Verbotene Bücher
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Wir haben den Parthenon der Bücher auf der documenta 14 zum Anlass genommen, um von verbotenen Büchern zu erzählen. Weil das Interesse daran groß war, präsentieren wir bis zum Ende der Kasseler Kunstschau einige neue Geschichten.

Diese Seite wird wöchentlich aktualisiert. (Teil 1 finden Sie hier.)

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"Esra" von Maxim Biller

Wer online nach „Esra“ von Maxim Biller sucht, findet den Titel schnell bei einem großen Anbieter – obwohl das Buch höchstrichterlich verboten wurde. Auf den zweiten Klick wird klar: Das Buch ist im Antiquariat zu haben und der Preis liegt bei knapp 500 Euro für ein neuwertiges Buch.

Es handelt sich um eines der wenigen Exemplare des Romans, der 2003 erschienen und kurz darauf vom Landgericht München verboten worden war. Was der Verlag als „leichthändige Liebesgeschichte“ ankündigte, wurde zu einem schweren Kampf in den Gerichtssälen und durch die Instanzen.

Es ist die Geschichte einer quälenden Liebesbeziehung zwischen der Hauptfigur Esra und dem Ich-Erzähler Adam. Maxim Biller schildert dabei höchst intime, auch bizarre Details aus dem Sexualleben der beiden. Die Ex-Freundin des Autors erkannte sich in der Romanfigur Esra wieder, auch ihre Mutter fand sich in dem Buch allzu eindeutig beschrieben.

Die beiden Frauen fühlten sich durch die Schilderungen in ihrem Persönlichkeitsrecht verletzt und klagten. Das Landgericht München gab ihnen Recht, der Bundesgerichtshof bestätigte das Verbot: Der Roman greife "in schwerwiegender Weise in das allgemeine Persönlichkeitsrecht" der beiden Klägerinnen ein.

2005 legte der Verlag Kiepenheuer & Witsch Verfassungsbeschwerde ein: Das Verbot schränke die künstlerische Freiheit ein. Aber die Beschwerde wurde abgelehnt, das Buch ist bis heute verboten. Wegen der intimen Details hätte der Autor die Figur der Esra stärker verfremden müssen – so die Richter.

Eine umstrittene Entscheidung, die im Konflikt zweier Grundrechte vermitteln musste: dem Persönlichkeitsrecht und der Kunstfreiheit. Das Verfassungsgericht war der Ansicht, dass in diesem Fall  die Freiheit der Kunst hinter das Persönlichkeitsrecht zurückzutreten hat.

Der Richterspruch ist nicht zu vergleichen mit der Zensur früherer Zeiten, in denen Bücher wegen angeblicher Gotteslästerung oder wegen der Kritik an den Herrschenden verboten wurden. Das Ergebnis aber, nach jahrelangem Streit vor den Gerichten ist dasselbe: Seit 2007 ist endgültig klar, dass „Esra“ nicht mehr veröffentlicht werden darf.

„Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad

Joseph Conrad, war nicht nur Autor, sondern auch Seefahrer. In „Herz der Finsternis“ verarbeitet er eigene Erlebnisse im Kongo - und legt einem Seefahrer die Geschichte seines Romans in den Mund: Kapitän Marlow. Der macht sich auf eine beschwerliche, quälende monatelange Reise von der Mündung des Kongo ins Landesinnere, um einen weißen Elfenbeinjäger zu treffen - ein Mann namens Kurtz. Ein Tyrann, wie sich herausstellt, der sich die Menschen Untertan macht, dabei dann aber selbst zugrunde geht.

Es ist eine fesselnd geschriebene Abenteuergeschichte - die Reise ins Innere eines bislang unbekannten Kontinents - aus Sicht des Europäers. Aber vor allem ist es die Reise ins Grauen des rohstoffgierigen Kolonialismus, der sich am Ende selbst zerstört. 1899 schreibt Conrad den Roman, 1902 wird er veröffentlicht. Die damalige Kronkolonie Belgisch-Kongo wird von König Leopold brutal ausgebeutet: die Menschen, das Land, die Bodenschätze. Viele Intellektuelle haben damals die moralischen Abgründe dieser Zeit längst erkannt.

