Donald Trump
Donald Trump Bild © picture-alliance/dpa

Vor über 70 Jahren erschien die "Dialektik der Aufklärung". Darin beschreiben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer Phänomene, die man heute in der in der Präsidentschaft Donald Trumps entdecken kann. Unser Autor hat sich auf Spurensuche begeben.

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"The Frankfurt school knew Trump was coming." - "Die Frankfurter Schule hat Trump vorhergesehen", schrieb Alex Ross im Dezember 2016 im New Yorker. Das hat mich elektrisiert: Ausgerechnet in den USA werden die Frankfurter Denker Theodor W. Adorno und Max Horkheimer wiederentdeckt? Dort haben sie im Exil in Los Angeles in den 1940erJahren die "Dialektik der Aufklärung“ geschrieben. Darin heißt es, dass die „Kulturindustrie“ aus Massenmedien und Populärkultur den Menschen die Sinne so sehr vernebelt, dass sie ihre eigenen Ausbeuter bewundern – Adorno und Horkheimer waren Marxisten mit starkem Sinn für Kultur.

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Max Horkheimer und Theodor W. Adorno

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Ich habe mein altes, zerlesenes Exemplar aus dem Studium hervorgekramt, mich nochmal durch den komplizierten Text gequält. Darin heißt es: „Wie freilich die Beherrschten die Moral, die ihnen von den Herrschenden kam, stets ernster nahmen als diese selbst, verfallen heute die betrogenen Massen mehr noch als die Erfolgreichen dem Mythos des Erfolgs.“

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Dialektik der Aufklärung

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Und was heißt das? Ich versuche mal, eine Übersetzung zu finden, die vielleicht hilft, das Phänomen Donald Trump zu beschreiben:  Arme Leute wählen einen Milliardär, der Bäder mit goldenen Armaturen  liebt, zum Präsidenten. Weil sie daran glauben, dass der Erfolg zählt, dass man einen echten Macher braucht, einen, der weiß, wie man gewinnt.

Weiter heißt es dann in der "Dialektik der Aufklärung": "Sie haben ihre Wünsche. Unbeirrbar bestehen sie auf der Ideologie, durch die man sie versklavt. Die böse Liebe des Volks, zu dem was man ihm antut, eilt der Klugheit der Instanzen noch voraus."

Zitat
„Der Mechanismus der Unmündigkeit heute ist ja [...], dass die Welt betrogen sein will.“ Zitat von Theodor W. Adorno
Zitat Ende

Sie glauben also das, was Donald Trump ihnen in seiner Fernsehshow „The Apprentice“ immer eingeredet hat, und lieben ihn dafür. Trump ist der Chef. Alle anderen sind die Lehrlinge. Oder sie sind nicht mal dafür gut genug: „You are fired!“

Dann bin ich mit dem alten Buch in der Hand losgezogen: Zuerst ins Archiv des Hessischen Rundfunks, wo Adornos Sendungen aus den 1960er Jahren zu finden sind, zum Teil noch auf altmodischen Magnetbändern. Da höre ich zum Beispiel das hier: „Denn der Mechanismus der Unmündigkeit heute ist ja das zum Planetarischen erhobene 'mundus vult decipi', dass die Welt betrogen sein will.“

"Die Kulturindustrie besteht aus Lügen"

"Richtig ist, dass das, was Adorno in seiner Theorie der Kulturindustrie entwickelt hat, das antizipiert, was wir heute unter dem Titel Fake News diskutieren", erklärt Stefan Müller-Doohm, ein ehemaliger Student Adornos, der eine große Biografie geschrieben hat. "Dass also die Kulturindustrie aus Lügen besteht. Und Adornos Satz, die Welt wolle betrogen sein, ist wahrer geworden, als wohl je damit gemeint war."

Das scheint zu passen: Donald Trump versorgt seine Fans mit schönen Lügen, für die sie mit ihrer Stimme bezahlen. Damit kaufen sie auch das Versprechen auf immer neue, immer schönere Lügen. Eine Art Streaming-Abo für den schönen Schein, den Wohlfühl-Betrug. Das funktioniert, weil die "Kulturindustrie" die Menschen davon abhält, die Wirklichkeit zu sehen: Fernsehen, Internet, soziale Netzwerke.

