Menschenmasse
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Viele laute Menschen oder Geräusche, verschiedene Stimmen, allgemeine Unruhe – manchmal ist das einfach zu viel. Für Hochsensible ist dieses Gefühl ein Dauerzustand. Sie werden regelrecht krank davon.

In Deutschland gelten 15 bis 20 Prozent der Menschen als hochsensibel. Viele wissen aber gar nichts davon, weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse fehlen. Cordula Roemer ist Buchautorin und selbst hochsensibel. Sie beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Was ist Hochsensibilität?

Jeder Mensch besitzt neuronale Filter, die darüber entscheiden, welche Reize das System aufnimmt. Dabei spielt eine Rolle, welche Reize zu einem bestimmten Zeitpunkt benötigt und wichtig sind und welche nicht. „Dieser Filter ist bei Hochsensiblen gröber eingestellt“, sagt Cordula Roemer, „das heißt, es kommen per se mehr Informationen in das System rein, es werden mehr Informationen aufgenommen und die dann auch entsprechend verarbeitet.“ Wie stark die Hochsensibilität ausgeprägt ist, hängt von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel, welcher oder wie viele Sinneskanäle betroffen sind. Meistens sei es eine Kombination aus bis zu drei Sinneskanälen, sagt Roemer. Hochsensibilität sei aber keine Störung, ergänzt sie, sondern eine Veranlagung – vergleichbar mit einer Hochbegabung.

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Buchtipps

"Hochsensibel - Leichter durch den Alltag ohne Reizüberflutung" von Cordula Roemer und Suzann Kirschner-Brouns, Gräfe und Unzer Verlag, ISBN: 978-3-8338-5316-6, Preis: 14,99 €  

"Hurra, ich bin hochsensibel! Und nun?" von Cordula Roemer
Springer Verlag, ISBN: 978-3-6625-3839-5, Preis: 19,99 €

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Welche Situationen können für Hochsensible schwierig sein?

Häufig handelt es sich um Situationen, wo viele Menschen zusammen kommen, und es sehr laut ist - zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln. Probleme machen können aber auch sogenannte „Drucksituationen“, sagt Roemer, in denen zum Beispiel etwas mehr oder anderes verlangt werde, als es der Arbeitsweise der betroffenen Person entspräche. Wichtig sei dabei aber zu verstehen, dass es nicht darum gehe, dass hochsensible Menschen nicht belastbar seien. Es komme aber auf die Rahmenbedingungen an. „Und dazu gehört, dass die sensorischen Reize im Rahmen bleiben“, sagt Cordula Roemer. Und dass es Möglichkeiten gebe, sich von der Reizüberflutung auszuruhen und das „System zu entlasten“.

Wie können Hochsensible trotz Reizüberflutung unterfordert sein?

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Hochsensible haben aufgrund ihrer großen Informationsvielfalt, die sie in sich tragen, oftmals auch ein großes Bedürfnis nach hoher Qualität und komplexen Inhalten. „Und sie haben auch das System, vom Gehirn und der Nervenverarbeitung, um komplexe Inhalte zu verarbeiten“, erklärt Cordula Roemer. Wenn dann die entsprechenden anspruchsvollen Inhalte nicht da seien, dann komme es zum so genannten Bore-Out. „Dann kommt es quasi zur Überlastung durch Unterforderung“, sagt Roemer. Ein Beispiel, wo sich das zeige, sei der Umgang mit so genanntem Small Talk. Hochsensiblen falle es schwer, nur oberflächlich über Themen zu sprechen. Im Gegensatz dazu empfänden hochsensible Menschen eine tiefe Befriedigung darin, die Sachverhalte tiefgründig zu betrachten.

Wie kann Hochsensibilität festgestellt werden?

Derzeit ist Hochsensibilität noch nicht wissenschaftlich anerkannt, deshalb gibt es auch noch keine Therapie- oder Beratungsangebote über die Krankenkassen. In Deutschland hat Dr. Sandra Konrad von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg 2013 eine erste umfangreiche Studie im deutschsprachigen Raum begonnen. In den USA ist Elaine Aron die Vorreiterin in Sachen Hochsensibilitäts-Forschung. Doch wirklich weit sei man noch nicht, sagt Cordula Roemer. Zudem gebe es Verhaltensweisen, die sich mit Krankheitsbildern wie ADS, ADHS oder Autismus überlappen. Gerade bei Kindern sei es daher schwer, die Zeichen richtig zu deuten. Für Cordula Roemer gilt daher: Ärzte und Psychologen müssten besser geschult werden, um Hochsensibilität bei Kindern wie Erwachsenen erkennen zu können. Einen Test zur Selbsteinschätzungen kann man auf der Seite www.zartbesaitet.net machen. Weitere Informationen zum Thema Hochsensibilität gibt es auch auf www.hochsensibel.org.

Sendung: hr-iNFO Fit und Gesund, am 2.9.2017 um 6:35 Uhr

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