Auch Conrad: Sein Roman ist eine einzige Anklage an den menschenverachtenden Kolonialismus seiner Zeit. Gleichzeitig, und das ist das bemerkenswerte an „Herz der Finsternis“: Conrad ist ein Menschenfreund, heute würde man ihn einen Rassisten nennen, aber er bleibt in seiner Zeit gefangen: Er beschreibt die afrikanischen Einwohner  klischeehaft, nennt sie gespenstisch, undurchschaubar, für seine Figur Marlow bleiben es einfach gestrickte wilde Kreaturen, oder einfach nur „Nigger".

Ein anti-imperialistischer Roman, gleichzeitig mit deutlich rassistischen Zügen. Das war vermutlich nur in dieser Zeit möglich. In den USA der Nachkriegszeit ist  dieses Buch dann auch tatsächlich verboten worden in vielen Schulen und Gemeindebibliotheken. Wegen der brutalen Beschreibungen, aber vor allem wegen der rassistischen Wortwahl. 1979 wird „Herz der Finsternis“  dann zur Vorlage des  US-Kino-Films „Apokalypse Now“. Es ist der filmische Kommentar zu den Grausamkeiten des Vietnamkrieges.

"Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak

Sie haben spitze Zähne, scharfe Krallen und gelbe Augen - zwischen diesen Monster-Ungetümen findet sich Max wieder. Denn Max hat, als Wolf verkleidet, so ungestüm in der Wohnung getobt, dass er ohne Abendessen ins Bett geschickt wird. Doch auf einmal verwandelt sich sein Zimmer in einen Dschungel und er kommt zu einer Insel, auf der diese wilden Kerle wohnen. Max zähmt die Monster, wird von ihnen zum König gekrönt und rauft nach Herzenslust mit ihnen herum. Als er zurückkommt in sein Zimmer, steht da sein Abendessen. Es ist noch warm.

Buchcover "Wo die wilden Kerle wohnen"
Buchcover "Wo die wilden Kerle wohnen" Bild © Diogenes Verlag

Diese Geschichte erzählt der Bilderbuch-Klassiker „Wo die wilden Kerle wohnen“ des amerikanischen Schriftstellers Maurice Sendak, der 2012 gestorben ist. Die Verleger wollten damals, Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre diese unverblümte Geschichte über Rebellion, Angst, Bestrafung und Flucht kleinen Kindern offenbar nicht zumuten: Vier Jahre lang hatte Maurice Sendak den Verlag bearbeitet. 1963 erschien es dann doch. Und wurde von zig Kritikern verrissen. Vielen war es zu brutal. Und der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim schrieb, Sendak hätte wohl vergessen, was für eine gehörige Angst es in Kindern auslöse, ohne Essen ins Bett geschickt zu werden - von der Mutter, die die erste Adresse für Nahrung und Sicherheit sei. Einige Bibliotheken und Schulen verboten das Buch, erzählte Sendak im Nachhinein, weil es darin um „übernatürliche Kräfte“ gehe. Und das deutsche Magazin „Der Spiegel“ fand das Bilderbuch 1970 ebenfalls „zu grauslich“.

Aber es gab auch andere Stimmen. Ein Jahr nach Erscheinen bekam es in den USA den bedeutendsten Kinderbuch-Preis. Eine Zeitung schrieb, Kinder müssten ihre Eltern vor diesem Buch schützen. Denn Erwachsene seien so leicht zu verängstigen. Mittlerweile ist „Wo die wilden Kerle wohnen“ ein Kinderbuchklassiker, wurde mehrmals verfilmt, und Therapeuten setzen es bei verhaltensauffälligen Kindern ein. Und ein Achtjähriger fragte Maurice Sendak einmal in einem Brief, wie teuer denn eine Reise zu den wilden Monster-Kerlen sei. Wenn es nicht zu teuer wäre, würde er gern mit seiner Schwester die Sommerferien dort verbringen.

"Farm der Tiere" von George Orwell

Zuerst will kein Verleger das Buch drucken, dann wird das Manuskript bei einem Bomberangriff beinahe zerstört. Und als es dann im August 1945 endlich erscheint, wird es  in der Sowjetunion und in den Staaten des Ostblocks sofort verboten. Kein einfacher Start also für "Farm der Tiere" von George Orwell. Und dennoch: Die Parabel - mitreißend komisch, satirisch, und doch so hoffnungslos traurig - verhilft Orwell zu seinem Durchbruch als Autor.

