weltraumschrott
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In 60 Jahren Raumfahrt hat sich rund um die Erde jede Menge Schrott angesammelt. Das reicht von alten Satelliten bis hin zu mehr als 700.000 kleineren Trümmerstücken, die etwa bei Explosionen entstanden sind. Dieser rasende Schrott wird für die Raumfahrt allmählich zum Problem.

Fachleute aus aller Welt beraten ab heute im Weltraumkontrollzentrum ESOC in Darmstadt, was man gegen den Weltraumschrott unternehmen kann. Dabei geht es auch darum, was passiert, wenn ein alter Satellit zum Beispiel Kurs auf die Erde nimmt und abstürzt. hr-iNFO-Raumfahrtexperte Dirk Wagner beantwortet dazu die wichtigsten Fragen.

hr-iNFO: Wie groß ist die Gefahr, dass uns ein Stück Weltraumschrott auf den Kopf fällt?

Dirk Wagner: Die Gefahr ist zum Glück sehr gering, weil der meiste Schrott beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglüht - wie eine Sternschnuppe. Gerade kleine Trümmerteile sind deshalb kein Problem. Aber größere Trümmer – vor allem aus Metall, mit einem hohen Schmelzpunkt – können den Wiedereintritt überstehen – und den Boden erreichen. Dazu gehören leere Tanks von Raketenstufen oder Teile von Triebwerken, die besonders massiv und hitzebeständig sind. Wenn einem sowas auf den Kopf fällt, dann ist das natürlich gefährlich.

Fachleute haben mal ausgerechnet, wie hoch das Risiko ist, dass ein Mensch von einem Stück Weltraumschrott getroffen und verletzt wird. Und da können wir dann doch wieder durchatmen: Dieses Risiko liegt demnach bei - eins zu einer Billion. Zum Vergleich: Die Chance, den Jackpot im Lotto zu gewinnen, liegt bei 1 zu 140 Millionen, also: Bevor ich von einem Stück Weltraumschrott verletzt werde, gewinne ich eher im Lotto.

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Wie Forscher den Weltraumschrott verringern wollen

In Darmstadt treffen sich Experten aus aller Welt, um nach Lösungen zu suchen. [mehr]

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hr-iNFO: Trotzdem hat es immer wieder Fälle gegeben, in denen ganze Satelliten auf die Erde gestürzt sind. Ist da schon mal etwas Ernsthaftes passiert?

Dirk Wagner: Es ist zumindest noch kein Mensch dabei zu Schaden gekommen. Es gibt einen Bericht aus dem Januar 1997, da wurde eine Frau in den USA angeblich von einem Stück Weltraumschrott an der Schulter getroffen, als sie draußen war. Dieser Bericht wird von Fachleuten auch ernst genommen, weil zu dem Zeitpunkt tatsächlich eine alte Raketenstufe verglüht war, von der auch Teile den Boden erreicht haben. Das Teil, das die Frau getroffen hat, war aber ein sehr leichtes von einer Tankisolierung, so dass sie das nur bemerkt hat, aber nicht verletzt wurde.

Allerdings gab es auch schon ganz andere Fälle: Im Jahr 1978 ist ein russischer  Satellit - „Kosmos 954“ - über Kanada abgestürzt. Der hatte einen Atomreaktor an Bord. Und von dem haben radioaktive Trümmer den Boden erreicht – zum Glück auch hier in einer unbewohnten Region. Oder – auch ein bekannter Fall – die US-Raumstation Skylab kam 1979 runter – unkontrolliert – über Australien. Auch da haben die Trümmer keinen Schaden angerichtet.

Jetzt kann man sagen: Da haben die Leute Glück gehabt, Haken dran. Aber es kommen praktisch jeden Tag kleine Trümmerteile oder ganze Raumfahrzeuge runter. Das meiste verglüht, ohne dass wir davon überhaupt etwas merken. Aber im Schnitt gibt es jedes Jahr weniger als einhundert Fälle, bei denen Teile von Raumfahrzeugen den Wiedereintritt überstehen, die also nicht komplett verglühen.

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hr-iNFO: Wovon hängt es überhaupt ab, wo ein Satellit runterkommt?

Dirk Wagner: Solange die Bodenkontrolle den Satelliten noch unter Kontrolle hat, ist das alles kein Problem – dann kann man ihn über unbewohntem Gebiet zum Absturz bringen. Das Problem sind die alten Satelliten, die man nicht mehr steuern kann. Bei denen gibt es eine ganze Reihe von Faktoren, die es sehr schwierig machen, genau vorherzusagen, wo sie runterkommen. Das eine ist die Umlaufbahn, auf der sich der Satellit bewegt – die bestimmt, über welche Gebiete er fliegt. Dann hängt es vom aktuellen Zustand der Atmosphäre ab, wie schnell er abgebremst wird, wie schnell er an Höhe verliert. Da spielt auch die Form des Satelliten eine Rolle. Deshalb kann man erst wenige Stunden vorher wirklich einen exakten Korridor bestimmen, wo die Trümmer wahrscheinlich herunterfallen werden. Und wenn er dann beginnt zu verglühen, kommt es wieder darauf an, wie er sich zerlegt, welche Trümmerteile vielleicht den Boden erreichen. Soll heißen: Wenn ein Satellit erst mal außer Kontrolle geraten ist, kann man eigentlich nur noch zuschauen und versuchen, so genau wie möglich zu berechnen, wo er wahrscheinlich herunterkommen wird.

hr-iNFO: Wenn man den Satelliten aber noch unter Kontrolle hat und ihn als Weltraumschrott „entsorgen“ will, wo lässt man den am besten abstürzen?

Dirk Wagner: Die Erde hat ja einen großen Vorteil: Sie ist zum Großteil mit Wasser bedeckt. Also lässt man ausgediente Raumfahrzeuge am besten über dem Meer abstürzen, und zwar über dem Pazifik. Dort werden regelmäßig die Frachtraumschiffe entsorgt, die zur Internationalen Raumstation ISS fliegen. Da packen die Astronauten vorher noch Müll rein, auch schmutzige Unterwäsche. Das verglüht dann alles oder versinkt im Meer. So hat man das übrigens auch mit der russischen Raumstation „Mir“ gemacht. Das war der größte Brocken bislang, den man kontrolliert zum Absturz gebracht hat – 120 Tonnen etwa.

Damals haben die Russen einen unbemannten Frachter angekoppelt mit extra viel Treibstoff an Bord. Der hat die Station Stück für Stück auf eine immer niedrigere Umlaufbahn gesteuert – und am Ende über dem Pazifik verglühen lassen. Bei so einem Brocken, mit massiven Metallteilen, kommt aber auf jeden Fall etwas am Boden an. Deshalb werden bei so einem Manöver vorher immer Flugrouten in der Nähe gesperrt und Schiffe informiert, damit niemand zu Schaden kommt. So wird das irgendwann auch mal mit der Internationalen Raumstation ISS laufen. Die hat eine Masse von rund 420 Tonnen und ist mit den Solarzellenauslegern so groß wie ein Fußballfeld. Das würde einen richtigen Rumms machen, wenn die irgendwo auf bewohntes Gebiet fallen sollte – wird aber nicht passieren. Die wird mit viel Vorlauf und langer Planung kontrolliert zum Absturz gebracht werden, ohne dass etwas passiert.

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