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Kunst zu erkennen, ist nicht immer ganz einfach. So auch bei einer Skulptur auf dem Friedrichsplatz in Kassel - viele Bewohner dachten zu Anfang, es würden Kanalisationsarbeiten antsehen. Was hat es mit dem riesigen Röhrenstapel auf sich?

Hiwa K ist irakischer Kurde. Hiwa heißt Hoffnung. Im Irak arbeitete er als Maler, bis er vor dem Krieg nach Deutschland floh. Eine traumatische Erfahrung. "Ich fühle mich wie einer der Musiker auf der Titanic, bevor sie untergeht. Trotzdem kann man ein wenig spielen." Verspielt, aber dennoch ernst. Hiwa K ist ein politischer Künstler. Für die documenta 14 hat Hiwa K hat er eine riesige Skulptur entworfen.

So sieht es aus

Von weitem könnte man meinen, es seien einfach nur 20 riesige Röhren, die man für Kanalisationsarbeiten braucht. Neben- und aufeinander gestapelt. 20 Meter lang, mit einem Durchmesser von je einem Meter. Wenn man sich aber nähert, dann sieht man: Jede Röhre ist wie ein Zimmer eingerichtet. In einer liegen Matratzen, die sich der Rundung anpassen, daneben ein Brett, auf dem eine Kanne Kaffee samt Tasse steht.

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Der documenta-Check

In der Zeit der documenta 14 in Kassel begleiten wir das Mega-Kunstevent mit einer wöchentlichen Serie, in der unser Kulturreporter besondere Kunstwerke unter die Lupe nimmt.

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In einer anderen stehen viele Bücher nebeneinander und eine brennende Leselampe auf einem Brett. Eine weitere Röhre ist zum Badezimmer umfunktioniert. Ein Waschbecken ist hier eingebaut, daneben ein Zahnputzbecher mit einer Tube Zahnpasta. 20 Röhren, 20 Zimmer, in denen zum Teil auch Menschen liegen. Die gesamte Skulptur steht im Zentrum der documenta am Friedrichsplatz. Wer abends vorbei kommt, sieht in den Röhren noch Licht brennen. Hier wohnen also Menschen in der Horizontale.

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Das will der Künstler damit sagen

Auf seiner Flucht nach Deutschland sah Hiwa K in Griechenland viele Landsleute, die am Hafen monatelang in großen Röhren schliefen, um auf Rettung zu warten. Die Röhren wurden ihre Schlaf- und Wohnzimmer. Seitdem beschäftigt sich Hiwa K mit Beziehungen und Strukturen der Macht, sagt Kurator Bonaventure Ndikung.

"Man fragt sich: Warum ist alles horizontal, so ist mein Wohnzimmer nicht. Und die Frage ist, wie bauen wir die Politik der Architektur? Wie denken wir? Denken wir vertikal oder horizontal? Wie schaffen wir Beziehungen? Machen wir Hierarchien oder versuchen wie, horizontale und flache Beziehungen zu machen? Und darum geht’s", sagt der Kurator. Hiwa Ks große Röhrenskulptur auf der documenta ist ein Angebot an uns, mal einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Vielleicht sollten wir umzudenken und den Blick darauf richten, wie andere Menschen unter uns leben.

So kommt es an

Hiwa Ks große gelbe Röhrenskulptur ist kraftvoll, aber auch sehr verspielt mit einer starken politischen Botschaft. Der irakische Künstler, der heute in Berlin lebt und arbeitet, erinnert uns mit einer erfrischenden Leichtigkeit daran, auch an die Menschen zu denken, die gebückt und versteckt wohnen müssen, um zu überleben. Hiwas Röhren sind bereits jetzt DIE Attraktion in Kassel -  und eines der beliebtesten Fotomotive. Damit ist er einer der Stars der documenta 14.

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Dossier: die documenta 14 (hessenschau.de)

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