Mann in Handschellen, der etwas schreibt
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Am 15. November ist Writers-in-Prison-Day – ein Tag, der auf Autoren aufmerksam macht, die aus politischen Gründen inhaftiert wurden. Hunderte sind es weltweit und die Zahl steigt von Jahr zu Jahr. Wir stellen einige vor.

Zehra Dogan, Malerin und Journalistin (Türkei)

Zehra Dogan malt. Durch ihre Bilder ist sie bekannt geworden. Bilder von besonders selbstbewussten kurdischen Frauen. Die 27-Jährige war Redakteurin der feministischen kurdischen Nachrichtenagentur. Am 21. Juli 2016 wird Zehra Dogan festgenommen und in Untersuchungshaft genommen - weil sie verdächtigt wird, Verbindungen zur verbotenen türkischen Arbeiterpartei PKK zu haben. Viereinhalb Monate sitzt sie im Frauengefängnis in Mardin. Schläft auf Decken auf dem Boden in einem überfüllten Gebäudetrakt. Im Dezember 2016 wird sie dann freigelassen.

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zum Artikel "Die Türkei ist weltweit das größte Gefängnis für Autoren"

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"Die Person, die ins Gefängnis gesteckt wird, die mit Beschuldigungen eingeschüchtert werden soll, wird in Wahrheit nur noch mehr gestärkt", sagt sie der BBC bei einer Ausstellung ihrer Bilder. Ihre Bilder hat sie auch in den Sozialen Medien gepostet. Bilder, die die Zerstörung der Stadt Nusaybin durch die türkische Armee abbilden. Manche Bilder hatte Zehra Dogan mit der türkischen Nationalflagge übermalt. Um darauf aufmerksam zu machen, wer die wahren Urheber der Zerstörung sind.

Im März lautet dann das Urteil: Gefängnisstrafe wegen ihrer Aktivitäten in den Sozialen Medien und der "Verbreitung von Propaganda für eine terroristische Organisation". Die Folge für die Journalistin und Malerin: 2 Jahre, 9 Monate und 22 Tage Gefängnis. Dort sitzt sie nun seit Mitte Juni.

Zehra is imprisoned because she drew a painting of this famous photo. The court calls the painting "terrorist propaganda"

Ramon Esono Ebalé, Karikaturist und Illustrator (Äquatorialguinea)

Einer, der die Arbeit von Ebalé schon lange kennt und beobachtet, ist der US-Journalist Rown Moore Gerety. Er erzählt, um was es im neuen Heft geht, das der Karikaturist aus Äquatorialguinea gezeichnet hat: um den echten Präsidenten, um Teodoro Obiang, der einen Alptraum erlebt, der eigentlich keiner ist, sondern den Alltag beschreibt. Die Geschichte heißt ‚Obis Alptraum‘. "Es zeigt, wie Obiang, der Präsident, eines Morgens plötzlich als ein in Armut lebender Bewohner der Hauptstadt Malabo aufwacht. In einer schäbigen Hütte ohne fließend Wasser. Er endet hinter Gittern und erlebt lauter schreckliche Dinge, die ein Bewohner des Landes dort auch erleben könnte an einem ganz normalen Tag."

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Der Writers-in-Prison-Day

Jedes Jahr am 15. November macht die Schriftstellervereinigung PEN mit dem "Tag des inhaftierten Schriftstellers" aufmerksam auf die Schicksale von zu Unrecht inhaftierten und verfolgten Schriftstellern, Journalisten, Verlegern und Bloggern auf der ganzen Welt.

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Auch die früheren Zeichnungen von Ramon Esono Ebalé sind frech, oft unter der Gürtellinie, spielen auf Korruption an, auf Verstrickungen mit der Ölindustrie und auf  Menschenrechtsverletzungen. 2011 verliert Ebalé sein Land, lebte bis zuletzt in Paraguay. Als er in diesem Jahr zurückgekehrt ist nach Äquatorialguinea, um seinen Pass zu erneuern, wurde er festgenommen. Es gibt Ermittlungen gegen ihn wegen angeblicher Geldwäsche und Falschgeld.

Die internationale Schriftstellervereinigung PEN ist davon überzeigt, dass Ebalé nur aufgrund seiner Äußerungen und Zeichnungen festgenommen wurde. Er sitzt im Moment in einem berüchtigten Gefängnis namens Black Beach in der Hauptstadt Malabo fest. Sein Comic-Roman ‚Obis Alptraum‘ existiert offiziell nicht in Äquatorialguinea. Aber trotzdem, so berichtet der US-amerikanische Journalist Morre Gerety, hätten es 200 Büchlein – auf welchen Wegen auch immer - ins Land geschafft und machten dort die Runde.

Me Nam, Bloggerin und Umweltaktivistin (Vietnam)

Schon seit vielen Jahren hat Me Nam auf soziale und ökologische Missstände im Land aufmerksam gemacht - Namen genannt und deutliche Kritik geäußert. Zum Beispiel an der Eröffnung einer Mine, die mit ihren giftigen Abfällen einen ganzen Küstenstrich verseucht hat - nur ein Beispiel von vielen. Unter Beobachtung stand sie schon lange und 2009 war sie bereits Gefängnis.

