Jemen
Menschen in Sanaa in den Trümmern ihrer Wohnhäuser, die im Rahmen der saudi-arabisch geführten Militärintervention zerstört wurden. Bild © picture-alliance/dpa

Die Lage im Jemen als katastrophal zu bezeichnen, schmeichelt den Verhältnissen. Es fehlt an allem, nur nicht an Krieg und Tod. Und doch ist es eine Tragödie, die die Welt kaum zu interessieren scheint - und deren Lösung im Konflikt zu Interessen der internationalen Politik steht.

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zum Artikel Die humanitäre Katastrophe im Jemen - Gespräch mit Tarek Al-Wazir

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Vor ein paar Tagen habe ich mit ausländischen Helfern telefoniert, die im Jemen versuchen, Menschenleben zu retten. Sie erzählten mir, dass sie das Elend natürlich emotional belastet. Schlimmer sei allerdings, dass sich die Tragödie lautlos entfaltet und außerhalb des Landes kaum auf Interesse stößt. Offenbar fühlen sich nicht nur die Jemeniten von der Welt verlassen, sondern auch die ausländischen Helfer. 

Apokalyptische Statistiken

Vertreter von den Vereinten Nationen oder vom Roten Kreuz veröffentlichen immer neue Zahlen, um mit apokalyptischen Statistiken die Welt aufzurütteln. 400.000 Cholera-Infizierte und fast 2.000 Cholera-Tote seit April, sieben Millionen Menschen, die von einem qualvollen Tod durch Krankheit bedroht sind sowie durch Verhungern, denn die Lebensmittelversorgung ist zusammengebrochen.

60 Prozent der Menschen im Jemen wüssten nicht, wo sie die nächste Mahlzeit erhalten könnten, erklärte ein hochrangiger UN-Funktionär soeben in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Ein Superlativ jagt den nächsten, leider ohne große Wirkung. Die Weltgemeinschaft hat erst ein Fünftel der Gelder bereitgestellt, die nötig sind, um die Cholera-Epidemie zu bekämpfen, und erst ein Drittel jener Summe, die für die humanitäre Tragödie im Jemen insgesamt gebraucht wird.

Die Empathie ist offenbar aufgebraucht

Immer wieder feiert man die Errungenschaften der Zivilisation in Wissenschaft und Technik – und vergisst dabei, dass die Toten im Jemen – zynisch formuliert – ebenfalls eine "Errungenschaft" der Zivilisation sind. Denn die Tragödie dort ist keine Folge einer Naturkatastrophe. Sie ist von Menschen gemacht. Und von Menschen kann sie auch beendet werden.

Aber die Empathie ist offenbar aufgebraucht. Nach Jahren der Kriege in Syrien und anderswo herrschen Abstumpfung und Ratlosigkeit. Bloß gut, dass die Jemeniten nicht auch noch in großer Zahl als Flüchtlinge in Europa landen.

Internationale Politik ist in der Zwickmühle

An Krieg und Elend im Jemen sind zwar alle Konfliktparteien schuld, aber die Luftangriffe der von Saudi-Arabien geführten Koalition spielen eine besondere Rolle. Denn mit dem Königreich bombardiert eines der reichsten Länder der Welt eines der ärmsten.

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Das bringt die internationale Politik, auch die des Westens, in eine Zwickmühle. Denn sie braucht dieses reiche Land als Partner – bei der Lösung überregionaler Konflikte, beim Kampf gegen den Extremismus und in der Wirtschaft – und hält sich deshalb mit Kritik an Saudi-Arabien zurück. Die Menschen im Jemen haben also das Pech, dass ihr Leid kaum noch jemanden aufrüttelt und dass sie für eine handfeste Interessenpolitik, die ihnen hilft, leider nicht wichtig genug sind.

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Sendung: hr-iNFO, 11. August 2017, 6:10 Uhr

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