Oliver Günther und Henning Steiner
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Neun Folgen, drei Fälle, eine Serie: "Cybercrime – ein Podcast von hr-iNFO" ist das Ergebnis einer intensiven, langfristigen Recherche und einer besonderen Entstehungsgeschichte.

Alles begann mit einem Loch. Einem drohenden Sendeloch im Hochsommer 2012. Händeringend suchten wir nach einem interessanten Gesprächspartner für unsere Sendung "hr-iNFO Im Gespräch", heute bekannt unter dem Titel "Das Interview". Nur noch wenige Tage Zeit bis zum Sendetermin; da fiel uns ein Mann ein, der uns kurz vorher in einem Artikel aufgefallen war. Ein Cyberermittler beim BKA, ein Mann, der Kriminelle im Netz jagt, Hacker, Drogendealer, Waffenhändler. Das klang spannend, den wollten wir.

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Die Story hinter dem Podcast

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Zwei, drei Tage später saß ich im Büro von Mirko Manske – um mich herum, jede Menge High-Tech, Kabel, Bildschirme. Hätte da nicht eine alte Polizeikelle an der Wand gehangen, man hätte das Büro auf dem Gelände des BKA in Wiesbaden auch mit einer Startup-Bude verwechseln können. Aber nicht nur das Ambiente war eine Überraschung. Aber auch Mirko Manske, der vermeintliche "Lückenfüller", entpuppte sich als Volltreffer. Der Cyberermittler lieferte jede Menge interessanter Einblicke - dass die Zahl der Straftaten im Netz steige. Wie Hacker Passwörter und Kreditkarten-Daten knacken. Er beschrieb, wie digitale Erpressungen funktionieren, wie die Täter agieren, wie die Ermittler sie jagen. Ich war fasziniert – von meinem Gesprächspartner und von dem Thema. Und zurück in der Redaktion war schnell klar – "wir müssen mal was zum Thema Cybercrime machen".

Oliver Günther
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Es war der Startschuss zu einer Recherche, die uns seit jenem Sommer 2012 beschäftigt. Die ersten Schritte: Jagen und Sammeln von Informationen. Vor allem mein Kollege Henning Steiner besuchte Konferenzen und Messen, sprach mit Experten, mit Menschen, die sich mit IT-Sicherheit beschäftigen, die sich im „Darknet“ auskennen, mit Ermittlern, Staatsanwälten, Behördenvertretern. Und bald war klar: Cybercrime – das ist nicht nur ein Thema für IT-Experten, Computernerds, High-Tech-Spezialisten und Cyber-Cops. Cybercrime ist Alltag – und die digitalen Einbrecher lauern schon im Posteingang des eigenen email-accounts. Mit Phishingmails angeln sie nach Zugangsdaten zu Bank-Konten, in vermeintlich harmlosen E-Mail-Anhängen verstecken sie fiese Softwareprogramme, die den Computer sperren. Freischaltung nur gegen Lösegeld! Und das ist nicht alles: Hackerangriffe bedrohen lebenswichtige Einrichtungen wie Krankenhäuser, Stromnetze. Vor zwei Jahren legten digitale Angreifer sogar die IT des Bundestages lahm.  Von "Cybercrime" zu "Cyberwar" ist es längst nur ein kleiner Schritt. Und „Hacken“ – das tun längst nicht nur Kriminelle, sondern auch Staaten.

Henning Steiner
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Jede Menge Themen also für uns als Journalisten, jede Menge Geschichten. Aber auch -  viele Storys, die andere schon erzählt haben, viele Fakten, die auf dem Tisch lagen. Und je länger wir uns mit dem Thema beschäftigten, desto klarer wurde: das einstige Nischenthema „Cybercrime“ war in der Zwischenzeit auch in den  Medien Mainstream.

Das "big picture" Cybercrime

Wie also  mit dem Komplex "Cybercrime" jetzt umgehen? Welche Aspekte beleuchten, welche Geschichte recherchieren und erzählen, die noch nicht erzählt ist? Eine erste Idee hatten wir schließlich Anfang des Jahres 2016: ein tieferer Einblick in die "Schattenwelt" Cybercrime sollte es sein. Ein Zoom rein in die Szene, ganz nah ran an die Arbeit von Hackern, aber auch von Ermittlern. Dazu aber auch der Gegenschuss – was ist mit den Opfern? Welche Folgen haben Cyber-Attacken für die Angegriffenen? Und wenn "Cybercrime" boomt, wer kümmert sich um die Abwehr von Hackern, bietet Schutz, verdient damit vielleicht sogar Geld – viel Geld? Kurz gesagt: wir wollten das "big picture" Cybercrime. Oder eine Nummer kleiner formuliert: wir wollten aus verschiedenen Perspektiven den Blick auf das Phänomen "Cybercrime" werfen.

Und noch eine Idee stand plötzlich im Raum: nämlich die einzelnen Aspekte nicht in getrennten Geschichten zu beleuchten, sondern in einer großen Erzählung. In der die verschiedenen Perspektiven zusammen eben ein Bild ergeben – "Cybercrime inside".  Und in der sich die einzelnen Bestandteile wie in einem Puzzle ergänzen. Und – wo wir schon mitten drin waren im  "Wie wäre es, wenn ..." - die Geschichte sollte auf Fakten basieren, auf journalistischen Recherchen; das war uns sehr wichtig. Aber sie sollte gleichzeitig so spannend sein wie das Thema selbst.

