Verbotene Bücher
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Wir haben den Parthenon der Bücher auf der documenta 14 zum Anlass genommen, um von verbotenen Büchern zu erzählen. Weil das Interesse daran groß war, präsentieren wir bis zum Ende der Kasseler Kunstschau einige neue Geschichten.

Diese Seite wird wöchentlich aktualisiert. (Teil 1 finden Sie hier.)

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"Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe

Von Stefan Bücheler

Die Zensur kommt so schnell wie der Erfolg: Der Werther erscheint im September 1774 in Leipzig, wird sofort zum Bestseller und schon vier Monate später wieder verboten. Der Stadtrat befindet, dass "der Verfasser zu undeterminiert über den Selbstmord schreibt und durch witzige und feine Wendungen seine Leser ordentlich hinreißt."

Werther
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Die ästhetische Qualität des Buches steht also nicht in Frage, aber vor allem der im Roman beschriebene Freitod des unglücklich verliebten Werthers ruft die Zensur auf den Plan: In Österreich wird ein Verbot in allen habsburgischen Ländern ausgesprochen, Goethe steht mit seinem Briefroman im "Catalogus Librorum Prohibitorum". 1776 wird das Buch auch in Dänemark verboten.

Trotzdem ist der Roman vor allem bei jungen Leuten ungeheuer beliebt. Er macht Goethe berühmt und der Werther wird zur Kultfigur: der junge bürgerliche Mann, der sich in Lotte verliebt, die aber bereits einem anderen versprochen ist und den auch heiratet. Werther, der es nicht schafft, von ihr loszukommen, sich wieder in das Leben der verheirateten Frau drängt und am Ende nur im Freitod einen Ausweg sieht.  

Klar, dass so ein Held der bürgerlichen Gesellschaft und der Kirche nicht gefällt: Ein Störer des Ehefriedens, Rebell und Freigeist, einer der selbstbestimmt sein Leben beendet – das ist für viele nicht weniger als die Anstiftung zum Selbstmord. Tatsächlich beobachten Zeitgenossen eine "Suizidwelle" nach Erscheinen 1774 – wie viele Menschen aber tatsächlich von dem "Werther-Effekt" betroffen sind, bleibt umstritten. 

"Harry Potter" von Joanne K. Rowling

Von Jan Tussing

Saudi Arabien hält Hexerei für eine so ernste Sache, dass die Regierung dort die "Harry Potter"-Bücher auf den Index der verbotenen Bücher setzte. Seit Mai 2009 gibt es ein Komitee zur Förderung von Tugend und Verhinderung von Laster, das der religiösen Polizei Saudi Arabiens unterstellt ist. Eine spezielle Anti-Hexerei-Abteilung soll Zauberer daran hindern, Flüche und Verwünschungen gegen die Bürger Saudi Arabiens auszusprechen. Sogar eine eigene Hotline wurde eingerichtet.

Harry Potter
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Aber nicht nur islamische Fundamentalisten glauben an die Wirklichkeit von Magie  und deren Schädlichkeit. Auch Amerikas christliche Fundamentalisten sehen in der Zauberei eines Harry Potters das Ende des Abendlandes heraufziehen. Aberglaube sei unchristlich, wettern sie und wollen daher nichts weniger als die beliebteste Jugendbuchreihe aller Zeiten aus den Schulbibliotheken verbannen. Zauberei, Hexen, das Okkulte und Paranormale - alles subversives Gedankengut.

In den USA schwelt der Glaubenskrieg  schon seit 1999 – also dem Erscheinungsjahr des ersten "Harry Potter"-Buches. Allein im Jahr 2000 gab es 26 Versuche in 16 US-Bundesstaaten, "Harry Potter" verbieten zu lassen. In einer kleinen Gemeinde in Pennsylvania ließ sich ein Priester sogar zu einer öffentlichen Bücherverbrennung hinreißen: Er zitierte zur Begründung aus dem 5. Buch Mose. "Dass nicht jemand unter dir gefunden werde, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lasse , oder ein Zauberer, oder Wahrsager ,oder einer, der die Toten frage. Denn wer solches tut, der ist dem Herrn ein Gräuel."

Und so wählte im Jahr 2000 die Amerikanische Bibliotheken-Gesellschaft auf Verlangen tausender besorgter Eltern die "Harry-Potter"-Bücher zum "Verbotensten Buch des Jahres".

"Mephisto" von Klaus Mann

Von Jan Tussing

"Mephisto" erzählt die Geschichte des ehrgeizigen Schauspielers Hendrik Höfgen am Hamburger Künstlertheater in der Zeit der Weimarer Republik. Höfgen ist ein großer Star und sehr beliebt, aber als die Nazis an die Macht kommen, fürchtet er wegen seiner linken politischen Haltung ein Berufsverbot. Um weiter spielen zu können, schwenkt er sein Fähnchen und stellt sich ganz in den Dienst der neuen Machthaber.

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Klaus Manns Roman ist nach Goethes "Faust" benannt. Beide gehen schließlich einen Pakt mit dem Teufel ein. Als das Buch in der Bundesrepublik 1956 erscheint, ist allen Beteiligten sofort klar: Der Schauspieler Höfgen im Buch verkörpert Gustav Gründgens. DER größte und einflussreichste Schauspieler der Weimarer Republik. Gründgens ist aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch eine große Nummer, erst Intendant am Schauspielhaus Düsseldorf und später in Hamburg.

Was Klaus Mann im Buch über Gründgens alias Höfgens erzählt, ist hochexplosiv. Mit brutaler Genauigkeit und gnadenloser Offenheit beschreibt er, wie der Schauspieler sich bei den Nazis beliebt macht und sogar Protegé von Hermann Göring wird, einem der führenden nationalsozialistischen Politiker. Mann beschreibt Gründgens als Karrierist und Opportunist, prinzipienlos und überambitioniert, der in die NSDAP eintritt, um Erfolg zu haben. Sehr brisant ist dabei die Tatsache, dass Klaus Mann und Gustaf Gründgens vor 1933 eng befreundet waren, mehr noch: ein Liebespaar. Denn beide lebten schon damals offen schwul.

Als "Mephisto" 1956 erscheint, wird der Roman vom Oberlandesgericht Hamburg als so etwas wie eine persönliche Abrechnung verstanden. Der Adoptivsohn des Schauspielers Gründgens klagt und bekommt sofort Recht. Wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten darf "Mephisto" nicht erscheinen. Das Verfahren geht bis zum Bundesverfassungsgericht und die Entscheidung in die Rechtsgeschichte ein. Erst viele Jahre nach Gründgens Tod wagt der Rowohlt Verlag 1981, den Roman zu veröffentlichen – und das, obwohl das Urteil gegen den Roman bis heute nicht aufgehoben wurde. Klaus Mann gilt heute als wichtigster Vertreter der deutschen Exilliteratur und "Mephisto" als sein größtes Werk.

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Sendung: hr-iNFO, 10.8.2017, 6:10 Uhr

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