dpa Parthenon of books
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Es ist DER Publikumsmagnet auf der documenta 14: der Parthenon der Bücher. Der Nachbau der Akropolis besteht aus Büchern, die einmal verboten waren oder noch sind. Wir stellen Ihnen einige dieser Werke vor und erzählen ihre Geschichte.

Lewis Carroll: Alice im Wunderland (erschienen 1865)

Entstanden ist die Geschichte während einer Bootstour auf der Themse. Der Autor Lewis Carroll, mit bürgerlichem Namen Charles Lutwidge Dodgson, war Mathematikprofessor in Oxford. In seinem Boot saßen auch die drei Töchter des Unidekans, darunter die zehnjährige Alice. Dodgson unterhielt sie mit einer Nonsens-Geschichte, die er später aufschrieb und 1865 veröffentlichte.

Verboten wurde "Alice im Wunderland" zuerst um 1900 in den USA - mit der Begründung, es enthalte Schimpfworte und Hinweise auf sexuelle Fantasien. 1931 wurde es in China verboten, weil in ihm Tiere reden können und "weil es verwerflich sei, das Tier dem Menschen gleichzusetzen". 1960 wurde es in den USA erneut verboten, die Begründung diesmal: Es enthalte Anspielungen auf halluzinogene Drogen und verleite zum Drogenmissbrauch.
Bis heute ist "Alice im Wunderland" eines der beliebtesten, meistverfilmten und einflussreichsten Kinderbücher aller Zeiten.

Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz (erschienen 1943)

"Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar" ist das wohl bekannteste Zitat aus "Der kleine Prinz". Die Erzählung gilt als literarische Umsetzung des moralischen Denkens des Autors und seiner Kritik am Werteverfall der Gesellschaft. Antoine de Saint-Exupéry war im zweiten Weltkrieg als Aufklärungsflieger im Einsatz.

Verbotene Bücher
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Diese Erlebnisse verarbeitete er in seinem Buch "Kriegsflieger" von 1942. In Deutschland kamen seine Werke daraufhin auf den Index. In Frankreich wurden seine Bücher, die vor bzw. während des Zweiten Weltkriegs erschienen, in der deutschen Besatzungszeit von 1940 bis 1944 verboten. So auch "Der kleine Prinz". Mittlerweile ist das Buch in über 180 Sprachen übersetzt und zählt zu den 20 meistgelesenen Büchern weltweit. 

Dan Brown: Sakrileg (erschienen 2003)

In "Sakrileg" werden Verschwörungstheorien und Unterhaltung miteinander verbunden, zudem bietet der Roman eine alternative Sicht auf die Kirchen- und die französische Geschichte. Das Buch war und ist teilweise immer noch im Libanon, Jordanien, Ägypten, Iran, Pakistan und verschiedenen Staaten Indiens verboten.

Es beleidige die Religion und das Christentum. Der Vatikan rief zum Boykott des Buches auf. Es sei scharf anti-christlich, voller Verleumdungen, Beleidigungen sowie voller historischer und theologischer Fehler in Bezug auf Jesus, das Evangelium und die Kirche.

Jonathan Swift: Gullivers Reisen (erschienen 1726)

In der Originalfassung besteht der Roman aus vier Teilen, entsprechend den vier Reisen Gullivers. In den ersten beiden Teilen reist er ins Land der Zwerge und der Riesen. Wegen dieser beiden Teile entwickelte sich das Werk zu einem der berühmtesten Kinderbuchklassiker der Welt. Dabei hat Swift es gar nicht für Kinder geschrieben.

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"Gullivers Reisen" ist in der Originalfassung eine scharfzüngige Gesellschaftssatire, in der der Autor seine Verbitterung über Missstände und die Moral seiner Zeit zum Ausdruck bringt. Deshalb wurde seine Satire auch immer wieder beschnitten und modifiziert. Verboten wurde der Roman Gullivers Reisen 1726 in Irland, mit der Begründung, er sei gefährlich und obszön. Zuvor war er in England aus politischen Gründen verboten. Heute sind vor allem die ersten beiden Teile bekannt, die auch als Kinderbuch erschienen sind.  

Mark Twain: Die Abenteuer des Tom Sawyer (erschienen 1876)

Das Buch gehört zu den Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur. Es ist in der damals gängigen Alltagssprache erzählt. Wegen der Verwendung von Kraftausdrücken wurde es in den USA zunächst auf den Index gesetzt. Während das Buch zu Anfang sehr schnell zur Pflichtlektüre in den Schulen wurde, kam es in den USA nach und nach zu Verboten, weil die Diskussion über inhaltlichen Rassismus große Ausmaße annahm.

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In dem Buch wurden die Begriffe "Nigger" und "Rothaut" verwendet. Die Bücher von Mark Twain sind mittlerweile politisch korrekt übersetzt worden. Beispielsweise wurde das Wort "Nigger" 219 Mal durch das Wort "Sklave" ersetzt. 2011 kam die korrigierte Version in den USA auf den Markt.

