus“ und verstieg sich zu der These, dass der Pazifismus der 30er Jahre Auschwitz erst möglich gemacht habe. Später, als er die Rolle des CDU-Generals los war, bereute er das.

Lernen kann man von Heiner Geißler den Umgang mit Niederlagen. Das, was heute jeder in Selbstoptimierungskursen zu hören bekommt, hat er vorgelebt. Niederlagen gehören zum lustvollen Experimentieren im Leben dazu. Und Politik ist ein Teil des Lebens, der jeden angeht. Politik endet auch nicht im Alter und mit dem Ausstieg aus dem Politikbetrieb. Ein Gegenpogramm zur Einsamkeit, in die viele Ex-Politiker schlittern. Heiner Geißler war bis zuletzt kein vergessener, sondern ein gefragter Zeitgenosse. Kein Politiker im engeren Sinne, sondern ein Bürger im besten Sinne des Wortes. 

Sendung: hr-iNFO, 12.09.17, 18:30 Uhr

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