Schmid
Bild © Sarah Schmid

Fünf Kinder hat Sarah Schmid allein zur Welt gebracht - ohne Arzt oder Hebamme, im Wald und im Garten. Die Ärztin hat sich nach ihrer ersten Geburt mit Hebamme für diesen Weg entschieden, weil sie die fremde Person als störend empfand. Wir haben mit ihr über ihre Erfahrungen gesprochen.

hr-iNFO: Wann und warum haben sie entschieden, ihr Kind alleine im Wald oder im Garten zu gebären?

Schmid: Das ist mir klargeworden, als ich mit dem zweiten Kind schwanger war. Bei der ersten Geburt hatte ich eine Hausgeburt und das lief nicht so richtig, wie ich mir das gewünscht hatte. Also da kam nicht meine richtige Hebamme, sondern eine Vertretungshebamme, mit der habe ich mich überhaupt nicht wohlgefühlt. Ich hatte dann einen Geburtsstillstand von mehreren Stunden und das war extrem schmerzhaft und es stand schon im Raum, ins Krankenhaus fahren zu müssen und einen Kaiserschnitt machen.

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An irgendeinem Punkt hatte ich dann aber gemerkt, dass ich innerlich die Geburt an die Hebammen abgegeben hatte. Also dass ich so eingeschüchtert war von dem Experten im Raum und gedacht habe: naja, die wissen schon, wie Geburt geht und ich brauch jetzt nichts machen, sondern die machen das irgendwie. Dadurch, dass ich mich von den Experten habe rausbringen lassen, war die Geburt komplizierter als sie hätte sein müssen. Als mir das klargeworden ist, habe ich auch wieder auf meinen Körper gehört und dann ging die Geburt auch noch. Also das Baby ist noch zu Hause geboren, aber ich war fix und fertig hinterher.

"Ich verlasse mich lieber nur auf meinen Körper"

Vor der zweiten Geburt sind wir dann umgezogen nach Schweden. Dort muss man die Hausgeburts-Hebamme selber bezahlen und es gibt fast keine. Und da habe ich mich dann informiert und beschlossen, ich mach das alleine, das ist das Sicherste. Weil, wenn ich mich auf eine Hebamme verlasse, die nicht kommt oder mit der die Chemie nicht stimmt… da dachte ich, verlass ich mich lieber nur auf meinen Körper, der ist auf jeden Fall da und dann wird das schon laufen.

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hr-iNFO: Als es losging mit den Wehen sind Sie also alleine losgezogen in den Wald. Hatten Sie denn keine Angst?

Schmid: Während der Schwangerschaft hatte ich schon immer mal auch Ängste. Das denk ich ist ganz normal und passiert jeder Schwangeren, dass sie Ängste hat. Aber man kann ganz viel ausschließen. Zum Beispiel habe ich selber gelernt, die Kindlage zu tasten und zu fühlen, wie es meinem Baby geht – Kindsbewegungen sind ja noch viel zuverlässiger als ein CTG. Das CTG ist eigentlich nur für die Geburtshelfer, um sich zu versichern, dass das Herz noch schlägt oder normal schlägt.

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Das Interview war Teil der Sendung Fit & Gesund. Die ganze Sendung können Sie hier als Podcast hören.

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Aber als Mutter hat man mit den Kindsbewegungen, die man spürt, noch eine viel bessere Wahrnehmung des Kindes, weil bevor die Herztöne schlecht werden, werden die Kindsbewegungen schwach oder hören auf. Weil das Kind, wenn es schlecht versorgt ist, erst mal Energie spart und sich wenig oder gar nicht bewegt. Bei meiner ersten Geburt hatte sich der Kopf nicht richtig ins Becken gedreht und ich hatte beim Zweiten, kurz bevor die Presswehen angefangen haben, Angst, dass sich das wiederholen könnte. Aber ich wusste, dass dieser natürliche Prozess am besten abläuft, wenn man ungestört ist. Und deswegen bin ich auch in den Wald gegangen – ich wollte so ungestört sein, wie es nur möglich ist. Also auch keine Ängste von anderen Leuten dabei haben, weil ich mit meinen eigenen Ängsten klarkommen musste in der Situation. Ich hatte natürlich ein Handy dabei für den Fall, dass irgendwas nicht stimmt.

