Annette Bening als Dorothea und Lucas Jade Zumann als ihr Sohn Jamie sitzen in einer Szene des Films "Jahrhundertfrauen" gemeinsam am Tisch.
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Wann ist ein Mann ein Mann? Das fragte schon Herbert Grönemeyer. In dem neuen Film "Jahrhundertfrauen" von Mike Mills geht es genau darum. Können drei Frauen einen Jungen zum Mann erziehen oder braucht es nicht auch ein männliches Vorbild? Ein Film voller Leichtigkeit und Lebensfreude, meint unser Filmkritiker.

Worum geht es?

Santa Barbara, Ende der Siebzigerjahre. Die Hippies haben Hochkonjunktur. Neue Lebensformen werden ausprobiert. Dorothea lebt in einer großen WG in einem gemütlichen Haus. Ihr heranwachsender Sohn hat keinen Vater mehr. Er hat eigentlich überhaupt kein männliches Vorbild. Wie aber soll er dann ein echter Mann werden? Dorothea sorgt sich und lässt sich von zwei anderen Frauen helfen. Ihrer Untermieterin Abbie, einer sexuell eher unsicheren Fotografin, und Julie, der besten Freundin ihres Sohnes. Zu dritt stehen sie ihrem Sohn mit Rat und Tat zur Seite, auf seinem Weg zum Mannsein. Das birgt aber die eine oder andere Tücke. Vor allem wenn das Thema Sex aufkommt.

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Die Schauspieler

Annette Bening, Greta Gerwig und Elle Fanning sind die Jahrhundertfrauen. Die vierfach oscarnominierte Bening hatte ihren Durchbruch mit "American Beauty". Die wesentlich jüngere Greta Gerwig war bereits in vielen amerikanischen Indie-Komödien zu sehen, unter anderem in Woody Allens "To Rome with Love". Und die nochmal jüngere Elle Fanning steht erst am Beginn ihrer Karriere, bereits ein Shooting Star und in vielen großen Hollywood Produktionen am Start. Alle drei Frauen verzaubern mit ihrem jeweils sehr eigenen Charme. Vor allem Bening. Sie zeigt einen widersprüchlichen Charakter aus Sperrigkeit und Anziehung, freundlicher Zuwendung und Rückzug. Sie ist die emanzipierte Frau, die sich alles erkämpfen musste, daher blickt sie auch mit etwas Neid auf die wesentlich jüngeren Frauen, für die sie Wegbereiterin war. Ihr Ziel ist es, aus ihrem pubertierenden Sohn einen modernen Mann zu machen. Der dagegen geht seine ganz eigenen Wege und nimmt sich von der übermäßigen weiblicher Präsenz nur das, was er braucht. Manchmal macht sich Frau einfach zu viel Kopf.

Der Regisseur

Mike Mills ist eigentlich Grafikdesigner und startete seine Karriere mit Musikvideos. Mit seinem ersten langen Film "Daumenlutscher" wurde er 2005 direkt auf die Berlinale eingeladen. Ein riesiger Erfolg. Das beflügelte den Regisseur weiter zu machen. Im Jahre 2010 entstand der Film "Beginners", die authentische Geschichte seines Vaters, der mit 75 Jahren sein schwules Coming-out startete. In "Jahrhundertfrauen" widmet sich Mills nun seiner Mutter. Der Titel klingt nach Superlativ, gemeint sind aber Frauen verschiedenen Alters, deren Lebenserfahrung und historische Perspektive ungefähr ein Jahrhundert weiblicher Existenz repräsentieren. Es geht um Mutterschaft und natürlich auch um Sex. Aber vor allem geht es darum, wie ein ausschließlich von Frauen umgebener pubertierender Junge zum Mann werden soll. Eine aufregende Frage, die zu einem ganz unaufgeregten Film führt.

Sehenswert

In "Jahrhundertfrauen" geht es um männliche Vorbilder und weibliche Selbstverständlichkeit. Darf man beim Abendessen das Wort "menstruieren" fallen lassen, als wäre es das Normalste der Welt? Soll ein heranwachsender Jugendlicher schon die Feinheiten des weiblichen Orgasmus kennen? Es wird viel geredet, aber noch viel mehr zwischen den Zeilen gesagt. Das macht den Film so witzig und tiefgründig. "Jahrhundertfrauen" behandelt die wichtigen Fragen des Zwischenmenschlichen und ist dabei unglaublich modern. Vor allem dank der sagenhaft guten Schauspielerinnen versprüht die Geschichte ein kalifornisches Gefühl von Leichtigkeit und Lebensfreude. Wahnsinnig schön.

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