Angela Merkel mit skeptischem Gesichtsausdruck
Kanzlerin Angela Merkel - hat sich die Machtstrategin verzockt? Bild © picture-alliance/dpa

Seit zwölf Jahren hält sich Angela Merkel erfolgreich an der Macht. Doch seit dem Abschluss der Koalitionsverhandlungen von Union und SPD steht sie heftig unter Beschuss. Wie hat sich Angela Merkel so lange ganz oben halten können? Und hat sie sich jetzt verspekuliert?

Was nützt mir, meine Ziele umzusetzen? Wer kann mir helfen auf meinem Weg? Helmut Kohl nützte Angela Merkel lange Zeit. Er förderte sie, er protegierte sie. "Kohls Mädchen" wurde sie genannt. Doch irgendwann wurde die Nähe zur Gefahr. Kohl drohte, sie mit in den Spendensumpf zu ziehen. Merkel, damals Generalsekretärin, war inzwischen selbst stark genug, ohne den Schutz des großen, alten Mannes der CDU auszukommen. 1999 distanziert sie sich von ihm.

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Ihr Mentor hatte sie unterschätzt – wie so viele. Ein Beispiel, das zeigt, wie Angela Merkel mit der Macht arbeitet. Das muss nicht immer groß und dramatisch sein. Oft sind es auch zunächst scheinbar kleine Wendungen, auch wenn die sich im Nachhinein nicht selten auch als historisch entpuppen. Wie bei der sogenannten Ehe für alle. Nachdem sie die Option einer Gewissensentscheidung für die Abgeordneten ins Spiel gebracht hat, kommt die Abstimmung im Bundestag in Rekordzeit. In der letzten Bundestagssitzung vor der Wahl geht es um ein konkretes Gesetz. Verhindern kann es Merkel nicht, obwohl sie gegen die Ehe für alle stimmt. Was soll's, in den Geschichtsbüchern steht sie als Wegbereiterin dieser gesellschaftlichen Modernisierung.

"Eine hervorragende Machtstrategin"

Ausstieg aus der Wehrpflicht, Ausstieg aus der Atomkraft – Angela Merkel hat ihrer Partei schon immer viel zugemutet. Frauenquote, Elterngeld, auch keine ureigenen CDU-Themen - aber die Zeit war reif dafür. So macht Merkel Politik: Sie nimmt Stimmungen wahr, analysiert gesellschaftliche Veränderungen, überlegt lange und wägt dann Vor- und Nachteile ab. Dann folgt eine Entscheidung. Im Wahlkampf 2017 erklärt sie selbst wie "merkeln" geht: "Bei mir dauert es manchmal ewig, aus der Perspektive der Außenwelt, bis ich mich entschieden habe. Und wenn ich dann die Entscheidung getroffen habe, dann hadere ich eigentlich so gut wie nie."

Die Entscheidung: meist ein Kompromiss, bei dem sie versucht, möglichst viele mitzunehmen. Wie viel Merkel dann da noch drinsteckt, ist für sie zweitrangig. So sieht das auch Julia von Blumenthal, Politologin an der Berliner Humoldt-Uni: "Es ist eine pragmatische Art, Politik zu machen. Es ist eine eher moderierende Art Politik zu machen. Und es ist natürlich auch eine Politik, die zeigt, was für eine hervorragende Machtstrategin sie ist. Dass es ihr eben doch fast immer gelingt, sich dann eine Position zu eigen zu machen, die sich dann auf Dauer als mehrheitsfähig erweist."

Für viele in der CDU hört der Spaß auf

Das ist der Merkel-Stil. Und damit fährt sie lange gut. In all den Jahren gerät Merkel selten unter Druck – zumindest persönlich. Doch nun scheint etwas anders zu sein. Nach der Bundestagswahl scheitert der Versuch, etwas ganz Neues auf die Beine zu stellen: eine Regierung aus CDU, CSU, FDP und Grünen. Die Jamaika-Sondierungen platzen. Merkel hat nur noch eine Chance, an der Macht zu bleiben. Sie braucht jetzt die SPD. Es muss eine Neuauflage der Großen Koalition her. In den Sondierungen dazu macht Merkel, was sie immer macht: Sie moderiert, vermittelt, nimmt sich selbst zurück. Öffentliche Äußerungen: selten. Und wenn, dann unkonkret. Nichts versprechen, nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, keine falschen Erwartungen wecken.

Am Ende moderiert Merkel die CDU fast aus dem Koalitionsvertrag raus. Vor allem aus der letzten Seite, die mit der Überschrift: Ressortverteilung. Kurz vor dem Abschluss der Koalitionsverhandlungen steht sie so unter Druck, dass sie das Finanzministerium hergibt. Und auch sonst bleibt der CDU keines der Ressorts, die nach dem ungeschriebenen Ranking der Ministerien entweder für Macht oder für Geld oder zumindest für Glamour stehen. Inhalte hin oder her – bei vielen in der CDU hört da der Spaß auf.

Das Ende ihrer Kanzlerschaft bedeutet das noch lange nicht. Aber es könnte eine Zäsur sein. Bei diesen Verhandlungen hat sich Angela Merkel möglicherweise verspekuliert. Sie hat die CDU weg-moderiert. Jetzt sind die Fähigkeiten als Machtstrategin gefragt. So sehr wie nie zuvor.

Sendung: hr-iNFO, 12.2.18, 16:10 Uhr

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