Katalonien
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Banken ziehen aus Katalonien ab, Unternehmen erwägen den Rückzug - die Beziehungen zwischen der katalanischen, spanischen und europäischen Wirtschaft sind durch das Referendum deutlich gestört. Riskiert die Region den ökonomischen Vorsprung, der die Unabhängigkeit eigentlich finanzieren sollte?

Die Haltung der Ratingagenturen ist glasklar: "Tretet Ihr aus, senken wir Eure Bonität." Die Warnung an die Regierung Kataloniens wird bisher geflissentlich ignoriert – oder nicht ernst genug genommen. Dabei müssen sich die Regionen Spaniens, ähnlich wie die Bundesländer in Deutschland, ihr Geld auch selbst an den Finanzmärkten borgen. Und besonders Katalonien, sagt David Kohl, Chefvolkswirt der Schweizer Bank Julius Bär, sei hochverschuldet.

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"Das liegt daran, dass man sich relativ viel Sozialleistungen gönnt und dann auf Transfers eigentlich angewiesen ist. So wie wir das in Deutschland kennen vom Finanzausgleich. Ähnlich ist das in Spanien – und da profitiert Katalonien enorm von. Wenn das wegfällt, dann ist man in einer problematischen Lage. Man muss sich die Schulden dann selbst besorgen, am Kapitalmarkt. Womöglich mit eigener Währung – und das würde sehr viel teurer werden."

Eine Milchmädchenrechnung

Schon jetzt ist die Bonität Kataloniens geringer als die Spaniens. Die Region braucht die Mittel aus Madrid. Natürlich müsste sie dorthin auch keine Steuern mehr überweisen – doch Ökonomen halten das für eine Milchmädchenrechnung, die Last der Schulden sei dazu zu hoch. Bisher profitierte die Region außerdem vom Anleihe-Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB). Das hat die Zinsen auf katalanische Anleihen gesenkt. Die EZB wäre für Katalonien aber nicht mehr zuständig, wenn die Region Spanien und damit den Euro-Raum verlässt. Zwar wünscht man sich in Barcelona, dass man in der EU bleiben könnte, die Abfuhr aus Brüssel war allerdings mehr als deutlich.

Damit droht der Regierung Kataloniens schon das nächste Problem: Europäische Firmen würden abwandern.  Zwei spanische Banken haben das schon getan. Sie dürften ihre Euro-Geschäfte von einem unabhängigen Katalonien gar nicht mehr machen. Und auch deutsche Firmen sind auf der Hut. Die Liste der in Katalonien ansässigen deutschen Firmen liest sich wie das Who is Who der deutschen Wirtschaft: Bayer, Media Markt/Saturn, Aldi, Lidl, Seat/VW und so weiter.

Die Regierung in Barcelona, sagt David Kohl, müsste sich genau überlegen, welche Firmen dort bleiben würden und unter welchem Wirtschaftssystem man agiere: "Ist man noch im gleichen Maße nicht nur in die Wirtschaftsgemeinschaft der EU eingebunden, sondern auch in die Sicherheitsnetze, die diese Wirtschaftsgemeinschaft bietet? Also: gemeinsame Währung, Schutz gegen drastische Abwertung, weil man etwas politisch falsch macht. Oder auch der Rettungsschirm, der sowohl die Bankenstruktur betrifft, als auch eine mögliche Überschuldung des Staates. Und dann bleibt nicht zu vergessen: Man kann wirtschaftlich noch so erfolgreich agieren. Wenn man nicht denselben Zugang zu einem großen Binnenmarkt hat wie andere, dann ist die Gefahr doch sehr groß, dass man entweder zurückfällt, oder dass Firmen aus diesem Standort abwandern."  

"Austritt würde EU erschüttern"

Und schon aus diesen Gründen glauben sie an den Finanzmärkten nicht wirklich an ein Ausscheiden der Katalanen aus Spanien – und der EU. Trotzdem sorgt die geplante Unabhängigkeitserklärung der Regierung in Barcelona für Unruhe. Denn der Austritt, sagt Carsten Brzeski von der ING Diba, – ob legal oder nicht – würde nicht nur die Region, sondern auch Spanien und sogar die EU erschüttern: "Katalonien ist DIE Wirtschaftskraft in Spanien, wenn die wegfallen würde, dann würde es nicht nur Katalonien schlechter gehen. Denn Katalonien lebt auch vom Zugang zum Binnenmarkt in Europa."

Es heiße aber auch, "dass diese Unruhe in den größeren Volkswirtschaften natürlich bleibt. Und das heißt, dass diese Drohung oder die Gefahr von Populismus, von Bewegungen, die gegen mehr Integration sind, dass uns die erhalten bleiben", so Brzeski. Umgekehrt könnte die Regierung Kataloniens am Ende aber auch  einlenken. Es würde separatistischen Bestrebungen einen Dämpfer verpassen – und würde auch die Katalanen am Ende vor einem wirtschaftlichen Desaster bewahren.

Sendung: hr-iNFO, 10.10.2017, 6:30 Uhr

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