Einbürgerung
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Rund eine halbe Millionen Migranten in Hessen erfüllen formal die Voraussetzungen für eine deutsche Staatsbürgerschaft. Aber: Immer weniger beantragen sie auch. Aber warum ist das so?

In einem weißen prachtvollen Kleid schreitet Neivi Martinez durch die bestuhlten Reihen. Kurz vor der Bühne bleibt sie stehen, alle Augen auf sie gerichtet. Die aus Mexiko stammende Sopranistin hat ihren großen Tag mit einer Arie aus einer Puccini-Oper geschmückt – für sich persönlich und viele andere, die kürzlich die deutsche Staatsbürgerschaft in der ersten zentralen Einbürgerungsfeier im Wiesbadener Landtag bekamen. Von einem Traum ist in der Arie die Rede. Und es sei tatsächlich ein großer Tag für sie, meinte die Sängerin hörbar glücklich: "Ich bin so stolz und so glücklich, dass ich das heute auf diese Weise feiern kann. Es ist fantastisch und unbeschreiblich."

Neivi Martinez
Neivi Martinez bei ihrer Einbürgerung. Bild © hr

Von dem deutschen Pass, den sie bekam, verspricht sich die Künstlerin vor allem mehr berufliche Reisefreiheit, die sie als Mexikanerin nicht in gleichem Maße genießen konnte.  Menschen, die die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen möchten, haben die unterschiedlichsten Gründe. Für den dafür zuständigen hessischen Staatssekretär, den Grünen Jo Dreiseitel, ist wichtig, dass sie es tun. 6,1 Millionen Menschen leben in Hessen. Davon haben über 15 Prozent – 930.000 – keinen deutschen Pass. Mehr als die Hälfte von ihnen wohnt länger als acht Jahre in Deutschland. Sehr viele von ihnen könnten sich einbürgern lassen, wenn sie wollten - fast eine halbe Million. Aber: immer weniger Ausländer wollen sich einbürgern lassen. Die Zahlen sind seit 2012 rückläufig. Damals waren es noch über 14.000 Menschen aus Hessen, die Deutsche wurden. 2015 nur etwas weniger als 12.000.

Damit liegt Hessen leicht über dem Bundesdurchschnitt. Dass Migranten sich einbürgern lassen und die Zahlen wieder steigen, sei politisch gewollt, sagt der hessische Staatssekretär Dreiseitel. Doch die Zahl der Einbürgerungen gehe seit einigen Jahren stetig zurück: "Wir wollen diesen Trend stoppen, weil so viele Hundertausende von Bürgerinnen und Bürger zum Teil seit Jahrzenten bei uns leben. Wir wollen sie ermuntern, sich mit uns zu identifizieren und aktiver Bestandteil unserer Gesellschaft zu werden."

Landesregierung will Negativtrend mit Kampagne stoppen

"Hessen und ich – das passt" heißt die Kampagne, mit der seit Herbst letzten Jahres Überzeugungsarbeit geleistet werden soll. Mehr als 4000 Plakate und mehr als 50.000 Flyer sind in Hessen verbreitet worden – in den Gemeinden und Kreisen beispielsweise, aber auch über Ausländerbeiräten. Auf der Informationsseite im Internet ist nachzulesen, wer eigentlich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen könnte und welche Vorteile es hätte.

Sich einbürgern lassen – das bringe eine Reihe von Vorteilen für Ausländer, die sowieso in Deutschland leben, so wirbt dort das Land Hessen: Als Deutscher darf man Kreistag, Stadtparlament, Landtag, Bundestag und das Europaparlament wählen – und man kann auch selbst in diese Parlamente gewählt werden. Man kann sich frei in allen Ländern der EU bewegen, überall in der EU arbeiten, hat Zugang zu allen Berufen, kann in viele Länder ohne Visum reisen – und: Man sparte sich die ständigen und lästigen Behördengänge auf Konsulat oder in die Botschaft seines Herkunftslandes. Warum der Trend in den letzten Jahren dennoch rückläufig war, das gibt Dreiseitel Rätsel auf. "Ich vermute, dass das zusammenhängt mit fehlenden Informationen."

So die Sichtweise der Landesregierung. Daher die neue Einbürgerungs-Kampagne seit Oktober 2016. Ob sie fruchtet, ist noch nicht absehbar. Der Integrations-Staatssekretär sieht Anzeichen für einen positiven Trend. Erst Mitte des Jahres soll es jedoch konkretere Ergebnisse geben.