John Steinbeck: Früchte des Zorns (erschienen 1939)

Es ist das bekannteste Werk des amerikanischen Autors, für das er 1940 den Pulitzer-Preis erhielt. Verboten wurde "Früchte des Zorns" 1939 in New York, Missouri, Kansas und Kalifornien wegen der vulgären Sprache.

In der UdSSR war das Buch auch zeitweise verboten, weil es den Anschein erwecke, dass sich alle Amerikaner ein Auto leisten könnten. Das Buch zählt laut Time Magazin zu den 100 besten englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923 und 2005 veröffentlich wurden.

Bret Easton Ellis: American Psycho (erschienen 1991)

American Psycho wurde 1995 in Deutschland verboten, 2001 wurde das Verbot wieder aufgehoben und seitdem ist der Roman wieder frei verkäuflich. In Australien ist der Verkauf nur an Personen über 18 Jahre erlaubt, im Bundesstaat Queensland darf der Roman nur in Folie verpackt verkauft werden. Die Gründe sind die Darstellung exzessiver Gewalt und Sex. In Australien gilt das Verbot noch immer.

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Für viele ist "American Psycho" einer der brutalste Roman der Literaturgeschichte, vielleicht sogar der brutalste überhaupt. Die Geschichte handelt von einem Investmentbanker, der die Leere in seinem Leben mit Drogen, Sex, Gewalt und Mord zu kompensieren versucht. Er verfällt in einen Blutrausch, aus dem er nicht mehr rauskommt.

Pablo Neruda: Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung (erschienen 1924)

Es geht um die Zuneigung, die ein Mann für eine Frau empfinden kann, aber auch um rasende Eifersucht und den Schmerz des Verlassenwerdens. Pablo Neruda schrieb die Liebesgedichte, als er noch keine 20 Jahre alt war. Der Gedichtband begründete seinen weltweiten literarischen Ruhm. 1971 erhielt Neruda mit 67 Jahren den Nobelpreis für Literatur, für "eine Poesie, die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht."

Verboten waren Nerudas Liebesgedichte wie sein gesamtes Werk in Chile während der Pinochet-Diktatur von 1973 bis 1990 sowie während der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Auch aus dem spanischen Radio waren sie verbannt – von 1960 bis 1977. Die Gründe für die Verbote waren politisch. Pablo Neruda war nicht nur Dichter und Schriftsteller, sondern auch Politiker der chilenischen Kommunisten, der sich gegen den Faschismus in Chile und Spanien einsetzte. Auch war er ein Freund des 1973 von Pinochet gestürzten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Bis heute wird Pablo Neruda in Chile als Nationaldichter verehrt.

J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen (erschienen 1951)

"Der Fänger im Roggen" wurde in den 60er Jahren an Schulen in Oklahoma und Ohio verboten. Die Begründung: exzessive Gewalt, Sex und vulgäre Sprache. Der Roman enthält 255 Mal den Ausdruck "goddam" sowie 44 Mal "fuck!". 1978 wurde "Der Fänger im Roggen" dann erneut verboten, diesmal im US-Staat Washington. Er sei Teil eines generellen kommunistischen Komplotts.

Bis heute ist "Der Fänger im Roggen" ein Kultbuch, das eine ganze Jugendgeneration beeinflusst hat - auf teils tragische Weise. Mark David Chapman, der 1980 John Lennon ermordete, behauptete, er habe sich mit der Hauptfigur Holden Caulfield identifiziert. "Der Fänger im Roggen" war Salingers erster und einziger Roman - und er machte ihn weltberühmt. Über 60 Millionen Mal hat er sich verkauft und noch immer gehen jedes Jahr mehr als 200.000 Exemplare über den Ladentisch.

Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen (herausgegeben von 1812 bis 1858)

Grimms Märchen waren in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands von 1945 bis 1949 verboten. Begründung: Sie verkörperten nationalistische Ideale und seien mitverantwortlich für den Nationalsozialismus. Heute gelten die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm neben der Luther-Bibel als das bekannteste, weitestverbreitete und meistübersetzte Buch deutscher Sprache. Das macht die "Kinder- und Hausmärchen" zu einem wichtigen Zeugnis für die Literatur- und Kulturwissenschaft.

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Die Sammlung umfasst über 200 Märchen, darunter der Froschkönig, Hänsel und Gretel, Schneewittchen, Aschenputtel, Dornröschen und Frau Holle. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm aus Hanau sammelten die Märchen ursprünglich für Brentanos Volksliedersammlung "Des Knaben Wunderhorn". Sie waren eigentlich nicht für Kinder gedacht, sondern entstanden vor allem aus volkskundlichem Interesse. Als Brentano die Märchen der Brüder Grimm nicht nutze, veröffentlichten diese sie in Eigenregie.

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