Türkei Abstimmung
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Türken können derzeit - auch in Deutschland - über das Verfassungsreferendum zum Präsidialsystem abstimmen. In Hamburg, Berlin und Köln zogen türkische Beamte nun die Pässe von einigen von ihnen ein. Weil sie mit Nein stimmen wollten?

Extrem wütend sind sie. Sie ist Deutsch-Türkin und er Türke. Vor ein paar Monaten sind sie aus Istanbul geflohen. Jetzt wollte er gegen das Präsidialsystem in der Türkei stimmen. Auf dem Berliner Generalkonsulat erklärte man ihm aber, das sei nicht möglich. Seine Frau erzählt mir alles. Er spricht noch nicht gut Deutsch.

Aus Angst wollen sie anonym bleiben. "In der Türkei und auch hier auf den Konsulaten ist alles digital geregelt", sagt die Frau. "Und dann haben die uns gesagt, der Button von meinem Mann ist nicht mehr aktiv, den können sie nicht mehr anklicken." Dann habe einer der Beamten um seinen Pass gebeten. Zum Glück, sagt sie, sei er schnell aufgestanden und gegangen. "Ohne Pass wäre mein Mann staatenlos. Wir könnten nirgendwo mehr hin. Und was will man machen, wenn die einem den Pass abnehmen?" Zum Abstimmen sind sie nicht gekommen.

Plötzlich auf der Terroristenliste

Freunde von ihnen haben in Köln genau das Gleiche erlebt. Auch Landtagesabgeordnete aus Hessen berichten, dass sie von solchen Fällen aus Hamburg gehört haben. Das Paar musste Istanbul verlassen. Er stand plötzlich auf einer der mutmaßlichen Terroristenlisten. Der Arzt war zu Studienzeiten politisch aktiv, aber das sei lange her und nicht verboten. Das Paar klagt gegen die Türkei, gegen die Notstandsgesetze. Er sagt: "Ich bin kein Terrorist."

Sie verdreht die Augen, muss dann doch lachen. Ihre gesamten Ersparnisse, etwa 30.000 türkische Lira, letztes Jahr umgerechnet etwa 10.000 Euro, mussten sie den Anwälten zahlen. "Den Rest haben wir aufgegessen", sagt sie. Sie haben eine Anwältin in der Türkei und einen Anwalt hier in Deutschland.

Beide gehen davon aus, dass sie am türkischen Verwaltungs- und Verfassungsgericht scheitern werden und bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen müssen. Das Paar hofft so aber später eine Entschädigung zu bekommen. Sie haben ihr Leben in der Türkei verloren. Hier leben sie momentan auf dreißig Quadratmetern ohne Möbel, mit einer Matratze auf dem Boden. "Abends sitzen wir zusammen auf dem Boden, das ist echt romantisch, aber ich vermisse meine 120-Quadratmeter-Wohnung in Istanbul", sagt die Frau.

"Deutsche Elite hat Arbeiter aus der Türkei zu schlecht behandelt"

Ob Erdogan das von ihm gewünschte Präsidialsystem durchsetzen kann? Ihre Familien und alle ihre Freunde werden dagegen stimmen. Sie können es sich nicht anders vorstellen. Sie werden nicht nochmal versuchen, zur Wahl zu gehen. Ihre Angst ist zu groß. Sie glauben, dass sie abgehört werden.

Ein Mitarbeiter der deutschen Behörden habe sie absichtlich falsch übersetzt, sie als Terroristen beschimpft. Die Türken hier seien überzeugt, dass alles richtig sei, was Erdogan tut. Sie sagt: "Wir verdienen das alle. Wir türkische Elite haben uns zu wenig um die Arbeiter gekümmert. Und die deutsche Elite hier hat die Arbeiter aus der Türkei zu schlecht behandelt." Insgeheim sei sie schadenfroh.

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