Professor Andreas Reif mit dem Buch "ADHS im Erwachsenenalter"
Professor Andreas Reif mit dem Buch "ADHS im Erwachsenenalter" Bild © picture-alliance/dpa

Die Aufmerksamkeitsdefizitsyndrome ADHS und ADS sind weitläufig bekannt. Der Umgang auch mit erwachsenen Patienten lässt allerdings weiter zu wünschen übrig. Wir haben einen Arzt gefragt, wo es noch Handlungsgedarf gibt.

Professor Andreas Reif ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Uniklinik Frankfurt. Im Gespräch mit hr-iNFO räumt er mit Vorurteilen über ADHS und ADS ebenso auf wie mit jenen über die medikamentöse Behandlung.

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hr-iNFO: Eigentlich vergisst doch jeder Mensch fast täglich irgendwas. Er lässt seinen Schlüssel liegen, verpeilt Termine, ist unkonzentriert und einfach nicht bei der Sache. Aber: Ab wann sprechen Sie überhaupt von Erkrankung? Wir haben doch wohl nicht alle ADS oder ADHS?

Reif: Nein. Ein Einzelsymptom begründet nie eine Krankheit. Das ist in der Psychiatrie so und das ist in der körperlichen Medizin so. Nicht jeder, der mal traurig ist, hat eine Depression. Nicht jeder, der mal hustet, hat eine Lungenentzündung. Eine Krankheit macht ein typischer Symptomenkomplex aus. Für ADS/ADHS gibt es klare Kriterien – und die müssen situationsübergreifend sein. Nicht jeder, der bei der Kirchenpredigt unaufmerksam ist, hat ADS. Es muss an mehreren Orten passieren und es muss zum Leiden von Patienten kommen.

hr-iNFO: Es gibt aber auch viele Menschen, darunter Fachkollegen von Ihnen, die bezweifeln, dass es sich bei ADS und ADHS überhaupt um eine Erkrankung handelt. Manche sprechen von "Modekrankheit", andere sagen, da habe sich die Pharmaindustrie eine Krankheit ausgedacht. Glauben Sie, dass man diesen Meinungsstreit sachlich ausfechten und zu einem eindeutigen Ergebnis bringen kann?

Reif: Die Datenlage bei ADHS ist sehr eindeutig. Da gibt es wenig Zweifel. Die erste Beschreibung des Krankheitsbilds bei Kindern finden Sie im 18. Jahrhundert – lange bevor der erste Pharmakonzern am Horizont auftauchte.

hr-iNFO: Wie weit kennt man inzwischen eigentlich die Ursachen von ADS und ADHS?

Reif: Die Gründe für ADHS liegen zu 80 Prozent in den Genen begründet. Die restlichen 20 Prozent ergeben sich aus der Umwelt und Gründen, die wir noch nicht genau kennen. Die meisten der genetischen Varianten sind verantwortlich für die Kommunikation, das Wachstum und die Plastizität der Nervenzellen. Es gibt Hunderte ADHS-Risikogene und nur, wenn man sehr viele dieser Varianten hat, kommt es zu diesem Erkrankungstyp.

hr-iNFO: ADS und ADHS können bei den Betroffenen ganz unterschiedlich stark ausgeprägt sein – es gibt leichte Formen und auch schwere. Sollte in jedem Fall behandelt werden, wenn ADS oder ADHS mit schweren Begleit-Erkrankungen einhergehen?

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Reif: Das ist unter Umständen eine große Herausforderung: Diese anderen mit ADHS verbundenen Erkrankungen – sogenannte komorbide Erkrankungen – sind häufig der Grund, warum Patienten tatsächlich zu uns in Behandlung kommen. Wenn man sich ADHS-Patienten in einer großen Gruppe anguckt und sieht, wie viele noch andere Erkrankungen haben, dann muss man sagen: Lediglich 20 bis 30 Prozent haben keine andere Erkrankung. Der Großteil der Patienten leidet noch an weiteren psychischen Erkrankungen: depressive Erkrankungen, aber auch Angststörungen. Suchterkrankungen finden sie häufig und Unfälle – sowohl im Haushalt, als auch Verkehrsunfälle. Man findet eine Häufung von kriminellem Verhalten, von Suizidversuchen und Suiziden. Man findet gehäuft Adipositas, also Übergewicht, und, und, und. Das zeigt, dass eine gute und frühzeitige Behandlung von ADHS diese Folgeerkrankungen verhindern kann. Zwar muss nicht jedes ADHS behandelt werden, aber es sollte immer jemand da sein, der aufgrund einer rationalen Diagnostik darüber entscheidet.

