Wahlplakate 2017
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Der Bundestagswahlkampf wird wieder so langweilig wie in den Jahren davor, findet unser Redakteur und sagt: Das muss nicht sein. Denn Probleme, die man anpacken könnte, gibt es in Deutschland genug.

Es kann nicht sein – schon wieder kein richtiger Wahlkampf? Wie 2013? Wie 2009? Wird die Amtsinhaberin wieder im Schlafwagen an die Macht fahren? "Sie kennen mich!" Und das reicht dann?

Ist das, was uns die Parteien da wohl wieder bieten werden, nicht unterlassene Hilfeleistung für unsere Demokratie? Kann man sie nicht dazu zwingen? Nach dem Motto: "Los, verdammt, Ihr Parteien seid vom Grundgesetz privilegiert, dafür bekommt ihr dicke Wahlkampfkostenerstattung. Im Gegenzug seid ihr verpflichtet, richtig um uns zu werben!"

Das kriegen wir aber wieder nicht, fürchte ich. Schon allein diese Internetauftritte der Parteien. Ins Netz gestellte Wahlplakate mit Links, auf die zu klicken man Null Lust hat. Das ist Internet, ja, aber das ist kein Internetwahlkampf. Den brauchen wir vielleicht auch nicht: Die meisten Wähler sind über 60, und die gewinnt man eben kaum übers Netz. Die müssen mit Wahlwerbespots, Plakaten, lahmen Auftritten, uninteressanten Statements "überzeugt" werden.

Schulz bemüht sich

Der Herausforderer: Martin Schulz. Ist ein wackerer Mann. Bemüht sich. Wird verlacht: Ganz aktuelle Schlagzeilen, bei "Google News": "Niedersachsenkrise schadet Kanzlerkandidat". "Martin Schulz leuchtet nicht". "Schlimmer geht’s nimmer für Schulz". Das mediale Signal ist: Es gibt keine Alternative.

Ja, Schulz hat seine Geschichte mit seinem früheren Alkoholmissbrauch vielleicht ein paar Mal zu viel erzählt. Er müsste mal mit etwas Neuem auffallen. Aber wenn er das tut  – zum Beispiel als er sich traute, das Flüchtlingsthema aufzugreifen – wird er sofort öffentlich wieder Hohn und Spott ausgesetzt. Tenor: "Der spricht über ein wichtiges Thema, aber der will ja nur AfD-Stimmen abgreifen." Wo sind da die Tausenden SPDler, die ihr Idol Martin Schulz überall auf den Straßen feiern? Mit wirklich zündenden, provokanten Slogans? Wo die Leute am Stammtisch sagen: "Oh, die trauen sich was. Dieser Schulz ist gar nicht schlecht."

Aber nein, Schulz war kaum da in den letzten Landtagswahlkämpfen im Saarland, Schleswig-Holstein, NRW. Angeblich, weil ihm irgendwelche externen Wahlkampfberater geraten haben sollen, das so zu machen. Damit die Anfangseuphorie schön wieder gestoppt wird? Nicht jeder kommt im Schlafwagen ins Kanzleramt – als Herausforderer muss man leider noch richtig kämpfen!

Wer wird Juniorpartner?

Nicht mal die Frage, wer in der nächsten Legislaturperiode Merkels Junior werden darf, ist sonderlich spannend: Wieder SPD-Gabriel, oder mal wieder die FDP, oder sogar mal die Grünen mit Özdemir und Göring-Eckhardt? Selbst Schwarz-grün kennen wir schon, auch das funktioniert genauso langweilig und überperfekt – gerade bei uns in Hessen.

Die Grünen. Der Diesel-Skandal! Eigentlich ein Geschenk des Himmels für sie: "Grüne braucht es, Green economy! Wir können Wirtschaft viel besser als die, die das immer von sich behaupten." Höre ich das? Nein. Stattdessen: Laffe Slogans auf grüne, wie immer aussehende Plakate geschrieben, die schon deshalb keiner richtig anguckt, weil sie eben wie immer aussehen.

Christian Lindner. Der will mit seiner FDP wieder in den Bundestag. Aber warum? Weil es so verdammt gut aussieht, wie ein fescher junger Mann von sich selbst denkt, dass er verdammt gut aussieht?

Zufrieden ödes Schland

Ist Deutschland einfach so? Öde, langweilig, aber dafür unspektakulär stabil und glücklich? Gehört so ein uninspiriertes Wahlkämpfen vielleicht einfach zu diesem "Schland?" Wir sind mit dem zufrieden, was uns da eine GroKo an Mittelmaß vermittelt? Nichtssagendes Abgewinke unserer Kanzlerin, wenn mal was zu sagen wäre, und wenn es unangenehm wird, wie beim Diesel-Gipfel, ist sie einfach nicht da?

Dutzende solcher Gipfel gab es seit 2005. Erinnert sich noch jemand an die? Tags darauf waren sie, wie gewünscht, schon wieder vergessen, Probleme nicht gelöst, aber so schön praktisch auf später verschoben.

Zum Beispiel: Unsere Innenstadtstraßen! Sehen so Straßen eines der wirtschaftlich stärksten Länder Europas und der Welt aus? Breitband überall? Jaja, irgendwann mal, wir arbeiten dran. Ist halt furchtbar kompliziert...

Lieber spannender Wahlkampf als spannende Krise

Soll am Ende einfach alles so bleiben, wie es ist? Merkel bleibt Kanzlerin, die packt nichts richtig an, aber die wartet eben erst mal ab, vielleicht ist das sowieso besser. Wer zu schnell handelt, kann viel zu viel falsch machen. So ist Deutschland, so ist Wahlkampf. So geht das bestimmt noch eine ganze Weile: "Ist doch gut so, wie es ist. Lieber nicht zu früh mögliche Probleme anpacken."

Stattdessen können wir uns wieder auf die alten Slogans freuen, vielleicht im neuen Gewand: Die FDP will wieder Steuern senken, als sei das das Gebot der Stunde. SPD, Grüne, Linke, die AfD wollen, dass Rentner von ihrer Rente leben können. Das reiche Deutschland findet es toll, dass vielleicht irgendwann mal jeder Rentner von seiner Rente leben kann?

Eigentlich traurig, dramatisch, dass es so ist! Eines Tages werden wir es bereuen – dass wir uns in dieser bräsigen, selbstzufriedenen, ignoranten Entspanntheit zurückgelehnt und hochnäsig auf den Rest der Welt geblickt haben. Irgendwann fliegt uns das um die Ohren. Ich hätte lieber einen spannenden Wahlkampf, bei dem alles offen ist – als später eine genauso spannende, aber auch schlimme Krise, welcher Art auch immer.

Der Kommentar gibt die Meinung des Autors, nicht der Redaktion wider.

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Sendung am 10.8.2017

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