Intersexualität: Die Wahl des dritten Geschlechts
Ein "positiver" Eintrag ins Geburtenregister: Bundesverfassungsgericht fordert drittes Geschlecht Bild © dpa

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Im Geburtenregister soll ein drittes Geschlecht erfasst werden dürfen. Doch was bedeutet das? Und warum ist das wichtig?

Fast alle Menschen können biologisch eindeutig als Frau oder als Mann eingeordnet werden. Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer ein X, ein Y-Chromosom. Aber es gibt auch Menschen, genannt „Intersexuelle“, die wir nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zuordnen können. Zum Beispiel können sie nur ein X-Chromosom haben, oder zwei X-Chromosomen und ein Y-Chromosom.  

Es kann aber auch an den Hormonen oder am Körperbau liegen, dass sich manche Menschen weder als Frau noch als Mann fühlen. Lucie Veith war bis Mitte dieses Jahres Vorsitzende des Bundesverbandes Intersexueller Menschen und erklärte vor einiger Zeit dem hr: "Das ist auch nichts, was wir uns ausgedacht haben, sondern was man wissenschaftlich nachweisen kann. Es geht also um Körper und um Identitäten. Und jeder intersexuelle Mensch hat eine geschlechtliche Identität. Die kann entweder männlich, weiblich, sowohl als auch, weder noch oder etwas ganz anderes sein. Es geht eigentlich darum, das sichtbar zu machen."

Eintrag als „inter/divers“

Sich sichtbar machen – darauf haben auch Intersexuelle ein vom Grundgesetz verbrieftes Recht: Das entschieden jetzt die Richter in Karlsruhe. 2013 wurde im Personenstandsgesetz schon neu geregelt, dass die Geschlechtsangabe im Geburtseintrag offenbleiben kann, wenn diese nicht zweifelsfrei feststeht. Das Geschlecht einfach weglassen: Das reichte einer Klägerin aber nicht. Sie ging damit bis nach Karlsruhe, weil sie in ihrer Geburtsurkunde den Eintrag „weiblich“ gestrichen haben wollte. Sie wollte dafür aber einen anderen Eintrag, zum Beispiel „inter/divers“ . Das aber lehnte das Standesamt ab, weil es nur weiblich oder männlich eintragen oder das Geschlecht  weglassen kann. Das, so entschieden die Richter jetzt, verstößt gegen ein Grundrecht, denn es benachteiligt Menschen, wenn sie – anders als Männer oder Frauen – nicht ihrem Geschlecht gemäß registriert werden können.

Jetzt muss, das verlangt das Verfassungsgericht, bis Ende 2018 diese Diskriminierung abgeschafft werden. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der Bundestag schafft den Geschlechtereintrag einfach für alle ganz ab. Oder: Er schreibt den Standesämtern vor, neben „weiblich“ und „männlich“ eine dritte Bezeichnung einzuführen. Wie die aussehen soll, das haben die Richter der Politik nicht vorgeschrieben.

Sendung: hr-iNFO, 8.11.2017, 16.10 Uhr

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