Dicke Kinder
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Die Weltgesundheitsorganisation schlägt Alarm: Die Zahl extrem dicker Kinder und Jugendlicher hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten mehr als verzehnfacht. Schuld daran seien jedoch nicht Kinder und Eltern, sondern die politisch Verantwortlichen, sagt der Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft Martin Wabitsch.

Während 1975 weltweit etwa elf Millionen Fünf- bis 19-Jährige fettleibig waren, waren es im vergangenen Jahr 124 Millionen, berichten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Imperial College London zum Welt-Adipositas-Tag am 11. Oktober im Fachblatt "The Lancet". Weitere 213 Millionen Kinder seien übergewichtig. Wir haben mit Martin Wabitsch über die Gründe gesprochen.

hr-iNFO: Was sind die Ursachen für diese Entwicklung, dass es immer mehr fettleibige Kinder gibt?

Wabitsch: Es ist nicht die Schuld der Kinder, dass immer mehr Kinder zu dick sind. Deswegen ist es auch so alarmierend: Hier trägt die Politik die Verantwortung - eben jene, die für die Lebensbedingungen, unter denen Kinder heute aufwachsen, verantwortlich sind. Kinder sind einer Lebensumgebung ausgesetzt, die dazu führt, dass sie so stark an Gewicht zunehmen. Da muss Alarm geschlagen werden, weil wir das nicht weiter zulassen können. Das ist unverantwortlich dieser Generation gegenüber. Die Eltern selbst haben nur begrenzt Möglichkeiten, ihren Lebensstil so zu gestalten, dass die Kinder eine gesunde Gewichtsentwicklung haben.

Zucker, Werbung, Fertigkost

Ein paar Beispiele zu den Ursachen, wobei man wissen muss, dass das immer sehr komplexe Zusammenhänge sind. Aber eine Ursache ist ganz bestimmt der hohe Zuckerkonsum, den wir bereits bei kleinen Kindern haben, das fängt ja schon mit der Säuglingsnahrung an und geht dann weiter über die Kleinkinderernährung und Schulernährung. Wir wissen, dass Zucker eine der treibenden Kräfte ist, um Gewicht nach oben zu bringen. Und Zucker gibt es in Getränken, Zucker gibt es aber auch ganz versteckt in industriell gefertigter Nahrung. Das ist eins der Probleme, aber nicht das einzige.

Es ist auch die Energiedichte der modernen Ernährung, die wir eben nicht mehr selber zubereiten, sondern die verkauft wird, geschmacklich attraktiv in schönen Behältern und Farben und mit viel Werbung an die Kinder gerichtet. Das sind die großen Themen. Und gleichzeitig wissen wir, dass Kinder sich deutlich weniger bewegen. Es ist also nicht nur das Gewicht, das nach oben geht. Das Gewicht besteht grob aus Fett und Muskel und wir wissen, dass in der Zeit von 1975 bis heute die Muskelmasse der Kinder sogar abgenommen hat und die Fettmasse zugenommen hat. Das gilt auch für die Normalgewichtigen, weil die Kinder sich heute weniger bewegen und viel mehr sitzende und körperlich inaktive Zeitabschnitte am Tag haben.

hr-iNFO: Wie wirkt sich das auf die Psyche eines Kindes aus, wenn es fettleibig ist?

Wabitsch: Es ist heute immer noch so, dass wir den dicken Menschen einordnen - dass der faul ist, dass der übel riecht und dass der bequem ist. Vielleicht ordnen wir ihm auch noch eine gewisse Gemütlichkeit zu, das wäre was Positives. Aber im Grunde ist es so, dass wir die dicken Menschen in eine Schublade stecken und sagen, die sind selber schuld. Die bewegen sich nicht und die essen zu viel. Und das stimmt halt nicht, sondern da gibt es eine biologische Grundlage und die Bedingungen, unter denen wir heute leben, sind die Ursache, nicht das Individuum.

"Unter aktuellen Lebensbedingungen kann ein adipöses Kind nicht normalgewichtig werden"

Und das ist bei Kindern was ganz Schreckliches – wenn die in der Schule beim Sportunterricht dann ausgelacht werden oder nur noch im Tor stehen dürfen, weil sie so dick sind. Oder die Erwachsenenwelt sagt: ‚Pass doch mal auf, iss nicht so viel Schokolade, kümmer Dich mal um Dein Gewicht!‘ Die Eltern gehen oft so mit den Kindern um: ‚Jetzt isst der schon wieder was, kannst Du nicht besser aufpassen?‘

Das ist eine völlig verkehrte Reaktion auf das Dicksein und das wirkt sich auf die Psyche aus. Die Kinder haben ein vermindertes Selbstwertgefühl, ein verändertes Selbstbild, das ihnen aber vor allem durch die Gesellschaft widergespiegelt wird, und das führt dazu, dass sie dann auch Richtung depressive Verhaltensweisen marschieren und echte Depressionen dann im Jugendalter auch auftreten.

hr-iNFO: Wie groß sind Erfolgschancen, übergewichtige Kinder zu therapieren? Bleiben fettleibige Kinder später als Erwachsene zu dick?

Wabitsch: Das Problem sind die Lebensbedingungen, die wir heute haben, und unter diesen Bedingungen kann ein adipöses Kind nicht normalgewichtig werden. Das geht nicht. Man kann das Gewicht so um fünf bis zehn Prozent willentlich steuern über die Länge – ich meine jetzt nicht, dass ich heute nichts esse und eine Woche lang abnehme, das kann jeder. Es geht darum: Was wiege ich in einem Jahr, was in zwei Jahren? Und das kann ich über eine willentliche Steuerung im Durchschnitt so zu fünf Prozent beeinflussen. Ausnahmen bestätigen immer die Regel, aber die großen Studien zeigen diese Werte.

Das heißt, die Ergebnisse der Schulungsprogramme sind positiv – wir haben gute Ergebnisse, aber sie sind so, dass ein Adipöser nicht schlank wird. Und das ist oft das Problem – dass die Erwartungshaltung an die Programme und dann auch die Enttäuschung, wenn die Kinder nicht schlank werden, ein weiteres Rädchen ist an dem schwierigen System und das erneut zu Frustration und Negativerlebnissen führt.

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Sendung: hr-iNFO, 11.10.2017, 16:10 Uhr

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