"Normaler Geburtsverlauf wird im Krankenhaus oft gestört"

hr-iNFO: Wie hat Ihr Mann auf Ihre Entscheidung reagiert?

Schmid: Er war schon nicht begeistert. Aber er hat mir da vertraut, dass ich schon das Richtige tun werde. Ich habe ihn dann gerufen, als das Baby da war.

hr-iNFO: Sie sind selbst Ärztin und wissen also um die Risiken bei einer Geburt. Hat Sie die „Geburtsmaschinerie“ in einer Klinik abgeschreckt?

Schmid: Ich habe gesehen, wie oft im Krankenhaus ein normaler Geburtsverlauf durch Intervention gestört und verkompliziert wurde, weil oft eine Intervention zur nächsten führte. Man gibt einen Wehentropf und die Herztöne werden schlechter. Oder man gibt eine PDA und die Wehen werden schlecht. Also es führt das eine zum nächsten und es wundert mich, dass so viele Frauen sagen, dass sie bei der Geburt gestorben wären, wenn sie nicht im Krankenhaus gewesen wären. Weil sie tatsächlich an den Punkt gebracht werden durch diese ganze Interventionskette, dass sie am Schluss tatsächlich gerettet werden müssen durch medizinische Eingriffe.

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Buchtipp

Alleingeburt - Schwangerschaft und Geburt in Eigenregie
von Sarah Schmid
Edition Riedenburg
24,90 Euro
ISBN: 978-3902943330

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In den wenigsten Fällen ist tatsächlich das Problem, dass der natürliche Prozess schiefgeht, sondern dass halt so viel eingegriffen wird. Das konnte ich halt gut beobachten und deswegen habe ich da auch so viel Selbstvertrauen gehabt, weil ich gesehen habe, die Komplikationen, die auftreten, die sind vorhersehbar und man kann genau sehen, dass die Interventionen das im großen Stil fördern.

hr-iNFO: Gibt es auch Situationen, wo sie ganz klar zu einer Klinik raten würden für die Geburt oder sogar zu einem Kaiserschnitt?

Schmid: Ja, zum Beispiel bei einer Plazenta Praevia, also wenn die Plazenta vor dem Muttermund liegt.

hr-iNFO: Hätten Sie so etwas selbst gemerkt oder ist das etwas, was man im Vorfeld feststellt? Also hätten Sie das im Wald gemerkt, dass was nicht stimmt und dass ein schnelles Eingreifen nötig ist?

Schmid: Oh ja, bei einer Plazenta Praevia blutet man viel, das passiert normalerweise nicht. Und da blutet man meistens auch während der Schwangerschaft im mittleren und letzten Schwangerschaftsdrittel – nicht immer, aber häufig. Aber spätestens zu Geburtsbeginn. Also wenn wirklich was ist, kann man das eigentlich schwer verpassen.

"Natürlicher Prozess ist am sichersten, wenn er nicht gestört wird"

hr-iNFO: Warum haben Sie diese "krasse" Variante gewählt? Neben der Geburt im Krankenhaus gibt es ja noch andere Möglichkeiten der natürlichen Geburt, die ein gewisses Sicherheitsnetz haben - im Geburtshaus etwa oder daheim mit Hebamme.  

Schmid: Weil ich das nicht als Sicherheitsnetz ansehe. Also ich sehe es so, dass der natürliche Prozess am sichersten abläuft, wenn er nicht gestört wird. Wenn eine fremde Person anwesend ist und irgendwelche Sachen macht oder meint, mir sagen zu müssen, was ich tun soll, dann stört mich das bei der Geburt. Für andere mag das vielleicht nicht so sein, aber für mich stört das den Ablauf des Prozesses und dann sehe ich den auch schon wieder ein bisschen gefährdet.

hr-iNFO: Ihr Jüngster, Kiran, ist bei seiner Geburt im Garten abgestürzt – Sie haben gestanden und er ist auf den Boden gefallen. Hätte da nichts Schlimmes passieren können? Sie haben sich ja selbst auch etwas erschrocken, oder?

