Pflegeheim
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SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz will als Kanzler einen Neustart in der Pflege angehen – inklusive 30 Prozent mehr Lohn. Parteikollege Karl Lauterbach bekräftigte dieses Ziel. Aber ist es realistisch?

Kann die Bundesregierung die Gehälter in den Pflegeberufen einfach vorgeben?

Auch ein Bundeskanzler oder eine Kanzlerin kann nicht ohne Weiteres die Gehälter bestimmen, denn in vielen Bereichen der Pflege gibt es Tarifverträge und die handeln Arbeitgeber und Arbeitnehmer untereinander aus. In diese Tarif-Autonomie kann die Bundesregierung nicht einfach eingreifen. Wichtig ist außerdem, zwischen den einzelnen Pflegebereichen zu unterscheiden. Hier gibt es enorme Verdienstunterschiede - je nach Aufgabe, Einrichtung, Träger und Bundesland. Fakt ist: Pfleger in Kliniken werden meistens deutlich besser bezahlt als zum Beispiel in Altenheimen oder bei ambulanten Pflegediensten.

Welche Wege gibt es für die Politik einzugreifen?

Karl Lauterbach schlägt vor, die Beiträge der Pflegeversicherung um ein halbes Prozent zu erhöhen und will die Gehaltssteigerung so finanzieren. Dann wäre mehr Geld da, um die Leistungen in der Pflege besser zu entlohnen. Ob sich dieses Geld am Ende wirklich in den Gehältern niederschlagen würde, ist aber unklar. Auch ein höherer Mindestlohn wird diskutiert. Der liegt in West-Deutschland momentan bei 10,20 Euro pro Stunde. Viele Pflegekräfte liegen aber jetzt schon deutlich über dieser Grenze und weil die Verdienstunterschiede so groß sind, ist es kaum möglich, eine gesamte Branche darüber zu steuern.

Der Bund könnte den Einrichtungen auch mit Fördermitteln helfen - zum Beispiel indem er die Länder und Kommunen finanziell besser ausstattet, um in den Tarifverhandlungen mehr Spielraum beim Gehalt zu ermöglichen.  

Wie ist die Forderung nach 30 Prozent mehr Geld in der Branche aufgenommen worden?

Der Deutsche Berufsverband für Altenpflege würde ein höheres Gehalt natürlich begrüßen, aber man ist sehr skeptisch, ob das auch so klappen kann. Ähnlich sieht das auch die deutsche Krankenhausgesellschaft. Sie sagt, ihr sei unbekannt, dass ein Bundeskanzler direkt auf die Tarifverhandlungen Einfluss nehmen könne. Die Krankenhausgesellschaft wünscht sich aber, dass der Bund schnell vor allem bei der Digitalisierung und der Infrastruktur in den Kliniken helfe, damit sich die Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal verbessern.

Ist die zunehmende Arbeitsbelastung nicht eigentlich das größere Problem der Pflege? 

Der Deutsche Berufsverband für die Altenpflege sagt, das Geld sei für die Wertschätzung der Arbeit zwar sehr wichtig, aber es komme auch darauf an, mehr Personal in den Einrichtungen zu haben. Die Arbeitsverdichtung sei das große Problem, das sich durch mehr Geld vielleicht besser ertragen, aber nicht lösen lasse. Laut Verband sind in der Altenpflege in Deutschland zehntausende Stellen unbesetzt. Wie viele genau, sei nicht zu beziffern. Selbst wenn sich das Gehalt erhöhe, sei es nicht möglich, diese offenen Stellen schnell zu besetzen, so der Berufsverband. In den Kliniken sieht das nach Angaben der deutschen Krankenhausgesellschaft ähnlich aus. Hier gebe es bundesweit derzeit rund 10.000 offene Stellen in der Pflege.

Sendung: hr-iNFO, 20.9.17, 16:20 Uhr

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