Hülya Özkan
Hülya Özkan Bild © Imago

Die Journalistin Hülya Özkan hat ein Buch darüber geschrieben, wie Erdogan die Deutschtürken radikalisieren will. Im Gespräch erklärt sie, warum sich Türken in Deutschland mit der fremden Politik solidarisieren: Sie fühlen sich von der deutschen vernachlässigt.

In ihrem ersten Buch, "In Erdogans Visier", beschreibt Hülya Özkan, wie Erdogan die Deutschtürken radikalisieren will und was das für uns bedeutet. Die Journalistin moderierte lange die Sendung "heute in Europa" im ZDF.

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Putschversuch Türkei

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hr-iNFO: Frau Özkan, Sie kamen Mitte der sechziger Jahre als Kind türkischer Gastarbeiter nach Deutschland. Sie leben in Mainz und Istanbul. Ein Jahr nach dem vereitelten Militärputsch in der Türkei – wie nehmen Sie die türkische Gemeinschaft in Deutschland heute wahr? Was hat sich verändert?

Hülya Özkan: Am Anfang war die Stimmung schon ziemlich eingeheizt nach dem vereitelten Putsch. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, fast wie ferngesteuert durch die Netzwerke von Erdogan zogen die Leute los und man versuchte diejenigen, die man verantwortlich gemacht hatte für den Putschversuch, in ihre Schranken zu weisen. Es war schon irgendwie eine sehr ungute Situation, natürlich war das im Eifer des Gefechts, das kann ich mir gut vorstellen, dass die Menschen emotional berührt waren und diejenigen, die tatsächlich an diesem Putschversuch beteiligt waren, die müssen natürlich festgenommen und verurteilt werden, aber was wir momentan sehen, ist fast schon so was wie eine Hexenjagd.

hr-iNFO: Kurz nach dem vereitelten Militärputsch in der Türkei gab es in Köln eine Pro-Erdogan-Demo, wie sie in vielen deutschen Medien genannt wurde. Die demonstrierenden Deutschtürken dort wurden scharf verurteilt – wegen ihrer blinden Liebe für Erdogan, aus ihrer Sicht eine Ungerechtigkeit der deutschen Medien?

Hülya Özkan: Das war ja klar, das war ja kurz darauf nachdem Präsident Erdogan angefangen hatte mit dieser "Säuberungswelle". Es kamen ja bereits kurz nach dem Putschversuch Menschen ins Gefängnis, Festnahmen und Entlassungen. Die Öffentlichkeit hat in dem Moment nicht unterschieden, zwischen der wahren Anteilnahme der Menschen, die gesagt haben, sie wollen die Demokratie verteidigen, was nicht hieß, dass sie mit allem, was Erdogan gemacht hat, einverstanden waren. Das ist das Fatale, dass das ständig vermischt wird.

hr-iNFO: Es waren ja auch gerade mal 30.000 Menschen in Köln bei der Demonstration und überall in den Schlagzeilen hieß es, die Deutschtürken feiern Erdogan. Das sind ja gerade mal ein Prozent der Deutschtürken, die hier leben …

Hülya Özkan: Ja, solche Situationen haben wir ja die ganze Zeit. Man sieht, wie Erdogan versucht, die Situation wie in der Türkei auch zu polarisieren und die Menschen auch zu instrumentalisieren. Das klappt zum Teil, aber ich glaube, dass die deutsche Öffentlichkeit schon so ein bisschen mehr Ruhe bewahren sollte, weil wie Sie schon sagten, das ist nur eine kleine Minderheit, die auf die Straße gegangen ist. Das Gleiche ist ja auch passiert beim Referendum, wo es hieß, um Gottes Willen, so viele Erdogan-Fans haben ihn gewählt. Die anderen wurden da schon gar nicht mehr gesehen. Wenn man das jetzt auf die drei Millionen hochrechnet, waren das etwa bis zu 14 Prozent Erdogan-Fans, die wir hier in Deutschland haben und die eben zu Kundgebungen gehen oder ihn wählen oder für ihn demonstrieren gehen.

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Erdogan

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hr-iNFO: Viele Deutsche waren – das ist mein Eindruck – erschrocken darüber, aus welcher starken Überzeugung viele Deutschtürken in die Fernsehkameras sagten, dass sie Türken seien und auch immer bleiben würden. Glauben Sie, dass die Mehrheit der Deutschtürken so fühlt und wie erklären Sie sich dieses starke Zugehörigkeitsgefühl zur türkischen Nationalität?

Hülya Özkan: Das wird so in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Aber die Opposition nimmt man ja gar nicht mehr wahr. Das sind immer die Deutschtürken, die genauso wie Erdogan islamisch-konservativ sind, die viel Rabatz machen, die auf die Straßen gehen, die anderen nehmen wir nicht wahr. Aber was mit diesen Leuten geschieht, die von Erdogan instrumentalisiert werden, das ist ganz klar, er verleiht ihnen ja ein Gefühl von Stärke und Stolz. Er gibt ihnen eine Prise Nationalismus, eine Prise Osmanismus und eine Prise Islamismus und da wird eine tolle Suppe daraus. Er verleiht ihnen ebenso das Gefühl, dazu zu gehören, und weil sie von der deutschen Politik enttäuscht sind, die sie ihrer Meinung nach ausgrenzt und als Menschen zweiter Klasse betrachtet. Da trifft er natürlich ins Schwarze.

hr-iNFO: Ist es denn die deutsche Politik, von der sie sich enttäuscht fühlen, oder die deutsche Gesellschaft?