hr-iNFO: Wie stark stehen in der Behandlung von Erwachsenen Medikamente wie Ritalin im Vordergrund?

Reif: Was die Unaufmerksamkeit und die Hyperaktivität betrifft, ist diese Behandlung sehr effektiv und relativ nebenwirkungsarm. Es gibt natürlich Nebenwirkungen, die sind aber in fachkundigen Händen überschaubar und gut zu managen. Wenn es einer medikamentösen Therapie bedarf, sollte man sich nicht davor scheuen, das durchzuziehen. Da sieht man häufig ziemlich überraschende, zum Positiven hin verlaufende Lebensläufe.

hr-iNFO: Es gab immer wieder Kritik an den unerwünschten Wirkungen von Ritalin und ähnlichen Medikamenten. Sie können nervös machen, Schlaflosigkeit verursachen, Bauchschmerzen, Herz-Kreislaufbeschwerden, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit. Und der Wirkstoff, Methylphenidat, kann abhängig machen. Hat man nie versucht, die Medikamente zu verbessern oder neuere, besser verträgliche auf den Markt zu bringen?

Reif: Es gibt alternative Medikamente und es gibt viele Spielarten des Methylphenidats. Die Nebenwirkungen, die sie aufgezählt haben, sind sehr typisch. Es gibt natürlich ein gewisses Suchtpotenzial – vor allem bei Gesunden. Die Frage ist, ob das auch für Patienten gilt. Studien zeigen, dass eine Methylphenidat-Behandlung das Risiko einer späteren Suchterkrankung senkt. Trotzdem wären neue Substanzen auch für uns Psychiater wünschenswert. Wir hätten gerne eine Substanz mit noch weniger Nebenwirkungen. Da sehe ich auf weiter Flur aber relativ wenig, weil das Methylphenidat einfach so wirksam, dass sich die Firmen überlegen würden, eine Alternative auf den Markt zu bringen. Jedes neue Medikament müsste sich gegen Methylphenidat behaupten und zeigen, dass es einen Zusatznutzen hat. Das dürfte schwierig werden.

hr-iNFO: Gibt es für Sie etwas, was Sie für besonders wichtig halten im Umgang und in der Therapie von ADS- und ADHS-Patienten?

Reif: Die erste wichtige Sache ist, die Erkrankung zu erkennen und als solche auch ernst zu nehmen. Sie würden niemandem vorwerfen, dass er einen Herzinfarkt hat. ADHS-Patienten werden beim Therapeuten aber noch häufig als Schuldige ausgemacht für ihre Krankheit. Man sollte zudem die Krankheit nicht dramatisieren: Nicht jeder ADHS-Patient ist suizidgefährdet. Es gibt viele Patienten, die hervorragend damit zurechtkommen, die vielleicht sogar die Vorteile, die die Erkrankung mit sich bringt, zu nutzen wissen: das Kreative, das Impulsive, die Bereitschaft, auch mal ein Risiko einzugehen. Das ist vielleicht nicht gut, wenn man Chef einer Finanzbehörde ist, aber vielleicht um in kritischen Situationen Risiken bei der Hand zu nehmen.

Wer mit ADHS-Patienten arbeitet weiß, dass das sehr häufig ganz charmante, lustige Leute sind. Die machen zwar auch viel Chaos, das kann man ihnen aber häufig nicht böse nehmen. Mir macht es sehr viel Spaß, mit diesen Menschen zu arbeiten und herauszufinden, wie man ihr Leben besser gestalten kann. Das ist eine sehr lohnende Aufgabe.

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