Falschmeldung
Bild © picture-alliance/dpa

Unser Medien- und Nutzungsverhalten im Internet entscheidet, ob wir Falschmeldungen auf den Leim gehen oder nicht. Die Cyberpsychologin Catarina Katzer kennt die Mechanismen dahinter. Was kann man dagegen tun?

Warum wir so anfällig sind für Falschmeldungen, liegt an unserem eigenen digitalen Verhalten, sagt Cyberpsychologin Catarina Katzer. Die digitale Mobilität verändert unsere Wahrnehmung. "Smartphone und Co. bestimmen unseren Alltag, das beeinflusst unsere Konzentrationsfähigkeit. Wir werden kognitiv überlastet." Als Normalnutzer schauen wir im Durchschnitt alle 10 bis 15 Minuten auf unser Smartphone, macht etwa 88 Mal am Tag. Das konditioniert uns, uns ständig selbst in dem zu unterbrechen, was wir gerade tun. Und genau das verändert uns auch, sagt Katzer. Wir lernen die Unterbrechungen regelrecht.

Audiobeitrag
Politik

Sie können das Audio zur privaten Nutzung hier herunterladen oder im Systemplayer öffnen.

Podcast

zum Artikel Falschmeldungen, Social-Bots und Hacker-Angriffe - Was haben wir im Wahljahr zu befürchten?

Ende des Audiobeitrags

Das verlangsamt die Auffassungsgabe, auch, weil wir uns im Netz zeitgleich auf vielen Ebenen bewegen wie Snapchat, Facebook und Twitter. Das macht uns anfällig für Ablenkung. "Unsere Wahrnehmung ist überfordert und deshalb muss sie sich neue Strategien suchen." Eine dieser Strategien ist es, sich auf Häppchen und kurze Dinge zu beschränken, die uns im Netz begegnen. Alles was kurz, knapp und prägnant ist, funktioniert im Netz und wirkt auf uns. Unsere Informationsverarbeitung wird oberflächlicher. "Früher hat man gesagt, dass mache nur die 'Bild'. Heute macht es im Netz jeder, weil man natürlich dadurch die Aufmerksamkeit auf Wahrheiten oder falsche Wahrheiten lenkt."

Mehr Selbstkontrolle und raus aus der Filterblase

"Wir brauchen wieder mehr Selbstkontrolle", sagt die Cyberpsychologin. Also am besten das Smartphone nicht direkt in der Hosentasche tragen, damit die Versuchung nicht zu groß ist, ständig drauf zu schauen. "Wir müssen uns wieder bewusst werden: Ich schaue alle 10 bis 15 Minuten auf das Handy und das verändert meine Konzentrationsfähigkeit."

Weitere Informationen

Zur Person

Catarina Katzer ist promovierte Volkswirtschaftlerin, Sozialpsychologin und Cyberpsychologin. Sie berät unter anderem Kommissionen des Europarates, des Deutschen Bundestages sowie Regierungsinstitutionen im In- und Ausland. 2013 erschien "Cybermobbing – Wenn das Internet zur Waffe wird". 2016 erschien ihr zweites Buch "Cyberpsychologie. Leben im Netz: Wie das Internet uns verändert".

Ende der weiteren Informationen

Unbewusst suchen wir aber auch nach Selbstbestätigung im Netz - auch das macht anfällig für Falschmeldungen. "Wir tappen in die Bestätigungsfalle, weil wir über die Algorithmen automatisch in Gruppen gelenkt werden, die uns entsprechen. Das heißt wir gucken gar nicht mehr über den Tellerrand hinaus." Das führt dazu, dass wir uns gar nicht mehr mit anderen Argumenten und Meinungen auseinandersetzten, die nicht meiner eigenen entsprechen. Wir tappen also in die Filterblasen-Falle, weil wir denken: 'Das ist nicht nur meine Meinung, sondern diese Meinung haben auch noch viele andere.'

Zu viel virtuelles Vertrauen

Ein weiteres Problem ist das virtuelle Vertrauen, sagt Cyberpsychologin Catarina Katzer. Wir folgen auf Twitter oder Facebook Menschen, die wir vermeintlich zu kennen glauben, obwohl wir sie vielleicht im realen Leben noch nie getroffen haben. "Da spielt uns unsere Wahrnehmung auch wieder einen Streich. Wenn ich das Gefühl habe, ich weiß sehr viel über einen Twitterer, ich kenne Fotos, ich habe viel Informationen, dann ist diese Person für mich von vorneherein glaubwürdiger." Und das, obwohl die ganzen Informationen auf den Profilen falsch sein können. Hier reicht uns also allein das Gefühl, viel über jemanden zu wissen, um diese Person als vertrauenswürdig einzustufen.

Catarina Katzer
Catarina Katzer Bild © privat

Und dann kommt im Netz noch ein weiterer Faktor hinzu: Nämlich wie oft mir eine Information begegnet. Je häufiger, desto glaubwürdiger erscheint sie mir. "Das betrifft einerseits Meldungen, also wie oft Dinge wiederholt werden, denen glaube ich eher. Das trifft aber auch auf Menschen zu, denen ich immer wieder begegne."

Realer Hass wächst dort, wo online gehetzt wird

Der Ton im Netz wird rauer, das zeige sich laut Katzer unter anderem daran, dass immer weniger Menschen auf Aggressionen und Hetze reagierten, diese meldeten oder anstößig fänden. Übrigens keineswegs nur ein Phänomen in Deutschland, sondern ein Internationales. "Aggression ist schon gewissermaßen salonfähig geworden und wird als Normalität hingenommen." Bedenklich, sagt Katzer, weil es zeigt, dass wir aus dem Netz und dem Ton im Netz lernen, was sich wiederum auf unser Verhalten im realen Leben auswirkt.

"Es ist gefährlich, wenn wir Aggression, Hass und Hetze als normal hinnehmen." Der reale Hass, der uns im Alltag begegnet, entsteht auch im Netz, sagt Katzer. Der Lerneffekt tritt durch Bestätigung ein – durch viele Follower und dadurch, dass nicht widersprochen wird. "Das was wir früher gesagt haben: 'Alles was virtuell ist, bleibt virtuell' stimmt nicht mehr. Wir lernen im Netz, auch Aggressionen."

Mehr digitales Bewusstsein

"Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir manipulationsanfällig sind, dass es emotionale Ansteckungsgefahren in Gruppen gibt und dass wir anfällig sind für Wahrnehmungsfehler.“ Außerdem sollten wir uns laut Cyberpsychologin Katzer nicht der Schnelligkeit im Netz hingeben, sondern uns Zeit nehmen und Dinge auch hinterfragen und überprüfen. Entscheidend sei aber auch, dass wir wieder Diskussionen und andere Meinungen zulassen und bewusst im Netz auch mal nach Gegenargumenten suchen: "Nur so können wir unsere Kritikfähigkeit wieder schulen, die uns fehlt."

Das könnte Sie auch interessieren

Jetzt im Programm