Sind Kühe in Indien mehr wert als Frauen?!
Ob Kühe in Indien mehr Wert hätten als Frauen fragt ein junger Fotograf in Indien. Bild © Sujatro Ghosh

Im Namen der Kuh rotten sich sogenannte Rettungskommandos zusammen, die Kuhhändler, Schlächter oder Rindfleischesser verprügeln oder ermorden. Ein junger indischer Fotograf wirft mit seinem Foto-Projekt die Frage auf, warum in der indischen Gesellschaft alles dafür getan wird, Kühe zu retten, Frauen aber weiterhin missbraucht, vergewaltigt oder belästigt werden.

Gau Rakshak, das heißt Kuhschützer und die bestimmen seit langem die Medien in Indien. Im Namen der Kuh sind in den letzten Monaten über zehn Menschen gelyncht worden, nachdem ein wütender Mob sich auf sie gestürzt hat. Die Opfer sollen Kuhfleisch gegessen haben, Kühe transportiert oder getötet haben.

Die so genannten Kuhschützer fühlen sich durch neue Gesetze bestärkt, die landesweit verschärft werden, was das Schlachten, Essen oder den Transport von Kühen angeht. Die Kuh ist den Hindus schon seit jeher heilig, aber seitdem die konservative hinduistische Partei BJP in Indien an der Macht ist, haben die Übergriffe der Kuhschützer deutlich zugenommen.

Übergriffe der Kuhschützer haben deutlich zugenommen

"Nicht in meinem Namen", unter dem Motto sind landesweit Menschen in Indien auf die Straße gegangen, darunter auch viele Hindus. Dass bislang keiner der Täter verurteilt wurde, macht die Demonstranten, wie Umar Khalid, wütend: "Beim ersten Opfer hat die Regierung nicht versucht herauszufinden, wer der Mörder war, sie hat stattdessen erst einmal untersuchen lassen, ob das Opfer Rindfleisch oder Schafsfleisch im Kühlschrank hatte."

Demonstration "Not in my name"
Egal welcher Religion sie angehören, sie seien Demokraten und wollen, dass Mörder in Indien ihre gerechte Strafe bekommen. Bild © Silke Dietterich

Die völlig übertriebene Inschutznahme von Kühen und dass die radikalen Kuhschützer nicht bestraft werden, stehe stellvertretend dafür, dass die regierende Partei Religion und Politik zu sehr vermische, sagt eine Studentin bei der Protestkundgebung.

Regierende Partei vermischt Religion und Politik

Schließlich gebe es Minderheiten im Land, für die Kühe nicht heilig, sondern ein wichtiger Proteinlieferant seien, sagt sie: "Indien ist kein hinduistisches Land. Wir sind ein säkulares Land. Dass der Hinduismus nun so groß geschrieben wird, liegt an der aktuellen Partei. Also ich finde es eigentlich fantastisch, dass so viele Leute sich hier dagegen auflehnen, aber zugleich ist es auch traurig, dass wir das überhaupt tun müssen."

Vor über vier Jahren gingen am gleichen Ort tausende Menschen in Delhi auf die Straße, um gegen die Gewalt an Frauen zu demonstrieren.

Zwei Themen spalten die indische Gesellschaft

Der Fotograf Sujatro Ghosh verbindet nun in seinem neuesten Projekt die beiden brennendsten Themen, die die indische Gesellschaft spalten: "Wie kann es sein, dass ich in einem Land lebe, in dem Leute umgebracht werden, weil sie Rindfleisch essen und vergewaltigte Frauen über sieben Jahre warten müssen, bis die Täter verurteilt werden?"

Sind Kühe in Indien mehr wert als Frauen?!
Der Verkauf und das Töten von Rindern steht in einigen Bundesstaaten Indiens unter hoher Strafe. Bild © Sujatro Ghosh

Sein Projekt, Frauen eine Kuhmaske auf den Kopf zu setzen und sie an willkürlich gewählten Orten in Indien damit zu fotografieren, wurde schlagartig ein Erfolg in den sozialen Netzwerken. Ein Frauenkörper mit Kuhkopf im Restaurant, vor dem Präsidentenpalast oder rauchend vor dem Spiegel.

Erfolg in den sozialen Netzwerken - Morddrohungen von Kuhschützern

Bildergalerie
Sind Kühe in Indien mehr wert als Frauen?!

Bildergalerie

zur Bildergalerie Sind Kühe in Indien mehr wert als Frauen?!

Ende der Bildergalerie

Bizarre Stillleben, die eine entscheidende Frage aufwerfen sollen, sagt Ghosh: Ist das Leben einer Kuh mehr wert als das einer Frau in Indien? Die Antwort radikaler Kuhschützer ließ nicht lange auf sich warten: "Ich habe kannibalische Drohungen erhalten, Leute schrieben mir, sie wollen mich und auch die Frauen, die bei meinem Projekt mitmachen, lynchen und mein Fleisch sollte Menschen zum Fraß vorgeworfen werden. Das ist echt erschreckend!"

Extreme Hindus werfen dem Fotografen und den Demonstranten vor, gegen ihr Land vorzugehen und anti-national zu handeln. Sie selbst verstehen sich als Demokraten, die sich nun aufschwingen, die indische Gesellschaft daran zu erinnern, dass die Verfassung im Land vorsieht, keine Menschen zu unterdrücken: weder wegen ihrer Religion, der Kaste, noch wegen ihres Geschlechts.

Kampf um Religion und Politik

Fundamentalistische religiöse Phantasien dürften in ihrem Land nicht mehrheitsfähig werden, sagt die Studentin Nentara auf der Demonstration: "Wir sind doch hier, weil wir Inder sind. Ich glaube doch an die Staatsordnung, die meine Vorfahren niedergeschrieben haben. Das macht mich doch viel mehr zu Inderin, als die Radikalen, in dem ich hier dafür einstehe, was sie gesagt haben!"

Die Kühe selbst stehen in Neu-Delhi oft abgemagert am Straßenrand und fressen Plastik aus den Müllhalden. Nichtsahnend, dass sich wegen ihnen ein Kampf um Religion und Politik in Indien entfacht.

Das könnte Sie auch interessieren

zum Artikel Deutschland-Türkei : Chronik einer Abkühlung

Pressefreiheit, Armenien-Resolution, Flüchtlingspolitik: Die Liste der Tiefpunkte in den deutsch-türkischen Beziehungen wird immer länger. Das ehemals partnerschaftliche Verhältnis ist von Misstönen geprägt. Hier die Chronologie, wie es dazu kam.

Jetzt im Programm