Juli Zeh
Juli Zeh Bild © Thomas Müller

Mit ihrem Gesellschaftsroman "Unterleuten" gelang Juli Zeh zuletzt ein viel beachteter Bestseller. In ihrem neuen Buch „Leere Herzen“ entwirft sie ein düsteres Zukunftsszenario: Sie erzählt von einer Nach-Merkel-Generation, die keine Überzeugungen und Werte mehr hat und Rettung im Selbstmord sucht.

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Auf die Frage, ob sie ein lebensfroher Mensch sei, antwortet Juli Zeh ehrlich: "Nee, ich glaube nicht. Meine Grundneigung ist eher Melancholie, vielleicht auch manchmal Frustration. Es gibt aber einen ganz starken Trieb in mir, der dagegen arbeitet." Sie sei sich bewusst, dass die Welt nicht nur ein dunkler Ort sei, man müsse hinausgehen und versuchen, sie zu genießen.

Diese innere Widersprüchlichkeit der Autorin kann man auch aus ihrem neuen Roman "Leere Herzen" herauslesen, der ein fesselnder Psychothriller ist. Man lernt menschliche Abgründe kennen, dunkle und helle Seiten der Romanfiguren – wie zum Beispiel Britta, die zusammen mit ihrem Geschäftspartner Babak "Die Brücke" leitet, eine Praxis für Psycho-Coaching in Braunschweig.

Das Geschäftsmodell funktioniert so, dass ein Algorithmus potentielle Selbstmordkandidaten aus dem Internet fischt, um sie bei guter Eignung an Organisationen zu vermitteln, die medienwirksame Anschläge planen und den Tod von Selbstmordattentätern gut gebrauchen können. Um die "Suizidfähigkeit" der Kandidaten zu testen, führt die Praxis eine Reihe von Tests durch, bei denen viele durchfallen und quasi gerettet werden können. Nur einige wenige sind am Ende zu einem märtyrerhaften Tod fähig.

Ein Roman als Weckruf und Provokation

Die Geschichte spielt in der nahen Zukunft, Angela Merkel ist nicht mehr Bundeskanzlerin, die Bewegung der besorgten Bürger hat die Regierungsgeschäfte übernommen, Europa zerfällt immer mehr, nach dem Brexit bereitet auch Frankeich den Frexit vor, der islamistische Terror ist kein globales Problem mehr, dafür aber die steigende Selbstmordrate im Land. Die Idee zum Buch hatte Juli Zeh, als sie in einem Café in Braunschweig die Schlagzeilen eines Online-Magazins las und die Häufung von kleineren Anschlägen an der Grenze zwischen Amok und Attentat bemerkte.

Zitat
„Dass immer mehr kluge, denkende Menschen sich abwenden von den gesellschaftlichen Belangen und von der Politik.“ Zitat von Juli Zeh
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"Ich dachte, wie krass ist es eigentlich, dass diese anarchischen, terroristischen Inflationen sich paaren mit einer Gesellschaft, die immer sauberer, sicherer und effizienter werden möchte, die eigentlich Störungen überhaupt nicht mehr erträgt." Daraus sei die Grundidee zum neuen Buch entstanden. Sie habe sich die Frage gestellt: "Kann man Terror nicht eigentlich auch sauber, effizient und kommerziell machen, sodass am Ende alle was davon haben?" Das sei natürlich zynisch, sagt Juli Zeh, spiegele aber eine generelle Haltung wider: Man gewöhne sich schnell an Schockierendes.

Im Roman lässt Juli Zeh ihre Protagonistin Britta sagen: "Tief in uns drinnen ist ein Loch. Wir haben keine Ahnung, wer wir sind. Sein wollen. Oder sollen." Für Juli Zeh, die immer auch ein politischer Mensch war und sich regelmäßig in die gesellschaftliche Debatte einmischt, ist das eine der zentralen Fragen in ihrem Schreiben.

Hauptsache Veränderung

Sie konstatiert "eine Verunsicherung des modernen Menschen, worum es eigentlich noch geht" und fragt in ihren Werken immer wieder, "was über das individuelle Überleben hinaus noch sowas ist wie ein Menschheitsziel oder ein gemeinsames Anliegen." Daher möchte sie "Leere Herzen" auch als Weckruf und Provokation verstanden wissen. Der Roman spiele in der Zukunft, weil sie Dinge weiter denken und deutlich machen wollte, in was für einer Situation sich unsere Gesellschaft befände. "Dass immer mehr kluge, denkende Menschen sich abwenden von den gesellschaftlichen Belangen und von der Politik."

Insofern ist Juli Zehs neuer Roman auch ein spannendes Lehrstück über die Gefährdung der Demokratie. In hr-iNFO erklärt die bekennende Sozialdemokratin, die auch seit kurzem SPD-Mitglied ist, dass es Zeit wäre für einen Wechsel in der Politik.

"Es tut uns nicht gut, weiter von Frau Merkel regiert zu werden, weil wir hineinregiert worden sind in so ein stagnatives Gefühl, was einfach dieser Abwendung der Bürger von Politik weiter zuträgt." Dass ihre Partei in die Opposition gegangen ist, um sich neu zu finden, hält Juli Zeh für richtig. "Egal was jetzt passiert, kommt Jamaika zustande oder nicht – es wird zumindest eine Veränderung sein und das ist wichtig, um Menschen auch wieder so ein bisschen aufzuwecken."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 10.11.17, 19.35 Uhr

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