Orwell Animal Farm
Buchcover (Ausschnitt) Bild © Penguin Books

Es sind schwierige Zeiten, als Orwell die Geschichte von der Farm der Tiere schreibt: die Fabel der Arbeits- und Nutztiere, die sich gegen Bauer Jones, den Tyrannen, erheben. Ihr Aufstand gelingt, der Ausbeuter ist besiegt und für die Tiere könnte jetzt ein Leben in Freiheit und Würde beginnen.

"Alle Tiere sind gleich" – so heißt das 7.Gebot des Animalismus, das an die Scheunenwand geschrieben wird. Aber die Schweine reißen die Macht an sich, allen voran ein brutaler Keiler namens Napoleon. Die hoffnungsvolle Revolution verkehrt sich ins Gegenteil. Wieder werden die meisten Tiere unterdrückt und ausgebeutet, alles ist wie früher – nur der Tyrann ist ein anderer.    

Als Orwell diese Geschichte 1943/44 schreibt, sind die Parallelen zur russischen Revolution unübersehbar. Napoleon, das brutale Schwein, ist niemand anderes als Joseph Stalin. Sowas will kein Verleger in England drucken. Davon rät auch das britische Informationsministerium ab, zumindest solange die Sowjetunion noch Verbündeter im Kampf gegen Hitler-Deutschland ist. 

Orwell kritisiert die britische Selbstzensur im Vorwort des Original-Skripts. Als das Buch nach Kriegsende endlich erscheint, wird das kritische Vorwort gestrichen. Und trotzdem macht „Farm der Tiere“ seinen Autor weltberühmt, er wird zum meistgelesenen britischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Manches aus „Animal Farm“ ist heute sprachliches Gemeingut, so etwa der Satz: "Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher."

"Der Alchimist" von Paulo Coelho

Von Corinna Tertel

Santiago ist ein junger Hirte in Andalusien. Mit seinen Schafen macht er sich auf die Suche nach einem Goldschatz in Ägypten. Denn von diesem Schatz hat er geträumt. Seine abenteuerliche Reise führt ihn auch durch die Wüste, zu einem König, zu einem Dieb, zu einem Alchimisten. Eigentlich führt ihn die Reise der Sinnsuche aber zu Erkenntnissen über das Leben, zur Liebe und zu sich selbst. Und am Ende findet er auch noch den Schatz: in seiner Heimat, am Ausgangspunkt seiner Reise.

Diese gleichnishafte Geschichte steckt in dem Buch „Der Alchimist“, das Paulo Coelho innerhalb von 14 Tagen geschrieben hat, das 1988 erschienen ist und das den brasilianischen Autor Anfang der 90er Jahre weltberühmt machte - und das mit über 80 Millionen verkauften Exemplaren bis heute eines der erfolgreichsten Bücher überhaupt ist. Und das seit einigen Jahren im Iran verboten ist. Wie auch alle anderen Werke des Erfolgsautors, unter denen weitere Weltbestseller wie „Der fünfte Berg“ oder „Der Zahir“ sind. Die Zensur hat aber offenbar weniger mit Coelhos gleichnishaften, spirituellen Inhalten zu tun. Sondern vor allem mit seinem Verleger und Freund Arash Hejazi. Arash Hejazi lebt im Exil. Er hatte seine Heimat, den Iran, verlassen müssen, nachdem er der BBC ein Interview gegeben hatte.

Darin ging es um die Proteste nach den Präsidentschaftswahlen 2009 im Iran und um die Studentin, die bei diesen Protesten angeschossen wurde, um ihren Todeskampf – sie soll in seinen Armen gestorben sein. In der offiziellen Stellungnahme von Teheran hieß es dann auf eine Anfrage der brasilianischen Regierung, dass nicht Coelho, sondern sein iranischer Verleger verboten worden sei. Und damit auch die von ihm verlegten Bücher – also auch Coelhos. Paulo Coelho vermutet in der Zensur aber auch einen Racheakt gegen ihn selbst: Denn er hatte öffentlich gegen die Festnahme und Folter seines Verlegers protestiert. Mit ihm zusammen hat Paulo Coelho der Zensur dann aber ein Schnippchen geschlagen: Hejazi  übersetzt Coelhos neue Bücher in die iranische Amtssprache Farsi und dann stellen sie sie kostenlos als E-Book-Download ins Internet.

"Lolita" von Vladimir Nabokov

Von Riccardo Mastrocola

Nabokov Lolita
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Nabokov kam 1940 in die USA, als russischer Immigrant, und wurde dann US-amerikanischer Staatsbürger.  1955 erschien "Lolita", allerdings nicht in den USA, sondern erst mal in Frankreich. In einem kleinen Verlag, der bekannt war für erotische Literatur.

