Obdachloser schläft auf Parkbank
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Rund 860.000 Menschen haben in Deutschland keine Wohnung, sagt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Schnell springt das Bild des "Penners" in den Kopf: oft alkoholkranke Männer, die man aus Parkhäusern oder Vorräumen von Banken vertreibt. Doch diese Straßenobdachlosigkeit ist nur der sichtbare Teil des Problems.

"In Wiesbaden muss keiner auf der Straße schlafen", konnte Matthias Röhrig von der Diakonie in Wiesbaden vor wenigen Jahren noch sagen. Das hat sich drastisch geändert. Noch nie musste der Sozialarbeiter so viele Schlafsäcke ausgeben wie in diesem Jahr. Vor allem an Männer aus Polen, Rumänien oder Bulgarien, die bei der Arbeitssuche gescheitert sind, keinerlei Anspruch auf Sozialleistungen haben und zu verelenden drohen: "Allein hier in Wiesbaden gibt es mindestens 60 Leute, die nur vom Flaschensammeln leben. Weil es auch da schon Konkurrenz gibt, wird es so sein, dass sie von zwei oder drei Euro am Tag leben. Das langt dann gerade für eine Flasche Wodka und um alles andere kümmert man sich nicht mehr."

Zitat
„Viele Vermieter lassen sich eine Verdienstbescheinigung vorlegen, wenn da drauf steht, dass jemand 300 Euro als Kellner nachmittags verdient, sagen die Nein, das wollen wir lieber nicht.“ Zitat von Matthias Röhrig, Diakonie Wiesbaden
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Die Straßenobdachlosigkeit hat deutlich zugenommen und ist doch nur der sichtbare Teil des Problems. Nach aktuellen Schätzungen sind 860.000 Menschen in Deutschland wohnungslos. Mehr als die Hälfte sind anerkannte Flüchtlinge, die noch in Gemeinschaftsunterkünften leben.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hat sie erstmals mitgezählt, erklärt Geschäftsführer Thomas Specht: "Die Zuwanderung hat aus unserer Sicht die Situation dramatisch verschärft, ist aber keinesfalls die alleinige Ursache dieser neuen Wohnungsnot."

Zahl der Sozialwohnungen hat sich halbiert

Hinzu kämen unzureichende Armutsbekämpfung und eine verfehlte Wohnungsbaupolitik, mahnt die Bundesarbeitsgemeinschaft. Seit 1990 hat sich die Zahl der Sozialwohnungen halbiert und in den Ballungsräumen explodieren die Mieten, weshalb sich auch Menschen mit Jobs keine Wohnung mit angemessenen Preisen mehr leisten können, so Thomas Specht: "Aber wir haben zur Zeit 50-60 Prozent des Nettohaushaltseinkommens, das die unteren Einkommensgruppen für das Wohnen aufwenden. Die müssen sich das Wohnen vom Mund absparen und das gelingt dann nicht mehr und deshalb haben wir eine steigende Zahl von Wohnungsverlusten."

Besonders angespannt ist die Situation in den Großstädten, wo mittlerweile 60 Prozent Singlehaushalte sind und insbesondere kleine Wohnungen fehlen oder für Menschen im Niedriglohnsektor unerschwinglich sind. Matthias Röhrig von der Diakonie: "Viele Vermieter lassen sich eine Verdienstbescheinigung vorlegen, wenn da drauf steht, dass jemand 300 Euro als Kellner nachmittags verdient, sagen die Nein, das wollen wir lieber nicht, so jemanden. Das sind oft wackelige Jobs, wo die Leute von heute auf morgen kündbar sind."

Drei Viertel der Wohnungslosen in Großstädten

Kein Wunder also, dass sich laut Statistik drei Viertel der Wohnungslosen in den Großstädten finden. Es sind überwiegend Männer, die meisten alleinstehend. Der Frauenanteil liegt bei 27 Prozent und ist leicht gestiegen. "Trotzdem ist es so, dass viele dieser Frauen hier nicht auftauchen, sondern bei irgendwelchen Männern Unterschlupf finden, zu welchem Preis auch immer. Oft landen sie dann erst in der Wohnungslosigkeit, wenn sie psychisch durch Ausbeutung völlig traumatisiert sind und gar nicht mehr in der Lage sind, ein selbständiges Leben zu führen", so Matthias Röhrig.

Sendung: hr-iNFO, 06.12.17, 06:05 Uhr

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