Schmid: Ja, ich habe nicht damit gerechnet, dass es passiert, weil die anderen Kinder vorher hab ich auch ungefähr in der gleichen Haltung geboren und gefangen. Aber ich hatte noch nie gehört, dass dabei was richtig Schlimmes passiert wäre. Also ich habe von anderen Müttern schon gehört, Kind ist abgestürzt oder Nabelschnur ist gerissen und da ist nie was Schlimmes passiert.

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Zur Person

Sarah Schmid ist 1981 geboren. In Halle (Saale) hat sie Medizin studiert und die Approbation als Ärztin erteilt bekommen. 2006 ist sie mit ihrer Familie für gut sechs Jahre nach Schweden ausgewandert, bis sie sich 2013 im nördlichen Elsass niederließen. Seit 2010 ist sie Vollzeitmama und schreibt nebenher Bücher.

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Und wenn man bei den Tieren guckt – die können ihre Kinder ja nicht selber auffangen -, passiert das auch und ich denke, dass das von der Natur auch eingerechnet ist, dass das passiert. Von daher – ich hab mich erschrocken, aber ich hatte keine Angst, dass was Schlimmes passiert.

"Gefahr von Keimen im Wald geringer als im Krankenhaus"

hr-iNFO: Wie ist das mit der Hygiene? In der Klinik ist ja alles sehr steril um den kleinen Neuankömmling und das nicht ohne Grund – eine Infektion könnte fatale Folgen haben.

Schmid: Naja, man bildet sich immer ein, dass die Klinik so steril wäre. Aber gerade in der Klinik schwirren ja die meisten Keime rum, weil da ja kranke Leute hinkommen, die ja mit pathogenen Keimen häufig besiedelt sind. Von daher hat man im Wald oder im Garten eine sehr viel geringere Chance, Keime anzutreffen, die tatsächlich gefährlich werden können.

hr-iNFO: In der Klinik oder im Geburtshaus werden die Kinder erst einmal gründlich gecheckt, die Atemwege abgesaugt usw. Und auch die Mutter bekommt eine Nachsorge. Das ging bei Ihnen ja nicht. War das kein Problem?

Schmid: Das Kind wird ja abgesaugt, das heißt aber, es wird nicht aus der Lunge abgesaugt, sondern es wird entweder der Rachen abgesaugt oder heutzutage saugt man auch gerne bis in den Magen ab, um zu gucken, dass auch die Speiseröhre durchgängig ist. Aber das, was die Kinder eigentlich nach der Geburt stört, ist, dass sie noch so ein bisschen Fruchtwasser im Rachen haben. Das schlucken die entweder selbst oder man kann es absaugen.

Ich habe es bei einem Kind auch mal mit dem Mund abgesaugt, das kann man machen, aber bei zwei Geburten habe ich auch abgewartet und die haben das in relativ kurzer Zeit auch selber  geschluckt und dann war das auch gegessen sozusagen. Und ich gucke natürlich mein Baby an. Man sieht natürlich, ob Arme, Beine alles dran ist, dass der Gaumen geschlossen ist und ob es atmet und sich normal bewegt und so. Das sind so Sachen, die kann man auch ohne Medizinstudium eigentlich wahrnehmen, wenn man sein Baby im Arm hat.

Was meine Versorgung angeht – ich habe immer geguckt, ob ich gerissen bin. Wenn ich nicht gerissen bin, brauche ich auch keine Versorgung. Die Plazenta kommt nach einer gewissen Zeit quasi von alleine. Und dann gehe ich duschen und dann gehe ich ins Bett, mich mit meinem Baby kuscheln und das ist dann so ziemlich alles, was ich mache.

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