Weniger Wert auf Anpassung

Für viele Migranten ist die Staatsangehörigkeit ein Teil ihrer Identität, den sie nicht einfach abgeben wollen. Auch nicht im Tausch gegen einen deutschen Pass, der für viele die Bürokratie in ihrem Alltag erleichtern würde. Doch die Wurzeln ins Heimatland der Eltern scheinen oft stärker zu sein, als die Identifizierung mit der deutschen Heimat. Das lässt zumindest eine Studie der Universität Münster vermuten, die türkischstämmige Menschen in Deutschland zu den Themen Religion und Integration befragt hat.

In der Studie heißt es unter anderem in einem Fazit: "Obwohl die Angehörigen der zweiten und dritten Generation, also der in Deutschland Geborenen und als Kind Zugewanderten, besser integriert sind als die Angehörigen der ersten Generation, die erst als Erwachsene nach Deutschland gekommen sind, legen sie weniger als diese Wert auf eine Anpassung an die deutsche Kultur und mehr Wert darauf, selbstbewusst zu ihrer eigenen Kultur zu stehen."

"Was Klaus zusteht, steht auch Mehmet zu"

Warum das so ist, damit hat sich Haci-Halil Uslucan beschäftigt. Er ist wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für moderne Türkeistudien und Integrationsforschung. Uslucan kam selbst 1973 als Kind sogenannter türkischer Gastarbeit nach Deutschland – und entschied sich als Erwachsener für die deutsche Staatsbürgerschaft. Für die starke Bindung zum Heimatland der Eltern gebe es mehrere Gründe, sagt er.

Haci-Halil Uslucan
Haci-Halil Uslucan Bild © picture-alliance/dpa

"Eine Erklärung ist die, dass hier geborene junge Menschen viel stärker Gleichheitsgrundsätze auch verinnerlichen – dahingehend, dass sie sagen: das, was dem Klaus zusteht, steht dem Mehmet auch zu! Und wenn sie dort Ungleichheiten wahrnehmen, sind sie viel rebellischer und empfinden das auch viel mehr als eine Zurückweisung als die Elterngeneration. Die hat sich durchaus mit dem zweiten Platz in der Gesellschaft abgefunden." Das liege daran, so Uslucan, dass die Elterngeneration,  die Situation in Deutschland mit der in ihrem Herkunftsland verglichen. "Dann sagen sie: uns geht es in Deutschland besser als in der Türkei. Nur die Jüngeren, die hier geborenen sind, haben ja nicht diesen Maßstab. Ihr Maßstab ist der Vergleich mit den Einheimischen."

Ein anderer Aspekt sei, dass jüngere Menschen die Integrationsdebatte eher verfolgten. "Sie lesen Bücher darüber, sie sehen in Talk-Shows, wie über sie verhandelt wird, sodass dort das Bedürfnis, sich kritisch zu positionieren eher vorhanden ist als bei der Elterngeneration."

Brexit-Einbürgerungen steigen rasant

Um in Zukunft mehr Migranten wieder dazu zu bringen, sich einbürgern zu lassen, rät Haci-Halil Uslucan, ihnen mehr Verantwortung zu geben und sie zum Beispiel direkter anzusprechen, sich stärker in der Gesellschaft zu engagieren. "Denn, wenn wir nicht wollen, dass Menschen vom zivilgesellschaftlichen Ausland gesteuert werden und von Politiker aus dem Ausland angesprochen werden, dann muss die hiesige Politik sie viel stärker ansprechen. Das ist etwas mit Blick auf die Türkeistämmigen, was wir in der Form vermissen, dass sie von der deutschen Politik auch explizit angesprochen werden."

Für steigende Einbürgerungen könnte das sogar Wirkung zeigen. Denn: Die meisten der hessischen Neudeutschen stammen aus der Türkei. Auf Platz zwei folgen Polen, auf Platz drei Marokkaner; dann folgen Afghanen, Italiener, Ukrainer und Kroaten. Doch es zeichnet sich ein neuer Trend ab: die Zahl der Briten in Hessen, die Deutsche werden wollen, hat sich, nach dem Brexit-Votum 2016, vermehrfacht.

Weitere Informationen

Wer darf Deutscher werden?

Voraussetzungen:

  • man muss mindestens acht Jahre rechtmäßig seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland haben, mit einem unbefristeten Aufenthaltsrecht;
  • man muss ausreichend gut Deutsch sprechen, sich zum deutschen Grundgesetz bekennen, mit den Lebensverhältnissen in Deutschland und der Rechts- und Gesellschaftsordnung vertraut sein,
  • man darf nicht wegen einer Straftat verurteilt sein – höchstens wegen kleinerer Vergehen,
  • man muss seinen Lebensunterhalt für sich und seine Angehörigen bestreiten können – soll also keine Sozialhilfe oder Hartz-IV bekommen;
  • man muss seine bisherige Staatsangehörigkeit aufgeben. Ausnahme: EU-Bürger und Schweizer dürfen ihre alte Staatsbürgerschaft behalten, also: zwei Pässe haben.
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