Hülya Özkan: Ich glaube, in der deutschen Gesellschaft gibt es so viele schöne Verbindungen und Kontakte zwischen Türken und Deutschen. Das ist es nicht, sie sind wirklich enttäuscht von der deutschen Politik. Diese Politik, sie auszugrenzen, sie immer noch als Fremde wahrzunehmen, man muss sich ja vorstellen, diese Frustmomente haben sich ja angehäuft, es gab zum Beispiel die Brandanschläge auf ihre Häuser, dann gab es die Sarrazin-Debatte, dann die NSU-Morde, dann Versuche, Integrationsthemen mit Islamthemen zu vermengen, und da wird alles in einen Topf geworfen und im Grunde spüren sie schon diese parteipolitische Profilierung von Seiten der deutschen Politik und finden das ziemlich unfair, weil sie denken, dass sie Respekt und Anerkennung für ihre Leitung erwarten könnten.

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Türkei Referendum

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hr-iNFO: Viele Politiker, allen voran der CDU-Politiker Jens Spahn, kritisierten die Deutschtürken für ihre Verbundenheit mit der türkischen Politik. Spahn forderte, dass sich die Deutschtürken entscheiden müssten, zu wem sie halten, Deutschland oder Türkei. Er stellte sogar die doppelte Staatsbürgerschaft in Frage. Hat das die negative Stimmung unter den Deutschtürken angeheizt? Haben sich viele Deutschtürken darüber erschreckt?

Hülya Özkan: Auf jeden Fall! Das Gefühl, dass das nicht aufhört, diese parteipolitische Profilierung, und einfach punkten zu wollen auf Kosten der Türken, bloß weil ein Teil der Deutschtürken für Erdogan demonstriert hat, da kann man doch nicht sagen, dass die Integration insgesamt gescheitert wäre! Und dass man jetzt auf einmal alles in Frage stellt und den Doppelpass abschaffen möchte, das zeigt doch diese alten Reflexe wie 1999 – wir können uns noch gut daran erinnern, als Roland Koch eine Unterschriftenaktion initiiert hat gegen den Doppelpass und die Wahl als Ministerpräsident sogar gewonnen hat. Ich war dort und kann mich erinnern, dass viele Leute loszogen und fragten, "wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?"

hr-iNFO: Wie schafft es der türkische Präsident Erdogan, die Deutschtürken zu beeinflussen und was will er damit überhaupt bezwecken?

Hülya Özkan: Zum einen hat er hier ein Riesen-Netzwerk aufgebaut mit Hilfe dieser Lobby-Organisationen wird seine Klientel auf Linie gebracht. Und dann natürlich über die sozialen Medien, die Fernsehsender, die die Türken hier empfangen können, die Zeitungen und so weiter. Aber andererseits füllt er ja auch ein Vakuum aus, das die deutsche Politik hinsichtlich der Deutschtürken hinterlassen hat. Es ist ja so etwas wie eine verschmähte Liebesbeziehung, die die Türken gegenüber Deutschland empfinden. Und das treibt die Menschen in die Arme von Erdogan. Und er weiß es ja auch geschickt, damit umzugehen. Er nutzt ja auch die emotionale Bindung zur Türkei aus.

hr-iNFO: Was müsste Deutschland tun, um das Verhältnis zu seinen Deutschtürken zu verbessern?

Hülya Özkan: Wenn ein Teil der Deutsch-Türken tatsächlich spürt, dass er ausgegrenzt wird, dann muss man eine Politik betreiben, die die Deutschtürken als Bürger ansieht und nicht als Bürger zweiter Klasse. Sie sind ja auch das Volk! Die Türken sind sehr emotional, ich glaube, so schwer wäre das nicht, ein kleines Zeichen, dass sie willkommen sind, dass sie keine Fremden sind, das würde ja schon helfen!

hr-iNFO: Wir sind beide Journalistinnen. Wir dürfen uns auch selbst kritisieren. Ist die Berichterstattung über die Türkei zu arrogant? Und treibt das nicht auch viele Deutschtürken noch weiter in die Arme Erdogans?

Hülya Özkan: Ja, das ist leider so, dass man schon die Stimmung, sicher nicht absichtlich, anheizt. Denn das sind natürlich tolle Bilder, wenn ich Großkundgebungen zeigen kann, wenn ich ein paar Türken sehe, die sich in türkische Fahnen hüllen, wenn sie was skandieren oder die Todesstrafe wollen. Das kann einer sein, aber diese Bilder verstärken natürlich auch für die Öffentlichkeit. Was sind das für Leute? Die müssen doch eigentlich zufrieden sein hier in Deutschland. Warum demonstrieren die für jemanden, der in der Türkei gerade dabei ist, die Demokratie abzuschaffen? Also mit Bildern kann man sehr viel erreichen zum Negativen hin und da müssen wir natürlich versuchen, differenzierter zu arbeiten.

Die Fragen stellte Isabel Reifenrath (Politikredaktion.)

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