Demografie Senioren Rentner Sujet
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Wenn nach einem Leben voller Arbeit das Geld trotzdem kaum reicht für Wohnung und Essen, dann ist das für die Betroffenen bitter. Ob Altersarmut aber wirklich ein strukturelles Problem ist, da sind sich Wissenschaft und Politik uneinig. Und so eignet sich das Thema auch gut für die Auseinandersetzung im Wahlkampf.

Für Iris Jackson ist das Leben oft eine Rechenaufgabe. Die 75-Jährige aus Frankfurt hat gearbeitet, solange sie sich erinnern kann. Aber viel verdient hat sie nie. Ihre Nettorente beläuft sich auf knapp 700 Euro. Vor ein paar Jahren ist ihr Mann, ein US-Amerikaner, gestorben. Seitdem bekommt sie aus den USA noch eine kleine Zusatzrente. "Wenn ich Miete, Heizung, Telefon, Radio, Hausrat- und Haftpflichtversicherung, RMV-Fahrkarte und so weiter abrechne,  dann komme ich so auf 150 zum Leben", sagt Jackson. 150 Euro für einen ganzen Monat. Da will jeder Schritt genau überlegt sein.

"Theater, Museum und gewisse Luxussachen kann ich mir nicht erlauben", sagt sie. "Frankfurt-Pass gibt es nicht, weil ich mit meinem Einkommen ein paar Euro drüber liege. Ich überlege mir immer, wie viel kostet das, wenn ich irgendwo hingehe, an Eintritt, also ich gucke schon: Wo komme ich umsonst rein." Dabei ist die Frankfurterin nach dem gängigen Rechenmodell gar nicht arm. Sie muss mit knapp 1.200 Euro im Monat auskommen. In einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung wird die Armutsgrenze bei knapp 960 Euro gezogen. Doch in Frankfurt sind die Lebenshaltungskosten besonders hoch – und damit auch das Armutsrisiko. Laut Studie soll 2036, also in 19 Jahren, jeder fünfte Rentner von Armut betroffen sein.

Immer häufiger Grundsicherung im Alter nötig

Unstrittig gelten Rentner als arm, wenn sie so wenig Rente bekommen, dass sie zusätzlich Grundsicherung im Alter bekommen. Heißt: Die Rente wird aufgestockt, um neben Lebensmitteln auch Miete und Heizung bezahlen zu können. Die Deutsche Rentenversicherung rät Neurentnern zu prüfen, ob sie Grundsicherung bekommen können, wenn sie insgesamt weniger als 823 Euro im Monat haben. Die Zahl der über 65-Jährigen, die Grundsicherung im Alter bekommen, hat sich von 2003 bis 2016 mehr als verdoppelt – auf bundesweit gut 525.000 Menschen.

Doch wie groß ist das Problem der Altersarmut wirklich? Bei den Parteien gehen die Einschätzungen weit auseinander.  Die SPD zum Beispiel sieht ein ernst zu nehmendes Problem. Und so stellte Kanzlerkandidat Martin Schulz vor vier Wochen auch ein ganzes Rentenkonzept vor: Rentenniveau stabilisieren, Beiträge deckeln - mit dieser "doppelten Haltelinie" will die SPD auch Altersarmut verhindern. Die CDU gibt sich da gelassener. So umfasst das Wahlprogramm, das am Montag vorgestellt wurde, gar kein Rentenkonzept. Weitere Reformen seien aktuell nicht nötig, argumentierte zum Beispiel CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn.

Finanzielle und soziale Armut

Doch was bedeutet Armut im Alter für die Betroffenen? Es sei nicht nur eine Frage des Geldes, sagt Professor Frank Unger. Er leitet den Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Fulda. Im vorigen Jahr hat Unger eine Studie zur Entwicklung der Altersarmut in Osthessen vorgelegt. Er hat festgestellt, dass es alten Menschen im ländlichen Raum besser geht. Nicht nur finanziell: "Wenn man auch noch fokussiert auf die Frage der gesellschaftlichen Teilhabe, der Möglichkeiten, so ist es in der Tat so, dass im ländlichen Raum soziale Struktur, kulturelle Teilhabe deutlich besser ist, und man kann feststellen, dass Menschen, die möglicherweise als arm gelten würden, das im ländlichen Raum gar nicht als arm wahrnehmen, weil sie relativ gut eingebunden sind."

Die Gruppen, die Altersarmut besonders fürchten müssen, seien aber in der Stadt und auf dem Land dieselben: "Frauen, Alleinstehende, gering qualifizierte Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund", sagt Frank Unger. '"Wir stellen fest, dass sich die Armut bei diesen Personengruppen verfestigt. Und insbesondere der Anteil der Frauen ist aktuell schon deutlich höher als der der Männer."

Die verschämte Armut

Glaubt man der Bertelsmann-Studie, wird er weiter überproportional ansteigen. Mit gravierenden Folgen für die Betroffenen. Viele der älteren Menschen, bei denen das Geld kaum zum Leben reicht, ziehen sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Aus Scham, sagt Heidi Weinrich, die Leiterin der kommunalen Altenplanung in Offenbach. "Das ist ein ganz großes Problem. Wir nennen es die verschämte Armut. Der siebte Altenbericht der Bundesregierung spricht sogar von fast 50 Prozent Menschen, die nicht zum Sozialamt gehen, um etwas zu beantragen. Und das wäre natürlich eine Katastrophe eigentlich."

Auch Iris Jackson kennt Menschen, die sich und ihre finanzielle Not lieber verstecken. Sie selbst tickt anders. "Ich will mir den Luxus erlauben, dass ich mich mit Leuten treffe, Kaffeetrinken gehe, und hab Spaß", sagt sie. "Ich will nicht zuhause sitzen. Ich bin kein Typ, der so schnell aufgibt."

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