Nabokov wusste genau, welche Wirkung seine Geschichte entfalten würde. Sie platzt in die 1950er Jahre. So was schreibt man da nicht. Und vielleicht hat er seinem Roman auch deshalb ein fiktives Vorwort verpasst, in dem ein fiktiver Herausgeber den Lesern erklärt, dass die folgende Geschichte die Beichte eines Häftlings sei, der kurz vor seinem Prozess gestorben ist.

Vladimir Nabokov, selbst Professor für europäische und russische Literatur an der renommierten privaten Cornell-Universität, nutzt einen üblichen literarischen Trick. Er baut Distanz auf zu seinem Stoff und signalisiert gleich zu Anfang: Hier geht’s um Literatur, um sprachliche Ästhetik. Nebenbei natürlich auch um Liebe, um Hörigkeit und um sexuellen Missbrauch.

Nabokov erfindet den Literaturprofessor Humbert Humbert, der, müde von seinem Job in New York, eine Auszeit in der Provinz nimmt, ein Zimmer sucht, und dabei auf Mutter Charlotte und ihre Tochter trifft. Ein Blick reicht und er verfällt ihr, für immer. Zwölf Jahre alt ist das Mädchen, er 37. Und die Geschichte nimmt ihren tragischen Lauf. Er ist verliebt, sie anfangs freizügig, dann nutzt sie ihn aus, später flüchtet sie vor ihm. Am Ende steht der Tod für alle Beteiligten.

Amerikanische Verleger trauen sich erst nicht an den Stoff, obwohl viele die literarische Kunst erkennen. Sie wollen keine Gefängnisstrafe riskieren. Nabokov findet einen kleinen Verlag in Frankreich, allerdings ohne zu wissen, dass Olympia Press in Paris vor allem mit Pornographie Geld macht. Und Stoff verkauft für Touristen aus den USA und Großbritannien, die heiß auf Ware waren, die sie in ihren Ländern nicht bekommen konnten.

Noch war es still um den Roman. Aber als der britische Schriftsteller Graham Greene das Buch entdeckt und es zu einem der besten Jahres erklärt, ist der Bann gebrochen. Fast. Denn da wird das Buch in Frankreich plötzlich doch verboten, auf Betreiben der britischen Regierung. Was sich zu einer „Lolita-Affäre“ auswächst.

Etwas Besseres kann dem Autor Nabokov nicht passieren. Die halbe Welt spricht von Lolita und will die Geschichte lesen. Und davon will dann schließlich auch ein großer Verlag in den USA profitieren. Lolita wird damit zum weltweiten Skandal-Erfolg. Heute schockiert die Story weniger. Nabokov wird jetzt eher fleißig gelesen, von Studenten in aller Welt. Denn Lolita ist längst selbstverständlicher Teil des Literaturkanons.

"Frankenstein" von Mary Shelley

Von Riccardo Mastrocola

Frankenstein
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Das vom Menschen erschaffene Monster ist mittlerweile zur Filmlegende geworden, im 19. Jahrhundert wurde die Geschichte auf vielen Theaterbühnen erzählt… schaurig, düster und gruselig - das ging eben schon immer. Interessant ist, dass der Roman, geschrieben 1818, nicht über Jahrzehnte hinweg in mehreren Ländern verboten war, sondern nur in Österreich im 19. Jahrhundert. Denn Mary Shelley "Frankenstein" war zunächst ein Ladenhüter.

Ein Jahr bevor Mary Shelley die ersten Zeilen zu ihrem Roman schreibt, bricht in Indonesien der Vulkan Tambora aus – im Jahre 1815. Der Ausbruch ist so heftig, dass er weltweit das Klima beeinflusst. Das Jahr 1816 geht in die Geschichte ein als das Jahr ohne Sommer. Regenfälle zerstören die Ernten, es kommt zu schweren Unwettern und Überschwemmungen, in der Schweiz schneit es auch noch im Juli bis in die Täler. Jenen Sommer verbringt Mary Shelley mit anderen Engländern, unter anderem Lord Byron, am Genfer See und beim Blick auf die düstere Landschaft vereinbaren sie: Jeder soll einen Schauerroman schreiben. Es war die Blütezeit der sogenannten Gothic Novels.