Verschwiegene Welt

Das war der Beginn des hr-iNFO-Podcasts "Cybercrime". Und der erste Schritt einer langen Reise. Einer Reise, bei der nicht immer klar war, ob wir unser Ziel erreichen. Denn die Cybercrime-Welt ist eine sehr verschwiegene Welt. Dass Hacker im Verborgenen blieben wollen, liegt noch nahe. Damit hatten wir gerechnet. Aber auch Opfer reden nur ungern – weil sie um Ruf und Image fürchten, Angst haben, dass zum Beispiel Kunden ihnen nicht mehr vertrauen, wenn bekannt wird, dass sie "gehackt" wurden. Und auch Ermittler wollen anonym bleiben. Um nicht – wie schon geschehen – selbst zur Zielscheibe von Hackerttacken zu werden. Eine Folge: die Protagonisten in "Cybercrime" bleiben zum größten Teil anonym.

Making of Cybercrime
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Journalistisch heikler aber ist, dass wir bei unseren Fällen auf die Angaben der Protagonisten angewiesen waren. Weder bei den BKA-Ermittlungen in Sachen Kindesmissbrauch, noch bei dem Angriff auf den – anonymen – DAX Konzern waren wir dabei. Wir mussten die Fälle also so gut wie möglich nachrecherchieren. Indem wir zum Beispiel mehrere Quellen befragten. Oder indem wir schriftliche Dokumente sammelten, Angaben überprüften, konkrete Informationen abglichen mit allgemein zugänglichen Quellen. Schließlich ließen wir uns von wichtigen Informanten eidesstattliche Versicherungen geben, dass ihre Angaben der Wahrheit entsprechen. All das war für uns zentral, weil „Cybercrime“ in erster Linie das Ergebnis einer langen, journalistischen Recherche ist.

Eigene Gesetze und Waffen

Zur eigentlichen Recherche gesellte sich aber im Laufe der Zeit auch immer mehr der Anspruch, das Spannende, Faszinierende, gleichzeitig aber auch Vielschichtige rund um das Thema "Cybercrime" zu vermitteln. Schließlich war auch für uns die Recherche über weite Strecken eine Expedition in eine unbekannte Welt. Eine Welt mit eigenen Gesetzen, eigenen Regeln, auch eigenen Waffen. Wir haben nicht nur gelernt, was in dieser Welt ein "APT" ist oder welche Schäden ein "zero day" anrichten kann. Wir haben auch erfahren, wie die Hacker-Ökonomie funktioniert, wie riskant unsichere Passwörter sind und wie kompliziert Cyber-Ermittlungen.   

Dazu kommt noch etwas besonders Charakteristisches. Dass ein großer Teil der "Cybercrime"-Dramen sich zwar physisch nicht sichtbar in Netzwerken, rein digital, virtuell abspielt. Dass hinter den Viren und Trojanern, hinter "honeypots" und "cybertraps" aber immer reale Menschen stecken, und dass virtuelle Verbrechen sehr ernsthafte Folgen haben außerhalb der beiden digitalen Zweier- Dimension von "0" und "1".

Making of Cybercrime
Bild © hr

Um diesen besonderen Reiz nicht nur zu benennen, sondern auch erfahrbar zu machen, sollte "Cybercrime" selbst eine Art Krimi sein, ein Krimi zum Hören. Spannend, unterhaltsam, mitreißend. Nur: wie sollte das gehen? Welche Fälle eignen sich? Wie können wir die Geschichten so miteinander verzahnen, verbinden, dass sie sich zu einem Gesamteindruck ergänzen? Für uns als Journalisten stellten sich plötzlich völlig neue Herausforderung. Wir mussten denken wie Dramaturgen. Wann treiben wir die Handlung voran? Wie schaffen wir interessante Cliffhanger?

Ein Berg an Material

Ohne Experimentieren und Ausprobieren - inklusive zahlreicher Fehlversuche - wären wir nicht Schritt für Schritt vorangekommen. Textpassagen wurden im Rahmen sogenannte "tablereadings" am Redaktionstisch geprobt und ständig überarbeitet, verbessert, bevor es zu den Aufnahmen ins Studio ging. Auch dort wären wir aufgeschmissen gewesen ohne die Unterstützung von Kollegen, die schon Erfahrungen mit dieser Art von Audio-Serie gemacht haben. Oder die für unseren Podcast die Musik komponiert haben, die uns umgekehrt beim Texten immer wieder inspirierte.

Soweit zur Geschichte von "Cybercrime – ein Podcast von hr-iNFO". Eine Geschichte, die mit einem Loch im Sommer 2012 begann. Zwischendrin zu einem Materialberg von rund 200 Seiten Text allein aus Interviews mit unseren Protagonisten führte, schließlich endete mit rund 130 Seiten Manuskript-Text  und knapp viereinhalb Stunden zum Hören.

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