Christoph Quarch
Bild © Achim Hehn

In ihrem "Kellergeschoss" hätten alle Religionen etwas Gemeinsames, das jedoch durch die Dogmen der Kirchen verdeckt werde, sagt der Philosoph und Theologe Christoph Quarch. Er plädiert für die Suche nach dieser globalen Spiritualität und für mehr Vernetzung.

hr-iNFO: Herr Quarch, die "globale Spiritualität" ist ein großes Wort. Können Sie es uns einfach erklären?

Quarch: Ich denke, globale Spiritualität ist gar nicht so sehr etwas, was wir brauchen, sondern etwas, das es gibt. Schauen wir uns einfach um in der Welt. Überall haben die Menschen sich immer irgendwie dem Göttlichen und dem Heiligen zugewandt. Sie haben dafür sehr unterschiedliche Ausdrucksformen gefunden. Aber es hat immer etwas mit dem zu tun, was den Menschen in einer bestimmten Kultur ganz besonders wichtig gewesen ist. Und das ist ein gemeinsames Menschheitsgut.

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Gerade in unserer heutigen komplexen, globalen Welt ist es wichtig, dass wir diese Dimension des Lebens nicht ausblenden und schauen, wie wir uns auch auf der Ebene des Spirituellen auf eine gute Weise miteinander verständigen können - was gerade zwischen den großen Religionen ja nicht immer der Fall ist. 

hr-iNFO: Sie sagen also, die "globale Spiritualität" gibt es bereits. Dann kann man es doch relativ einfach nutzen, oder?

Quarch: Ja, aber das ist gar nicht so einfach. Das, was an globaler Spiritualität vorhanden ist, ist so etwas ähnliches wie das Wurzelwerk der Religionen - also etwas, das eher im Untergrund liegt. Und es wurde durch die großen, religiösen Systeme und ihre Glaubenssätze zu einem großen Teil verschattet. Das heißt, es gibt diese großartigen Bäume der verschiedenen Religionen, die in der Welt stehen. Und jeder steht für sich und hat auch seinen eigenen Wert und seine eigene Identität - und oft grenzen sie sich gegeneinander ab. Aber unter der Oberfläche in der Tiefe, da findet sich etwas Gemeinsames, da gibt es Berührungspunkte. Und es ist wichtig, sich dessen zu erinnern und dort so ein bisschen Ursprungsforschung zu betreiben: zu graben, was uns in der Tiefe der Spiritualität eigentlich auch mit dem Menschen anderer Kultur und anderer Religion verbindet.

Das Göttliche im alltäglichen Leben

hr-iNFO: Diese Botschaft, die Sie eben formuliert haben, kommt auch von Schamenen, oder?

Quarch: Ja, das hängt damit zusammen, dass gerade der Schamanismus eine Religions- oder Spiritualitätsform ist, die sich sehr viel von diesem Ursprünglichen bewahrt hat. Aber, wenn wir genauer forschen und ein bisschen tiefer graben, gibt es das auch in den westlichen Religionen. Gerade im Christentum finden wir Erben des schamanischen Denkens, meistens in Gestalt der Mystik. Nicht anders ist das im Islam, im Judentum und den großen ostasiatischen Religionssystemen. Wir sind eigentlich in allen Religionen Kinder einer mystisch-schamanischen Spiritualität, die die unmittelbare Erfahrung mit dem Heiligen, mit dem Göttlichen gesucht hat. Erst später haben sich darüber Dogmatiken, Ethiken, Kirchen und dergleichen aufgebaut.

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Buchtipp

"Unsere Welt ist heilig: Auf dem Weg zu einer globalen Spiritualität"
Von Christoph Quarch (Hg.)
Herder Verlag
200 Seiten
12,95 Euro (gebundene Ausgabe)
ISBN: 978-3451326615

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Wenn ich von der globalen Spiritualität rede, dann geht es mir um eine Art Schatzsuche im Kellergeschoß unserer eigenen Religion. Dort, wo eben diese ursprüngliche Erfahrung mit dem Göttlichen anzutreffen ist, wo sie auch teilweise versprachlicht worden ist und wo wir dann sehen können, dass spirituelle Lehrer in anderen Religionen von ganz ähnlichen Erfahrungen berichten. Das heißt, wenn wir in die Tiefe der eigenen Religion gehen, dann finden wir dort Brücken zu den anderen Religionen, die uns die Kommunikation mit ihnen erheblich erleichtern.

hr-iNFO: Ganz praktisch, Herr Quarch, wie kann man sich denn so mit anderen Religionen vernetzen? Wie kommt man zum Wurzelwerk?

Quarch: Indem man von dem erzählt, was einem in der eigenen Religion wichtig ist - und zwar in der eigenen religiösen Praxis und nicht in den ethischen Dogmen und Normen, die von den Kirchen und von den Kanzeln gepredigt werden. Sei es nun im Christentum, im Islam oder im Buddhismus. Wenn man sich mit Menschen, die eine andere spirituelle Tradition haben, über die Erfahrungsdimension austauscht - darüber, wie sie das Göttliche in ihrem alltäglichen Leben erlebt haben. Dort werden wir eine ganze Menge Berührungspunkte antreffen können, die eben gerade deswegen einen Brückenbau ermöglichen, weil sie nicht schon wieder durch Begriffe und Systeme überschattet und überlagert werden.

Das Gespräch führte Petra Diebold.

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