Raucherkneipe open air: Autos sorgen nicht erst seit dem Dieselskandal für dicke Luft.
Raucherkneipe open air: Autos sorgen nicht erst seit dem Dieselskandal für dicke Luft. Bild © picture-alliance/dpa

Ein kleines Softwareupdate und alles wird wieder gut? Schön wäre es für die Automobilhersteller, für die Dieselfahrer und auch für die Politik. Aber längst steht fest, der Dieselbetrug ist weit komplizierter. Fahrverbote drohen. Die fände unsere Kommentatorin aber gut.

Ich bin für Fahrverbote. Und ich bin Dieselfahrerin. Scheint paradox. War für mich auch erst schwer zu verstehen. Ich fahre einen kleinen braunen VW Polo. Einen Schummel-Diesel.

Dass meiner einer ist, weiß ich, seitdem ich letztes Jahr von Volkswagen einen freundlichen Brief erhalten habe. Eine Einladung zur kostenlosen VW Aktion, zur Aktion Software-Update. Kostenlos, toll.

VW hat mich betrogen. Mein Auto stößt viel mehr Stickstoffdioxid aus als in meiner Zulassung steht - selbst jetzt nach dem Software-Update. Längst hat auch das Landgericht Braunschweig bestätigt, dass die Zulassung meines Polos deshalb nicht mehr gilt. Aber es interessiert niemanden.

Keine Entschädigung ohne Fahrverbote

Ich darf seit dem Software-Update mehr Diesel tanken. Die Experten erklären mir, minimale Abweichungen könnte es geben, durch mein Fahrverhalten steuerbar. Soll ich wegen des VW Betrugs jetzt langsamer fahren? Auch minimale Abweichungen  bedeuten, dass ich an der Tankstelle mehr bezahle. Mein Polo ist damit nicht mehr das Auto, das ich gekauft habe. Aber entschädigen muss mich Volkswagen nicht, denn ich darf ja noch mit meinem Schummel-Diesel fahren. Nur mit Fahrverboten würde mir eine Entschädigung zustehen.

Das jüngste Urteil des Landgerichts Braunschweig ist klar: Solange ich meinen Diesel fahren darf, muss mich der Hersteller nicht entschädigen. Gäbe es jetzt ein Fahrverbot, schon. Dann müsste VW meinen Polo zurücknehmen und ich könnte mir von dem Geld ein neues Auto kaufen. Die Luft wäre sauber - zumindest sauberer - und ich hätte ein neues Auto.

Wen schützt die Politik?

Audiobeitrag
Politik

Sie können das Audio zur privaten Nutzung hier herunterladen oder im Systemplayer öffnen.

Podcast

zum Artikel Kann die Politik Fahrverbote verhindern?

Ende des Audiobeitrags

Deshalb will ich Fahrverbote! Alles, was mir Volkswagen im Augenblick anbietet, ist eine Umtauschprämie. Ich soll also ein neues Auto kaufen, damit Volkswagen noch mehr Milliarden Gewinn macht. Ich soll für ihren Betrug bezahlen? Nein, danke. Die Automobilindustrie sagt, es gebe intelligentere Maßnahmen als Fahrverbote. Eine unverschämte Äußerung. Ich weiß, warum die Hersteller keine Fahrverbote wollen. Weil es teuer für sie werden würde.

Und die Politik? Selbst der Grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann zögert. Das Fahrverbot für Stuttgart ist vom Verwaltungsgericht  beschlossen. Er will es nicht umsetzen. Um mich als Dieselfahrer zu schützen oder vielleicht doch eher die Automobilhersteller? CDU und SPD wollen auch alles tun, damit es keine Fahrverbote gibt. Und FDP, Linke und Grüne sprechen von Motornachrüstungen, von denen mir der Experte sagt, dass es meinem Auto danach wahrscheinlich nicht besser gehen wird.

Taktik vor der Wahl

Das ist alles Taktik. Vor der Bundestagswahl. Merkels Konjunkturpaket für die Kommunen für den Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs und E-Busse. Das ist Ablenkung.

Keiner spricht davon, welches Recht mir eigentlich zusteht, das mir das Landgericht Braunschweig eingeräumt  hat. Ich will Fahrverbote, damit ich Anspruch auf eine Entschädigung habe. Ich will nicht von der Politik darum betrogen werden.

Sendung: hr-iNFO Politik, 07.09.2017, 20:35 Uhr

Weitere Informationen

Der Kommentar gibt grundsätzlich die Meinung der Autorin und nicht die der Redaktion wieder.

Ende der weiteren Informationen
Jetzt im Programm