Die Fantasie der jungen Mary Shelley, noch keine 20 Jahre alt, kennt keine Grenzen. Ihre Figur Viktor Frankenstein erschafft aus Leichenteilen einen neuen Menschen, die Kreatur: Anfangs ist sie noch unbeschrieben, nicht gut, nicht böse. Aber da sich Frankenstein angewidert von ihr abwendet und ihr eine ebenbürtige Frau verweigert, wird der neu erschaffene Mensch zum Rächer. Und wird böse. Der Mensch Frankenstein hat Verantwortung für das Leben, das er schafft. Aber er übernimmt sie nicht. Das wird ihm zum Verhängnis. Der Mensch als Schöpfer wird selbst zum Opfer. Ein Gruselroman, der wichtige ethische Fragen aufwirft. Die Parallelen zur heutigen Gentechnikdebatte sind nicht schwer zu ziehen…

Aber wie war das jetzt mit dem Verbot? Zur Veröffentlichung werden nur ein paar hundert Kopien gedruckt. Große Verlage lehnen ab. Kritiker verreißen die Geschichte. Aber das Theater adaptiert Frankenstein früh und ab da wird das Buch zum Kassenschlager. 1831 fällt es Zensurbeamten in Wien auf, im damaligen Kaiserreich unter den Habsburgern. Zu schaurig, zu abstrus. Vieles wurde denn Bewohnern des österreichischen Kaiserreiches vorenthalten. Die Untertanen sollte nichts vom Glanz der Monarchie ablenken: Alles was aufrührerisch, beleidigend, oder gar aufklärerisch daherkam, alles, was dem Kaiser nicht direkt nutzte, wurde verboten, das war die enge Vorgabe von Fürst Metternich.

Schließlich lebte man in Zeiten der revolutionären Ideen. Und Schauerromane, die überflüssige abstruse Geschichten erzählten, und unangenehme Fragen stellten, gehörten eben auch dazu. Schon im Jahr 1848 hob Ferdinand der Erste die Zensur wieder auf und auch die Österreicher durften fortan Frankenstein lesen. Wenn auch nur auf Englisch. Die erste deutschsprachige Ausgabe erschien erst 1912. Fast hundert Jahr später.

"Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe

Von Stefan Bücheler

Die Zensur kommt so schnell wie der Erfolg: Der Werther erscheint im September 1774 in Leipzig, wird sofort zum Bestseller und schon vier Monate später wieder verboten. Der Stadtrat befindet, dass "der Verfasser zu undeterminiert über den Selbstmord schreibt und durch witzige und feine Wendungen seine Leser ordentlich hinreißt."

Werther
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Die ästhetische Qualität des Buches steht also nicht in Frage, aber vor allem der im Roman beschriebene Freitod des unglücklich verliebten Werthers ruft die Zensur auf den Plan: In Österreich wird ein Verbot in allen habsburgischen Ländern ausgesprochen, Goethe steht mit seinem Briefroman im "Catalogus Librorum Prohibitorum". 1776 wird das Buch auch in Dänemark verboten.

Trotzdem ist der Roman vor allem bei jungen Leuten ungeheuer beliebt. Er macht Goethe berühmt und der Werther wird zur Kultfigur: der junge bürgerliche Mann, der sich in Lotte verliebt, die aber bereits einem anderen versprochen ist und den auch heiratet. Werther, der es nicht schafft, von ihr loszukommen, sich wieder in das Leben der verheirateten Frau drängt und am Ende nur im Freitod einen Ausweg sieht.  

Klar, dass so ein Held der bürgerlichen Gesellschaft und der Kirche nicht gefällt: Ein Störer des Ehefriedens, Rebell und Freigeist, einer der selbstbestimmt sein Leben beendet – das ist für viele nicht weniger als die Anstiftung zum Selbstmord. Tatsächlich beobachten Zeitgenossen eine "Suizidwelle" nach Erscheinen 1774 – wie viele Menschen aber tatsächlich von dem "Werther-Effekt" betroffen sind, bleibt umstritten. 

"Harry Potter" von Joanne K. Rowling

Von Jan Tussing

Saudi Arabien hält Hexerei für eine so ernste Sache, dass die Regierung dort die "Harry Potter"-Bücher auf den Index der verbotenen Bücher setzte. Seit Mai 2009 gibt es ein Komitee zur Förderung von Tugend und Verhinderung von Laster, das der religiösen Polizei Saudi Arabiens unterstellt ist. Eine spezielle Anti-Hexerei-Abteilung soll Zauberer daran hindern, Flüche und Verwünschungen gegen die Bürger Saudi Arabiens auszusprechen. Sogar eine eigene Hotline wurde eingerichtet.

