Künstlerin Angela Melitopoulos
Künstlerin Angela Melitopoulos Bild © Angelos Giotopoulos

Im Gießhaus in Kassel produzierte die Firma Henschel lange Jahre Industriegüter – auch Waffen für die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg. Ein guter Ort, um Kunst zu präsentieren und auf die Folgen von Imperialismus und Kapitalismus hinzuweisen.

Angela Melitopoulos interessiert sich für das Schicksal von Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen. Sie ist selbst als Kind griechischer Eltern in München geboren. Und ihre Vorfahren wiederum kommen aus der Türkei, wo eine große griechische Minderheit in den 1920ern von den türkischen Behörden nach Griechenland deportiert wurde. Solche Schicksale interessieren Angela Melitopoulos und in ihrer Arbeit für die documenta in Kassel beschäftigt sie sich mit syrischen Flüchtlingen, die in Griechenland auf traumatische Weise stranden.

 So sieht es aus

Angela Melitopoulos hat einen fast zweistündigen Film gedreht mit dem Namen „Crossings“. Der ist als Mehrkanal-Video- und Klanginstallation im Gießhaus in Kassel zu sehen. Für die documenta verwandelt sich das Gebäude nun in einen Vorführraum. Zu sehen sind Bilder der griechischen Goldminen in Skouries im Norden von Thessaloniki sowie Flüchtlingslager auf Lesbos und in Piräus. In ihrer Dokumentation verknüpft die Künstlerin das Schicksal der syrischen Flüchtlinge mit der Wirtschaftskrise in Griechenland.

Documenta Check - Abbildung des Gebäudes, in dem der Film gezeigt wird
Installationsansicht, Giesshaus Kassel Bild © Nils Klinger

Das will die Künstlerin damit sagen

Im Norden der Stadt Thessaloniki baut der kanadische Konzern Eldorado Gold ab. In einer riesigen offenen Mine richtet der Konzern große Umweltschäden an. Gleichzeitig stranden in Griechenland tausende von Flüchtlingen. Die Migrationskrise  trifft mit der Schuldenkrise Griechenlands zusammen. Für Angela Melitopoulos entsteht etwas, das sie chaosmotisch nennt. "Chaosmotisch kommt von Osmosis und Chaos. Chaos ist ein Zustand der auch kreativ ist. Das heißt, irgendwas verändert sich in diesem Zustand und in welche Richtung man geht, in so einer Situation bedeutet, worüber man entscheidet. Eine emotionale, ethische und rationale Entscheidung, ob man sofort alles abwehrt oder ob man versucht etwas daraus neu zu sehen oder zu tun."

Das Chaos in Griechenland sieht die Künstlerin als eine Art Chance: Aus der Krise lernen, heißt neue Handlungsstrategien zu finden. Denn es wirken Kräfte auf uns ein, die so neu sind, daß wir nicht wissen können, wie wir damit umgehen. Melitopoulos Video und Klanginstallation hat zudem einen sehr dokumentarischen - und aufgrund der Aktualität - fast schon journalistischen Charakter: "Es passiert jetzt und es stellt den Journalismus in die Krise weil die Jetztzeit mit vorgefertigten Mustern formuliert wird anstatt dass man das, was da gerade passiert als ein Resultat das vorgefertigte Muster nicht mehr genügen um zu verstehen wie unsere Welt funktioniert."

So kommt es an

Angela Melitopoulos Arbeit ist sehr theoretisch – auch wenn ihr Film sehr dokumentarisch wirkt, merkt man schnell, wie philosophisch es wird. Um nicht zu sagen unverständlich. Eins jedoch wird klar: Ihre sozialkritische Haltung gegenüber kapitalistischer und kolonialistischer Praktiken. Für Melitopoulos greifen neoliberale Interessen, wie etwa die des kanadischen Goldminenkonzerns, nach der Macht und wirken sich damit negativ auf das soziale Gefüge in Griechenland aus. Ob dies aus dem Film klar wird, muss jeder selbst erfahren. Die 110 Minuten-Projektion im Gießhaus verspricht jedenfalls anstrengend und lange zu werden.

Sendung: hr-iNFO, 18.8.2017, 8:30 Uhr

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