Tendenz zum Autoritären

Der Politikberater Roger Stone, der Trump schon früh unterstützt hat, sagt ganz zynisch: "Glauben Sie, dass ungebildete Wähler zwischen Unterhaltung und Politik unterscheiden? Politik ist das Show-Business für hässliche Menschen." Sozialer Druck führt dazu, dass Menschen anfällig werden für autoritäre Botschaften, so formulieren es die Nachfolger von Theodor W. Adorno am Frankfurter Institut für Sozialforschung heute.

Schon Ende der 1940er Jahre maßen Adorno und sein Freund Max Horkheimer im Exil die autoritären Einstellungen gewöhnlicher Amerikaner mit der "F-Skala", erklärt Stefan Müller-Doohm: "Das ist ein Instrument zur Messung latenter, faschistisch geprägter Vorurteilsstrukturen. Und man hat denn eben durch diese große Studie festgestellt, dass es in der Tat damals, Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre in den USA eine solche Tendenz zu autoritären Einstellungen, zur autoritären Persönlichkeit gegeben hat."

Nach oben buckeln, nach unten treten

Auf der F-Skala finden sich viele Begriffe, die gut zu Trump und seinen Anhängern passen: Hochhalten konventioneller Werte, Kraftmeierei, Offenheit für Verschwörungstheorien. Starke Betonung des Sexuellen. Das passt gut zu Trump, finde ich. Er ist nicht nur ein bekennender Grabscher, ich finde ihn auch extrem konventionell, mit seiner ewigen roten Krawatte und seinen kitschigen goldenen Wasserhähnen. Weiter auf der F-Skala: Gewissenlosigkeit, Ablehnung alles Moralischen, außerdem die sogenannte „Radfahrermentalität“: Nach oben buckeln, nach unten treten. Also: Trump bejubeln, und Mexikaner verachten.

Auch nach Los Angeles habe ich mein altes Büchlein mitgenommen, dorthin, wo Adorno und Horkheimer im Exil in den 1940er Jahren die "Dialektik der Aufklärung" schrieben. Dort treffe ich den Historiker Paul Lerner. Er fühlt sich im eigenen Land nicht mehr wohl, seit Donald Trump die Wahl gewonnen hat. Als ich ihn in seinem kleinen Universitätsbüro besuche, füllt er gerade die Formulare für einen Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft aus.

Eberhard Nembach
Eberhard Nembach Bild © hr

"Ich erkenne Züge von Faschismus in dem, was ich hier sehe", sagt Lerner. "Es ist eine große historische Ironie. Mein Schwiegervater ist in Frankreich geboren. Sein Vater kam 1933 aus Berlin, ist nach Paris gezogen und dann in die USA gekommen. Und das heißt, meine Frau kann deutsche Staatsbürgerin werden. Also, wenn es sich in die Richtung entwickelt, dass wir uns nicht mehr wohlfühlen in diesem Land, dann könnte Deutschland unser Zufluchtsort sein, was natürlich sehr ironisch ist.“

Professor Lerner unterrichtet deutsche Geschichte, erklärt amerikanischen Studenten die Entstehung des Faschismus in Deutschland. "Ich sage nicht, dass Trump ein Faschist ist. Aber in den USA, Teilen Europas und auch Asien sieht man jetzt etwas, das ich Quasi-Faschismus nennen würde." Er nennt Parallelen: Fake News, die Relativierung der Wahrheit. Gewalt als Mittel der Politik, und Nostalgie.

Sündenböcke für wirtschaftliche Probleme

"Noch eine Parallele zwischen uns und Deutschland in der Weimarer Republik – ist dieses ‚Make America great again‘", sagt er. "Nostalgie für eine Vergangenheit, die nie existiert hat: In den guten alten Zeiten war alles besser, wir waren alle besser, wir waren weiß, weniger Latinos und Araber, das war ein weißes Land hier. So wie damals Juden in Deutschland der Sündenbock waren für wirtschaftliche Probleme."

Was kann man daraus schließen, 70 Jahre, nachdem die "Dialektik der Aufklärung" erschienen ist? Horkheimer und Adorno bieten keine Lösungen an. Besonders Adorno konnte mit dem Rebellentum der 1968er wenig anfangen. Er war durch und durch Bildungsbürger, kulturverliebt und elitär. Aber er wollte unermüdlich seine Botschaften verbreiten, auch über das Radio. Komplizierte Vorträge.

Aufklärung ist eben ein schwieriges Geschäft. Gerade wenn die Welt lieber betrogen sein will.

Sendung: hr-iNFO, 26.8.2017, 11.35 Uhr

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