Harry Potter
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Aber nicht nur islamische Fundamentalisten glauben an die Wirklichkeit von Magie  und deren Schädlichkeit. Auch Amerikas christliche Fundamentalisten sehen in der Zauberei eines Harry Potters das Ende des Abendlandes heraufziehen. Aberglaube sei unchristlich, wettern sie und wollen daher nichts weniger als die beliebteste Jugendbuchreihe aller Zeiten aus den Schulbibliotheken verbannen. Zauberei, Hexen, das Okkulte und Paranormale - alles subversives Gedankengut.

In den USA schwelt der Glaubenskrieg  schon seit 1999 – also dem Erscheinungsjahr des ersten "Harry Potter"-Buches. Allein im Jahr 2000 gab es 26 Versuche in 16 US-Bundesstaaten, "Harry Potter" verbieten zu lassen. In einer kleinen Gemeinde in Pennsylvania ließ sich ein Priester sogar zu einer öffentlichen Bücherverbrennung hinreißen: Er zitierte zur Begründung aus dem 5. Buch Mose. "Dass nicht jemand unter dir gefunden werde, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lasse , oder ein Zauberer, oder Wahrsager ,oder einer, der die Toten frage. Denn wer solches tut, der ist dem Herrn ein Gräuel."

Und so wählte im Jahr 2000 die Amerikanische Bibliotheken-Gesellschaft auf Verlangen tausender besorgter Eltern die "Harry-Potter"-Bücher zum "Verbotensten Buch des Jahres".

"Mephisto" von Klaus Mann

Von Jan Tussing

"Mephisto" erzählt die Geschichte des ehrgeizigen Schauspielers Hendrik Höfgen am Hamburger Künstlertheater in der Zeit der Weimarer Republik. Höfgen ist ein großer Star und sehr beliebt, aber als die Nazis an die Macht kommen, fürchtet er wegen seiner linken politischen Haltung ein Berufsverbot. Um weiter spielen zu können, schwenkt er sein Fähnchen und stellt sich ganz in den Dienst der neuen Machthaber.

Klaus Manns Roman ist nach Goethes "Faust" benannt. Beide gehen schließlich einen Pakt mit dem Teufel ein. Als das Buch in der Bundesrepublik 1956 erscheint, ist allen Beteiligten sofort klar: Der Schauspieler Höfgen im Buch verkörpert Gustav Gründgens. DER größte und einflussreichste Schauspieler der Weimarer Republik. Gründgens ist aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch eine große Nummer, erst Intendant am Schauspielhaus Düsseldorf und später in Hamburg.

Was Klaus Mann im Buch über Gründgens alias Höfgens erzählt, ist hochexplosiv. Mit brutaler Genauigkeit und gnadenloser Offenheit beschreibt er, wie der Schauspieler sich bei den Nazis beliebt macht und sogar Protegé von Hermann Göring wird, einem der führenden nationalsozialistischen Politiker. Mann beschreibt Gründgens als Karrierist und Opportunist, prinzipienlos und überambitioniert, der in die NSDAP eintritt, um Erfolg zu haben. Sehr brisant ist dabei die Tatsache, dass Klaus Mann und Gustaf Gründgens vor 1933 eng befreundet waren, mehr noch: ein Liebespaar. Denn beide lebten schon damals offen schwul.

Als "Mephisto" 1956 erscheint, wird der Roman vom Oberlandesgericht Hamburg als so etwas wie eine persönliche Abrechnung verstanden. Der Adoptivsohn des Schauspielers Gründgens klagt und bekommt sofort Recht. Wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten darf "Mephisto" nicht erscheinen. Das Verfahren geht bis zum Bundesverfassungsgericht und die Entscheidung in die Rechtsgeschichte ein. Erst viele Jahre nach Gründgens Tod wagt der Rowohlt Verlag 1981, den Roman zu veröffentlichen – und das, obwohl das Urteil gegen den Roman bis heute nicht aufgehoben wurde. Klaus Mann gilt heute als wichtigster Vertreter der deutschen Exilliteratur und "Mephisto" als sein größtes Werk.

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Sendung: hr-iNFO, 10.8.2017, 6:10 Uhr

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