Zitat
„Ich habe immer nur Angst. Aber irgendwer muss ja sprechen.“ Zitat von Me Nam
Zitat Ende

In einem der wenigen Interviews erzählt sie von ihren Erlebnissen mit dem Regime: "Sie kamen plötzlich in der Nacht, 20 Leute, ich kam sofort in Haft, weil ich meine demokratische Freiheit missbrauchen würde." Sie durfte wieder raus unter der Bedingung, dass sie nicht mehr schreibt. Die Behörden stellten ihr aber keinen Pass mehr aus. Als Me Nam dem CNN-Reporter ein Jahr später davon erzählt, kommen ihr die Tränen: „Als sie das sagten, fühlte ich mich wie ein Kriminelle. Und sie hörten nicht auf, mich zu gängeln. Da entschloss ich mich, meinen Blog weiterzuschreiben.“

Mutig sei sie, sagt der Reporter. Sie antwortet:  "Nein ... Ich habe immer nur Angst. Aber irgendwer muss ja sprechen." Seit einem Jahr ist sie wieder in Haft, und letzten Juni ist sie verurteilt worden wegen 'Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnams' - zu zehn Jahren Haft. Kurz vor der Verurteilung durfte sie zum ersten Mal seit ihrer Festnahme ihre jüngste Tochter sehen. Für fünf Minuten.

Razan Zaitouneh, Anwältin, Journalistin und Bloggerin (Syrien)

Ihr letzter Tweet stammt vom 1. Dezember 2013.  Da war Razan Zaitouneh 36 Jahre alt. Drei Tage später hat die Menschenrechts-Anwältin noch ein Video aufgenommen und es an einen Verband von Menschenrechtsorganisationen geschickt. Aus Douma, einem Vorort von Damaskus. Die eher zart wirkende Aktivistin mit dem hellen langen Haar und den blauen Augen nimmt kein Blatt vor den Mund und muss mehrmals die Woche ihr Versteck ändern. "Mindestens drei bis vier Menschen werden pro Tag in Douma getötet", sagt sie in einem Video. "Aber vielleicht ist diese Art zu sterben der Alternative vorzuziehen. Denn die andere Art zu sterben ist langsam und schmerzhaft, weil man es jede Sekunde spürt."

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Frankfurt Skyline

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Fünf Tage nach diesem Video wird sie von einer Gruppe bewaffneter Männer aus ihrem Büro entführt. Zusammen mit ihrem Ehemann und zwei Kollegen. Seit 2004 hatte die sie im Internet zig Artikel und Reportagen veröffentlicht über die Situation der Menschenrechte und der freien Meinungsäußerung in Syrien, auch als Bloggerin.  Mit der syrischen Revolution fing sie an, auf ihrer Facebook-Seite über die Entwicklungen auf der Straße zu berichten. Später dokumentierte sie auch Opferzahlen und Verhaftungen. Und seit 2011 hielt sie im "Violations Documentation Center", das sie mitbegründet hat, Menschenrechtsverletzungen und Gewaltanwendungen aller Kriegs- und Konfliktparteien in Syrien fest.

Im August 2013 schickt sei einem Mitarbeiter von "Human Rights Watch" die Nachricht, dass sie Drohungen von den bewaffneten lokalen Gruppen bekommt. Seit knapp vier Jahren gilt sie als vermisst. Im März haben sich Sonderberichterstatter der UN in einer gemeinsamen Erklärung besorgt geäußert über ihren psychischen und körperlichen Gesundheitszustand.

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Wissenswert: Verfolgte Autoren

Von Anne Baier

  • Für 2016 hat die internationale Schriftstellervereinigung PEN 224 Autoren und Autorinnen gezählt, die von Repressionen betroffen waren. Ein Großteil davon sind Schriftsteller, einige auch Dichter oder Singer-/Songwriter.
  • Die häufigste Methode, Schriftsteller zum Schweigen zu bringen, ist, sie lange einzusperren. Im vergangenen Jahr waren das 78 Menschen weltweit.
  • Schriftsteller leben nach wie vor am gefährlichsten in China. Erst in diesem Jahr machte der Tod des Autors und Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo Schlagzeilen. Der chinesische Bürgerrechtler war  2009 wegen "Untergrabung der Staatsgewalt" zu elf Jahren Haft verurteilt worden und  starb im Gefängnis an Leberkrebs. Er hatte sich für die Demokratisierung und Meinungsfreiheit in seinem Land eingesetzt. Aber auch im Iran, Vietnam und Eritrea droht Schriftstellern eine Verfolgung.
  • Bei der Inhaftierung von Journalisten steht derzeit die Türkei an der Spitze der Länder weltweit. Hier wurden allein in diesem Jahr 38 Menschen aufgrund ihrer journalistischen Tätigkeit eingesperrt, darunter auch die deutschen Journalisten Mesale Tolu und Deniz Yücel.
  • Journalisten leben am gefährlichsten in Syrien und Mexiko. Laut der Organisation Reporter ohne Grenzen wurden dort im vergangen Jahr in Syrien 11 und in Mexiko 10 Journalisten ermordet.
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Sendung: hr-iNFO, 15.11.2017, 6:10 Uhr

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