Nachwuchs bei Parteien
Bild © Parteien

Seit 1990 verlieren fast alle Parteien Mitglieder. Im vergangenem Jahr gab es zum ersten Mal wieder viele neue, die meisten davon unter 35 Jahren. Wir haben mit vier jungen Politikern über ihre Motivation gesprochen.

Deutschlands Parteienlandschaft ist alles andere als jung. Die großen Volksparteien CDU und SPD kämpfen mit der Überalterung ihrer Parteien. Sie sind durchschnittlich um die 60 Jahre, die jüngste Partei sind die Grünen mit einem Durchschnittsalter von 50. Das wirkt nicht gerade anziehend auf den Nachwuchs, könnte man sagen.

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zum Artikel Das Ende der Politikverdrossenheit? Junge Menschen streben in die Parteien

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Seit 1990 verlieren fast alle Parteien Mitglieder. Insgesamt gehören heute nur noch halb so viele Deutsche einer Partei an wie noch vor dem Mauerfall. Im letzten Jahr allerdings gab es zum ersten Mal wieder viele Parteieintritte. Durchweg alle Parteien konnten neue Mitglieder gewinnen und teilweise Eintrittsrekorde feiern. Viele neue Parteimitglieder waren jung, unter 35 Jahren. Doch woran liegt das?

Viele neue junge Parteimitglieder

"Das ist ein Stück weit eine Reaktion auf die nationale und globale Lage", sagt Simone Abendschön. Sie ist Professorin an der Universität in Gießen und beschäftigt sich mit gesellschaftlicher politischer Beteiligung. Viele Ereignisse in der Welt, hätten die Menschen aufgeschreckt, so Abendschön. "Ich denke da insbesondere auch an Ereignisse wie den Brexit oder eben die Wahl von Donald Trump, die viele Leute auch aufgeschreckt hat. In Deutschland haben wir eben auch die Diskussion um die zunehmende Anhängerschaft der AfD, die ja auch viele Leute bewegt hat."

Simone Abendschön
Simone Abendschön Bild © privat

Dieser Trend sei aber nicht neu. Die Politikverdrossenheit der 90er Jahre sei vorbei, so Abendschön. "Jetzt erkennen wir schon seit den Nullerjahren, dass es kontinuierlich wieder bergauf geht. Das stellen wir insbesondere bei den kleinen Parteien fest, allerdings auch etwas verhaltener bei den Volksparteien."

Auch junge Menschen lassen sich für Politik begeistern

Den Vorwurf an junge Menschen, heutzutage unpolitisch oder politikverdrossen zu sein, findet Abendschön problematisch. "Aus der Forschung wissen wir, dass jüngere Erwachsene bis Ende 20 sich generell weniger an Politik beteiligen als es eben ältere tun und dass sich das im Verlauf des Lebens ändert. Aber das war vor 30 Jahren auch schon so."

Für Abendschön steht fest, dass man auch heute junge Menschen für Politik interessieren könnte. "Sie sind auch politisch aktiv, aber eben auf eine andere Art und Weise, wie man das eben vor 30 Jahren gemacht hat. Vielleicht auf eine leisere und auch angepasstere Art und Weise."

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Jung, politisch - und mit Parteibuch

Warum treten heute wieder mehr junge Menschen in eine Partei ein? Wir haben mit vier Jungpolitikern gesprochen.

Arian Awari, 22, (JuSos)

Arian Awari, 22, (JuSo)
Arian Awari, 22, (JuSo) Bild © hr

Beruf: Sozialarbeiterin

Persönliches: Kam mit zwei Jahren aus Afghanistan nach Deutschland, lebt in Egelsbach.

Beitritt: Seit Herbst 2016 bei den JuSos

Grund für ihr Engagement: "Mir ist es einfach wichtig, dass ich auch meinen Mitbürgern in Egelsbach helfe und ihnen etwas zurückgebe."

Awari fühlt sich vor allem wegen des Themas soziale Gerechtigkeit der SPD zugehörig. Politisch möchte die Situation für Arbeitnehmer, Azubis und Langzeitarbeitslose verbessern. Am Herzen liegen ihr vor allem Flüchtlinge.

"Ich habe es akzeptiert, dass ich jetzt hier bin und ich bin froh, hier zu sein", sagt sie. "Ihr könnt das genauso. Bildet euch hier weiter. Lernt die deutsche Sprache. Dann könnt ihr es genauso schaffen. Werdet nicht kriminell. Warum seid ihr sonst hierhergekommen? Ihr wollt doch Frieden. Also lasst uns gemeinsam leben."

Jan Nolte, 28, (Junge Alternative)

Jan Nolte, 28, (Junge Alternative)
Jan Nolte, 28, (Junge Alternative) Bild © hr

Beruf: Soldat (Oberbootsmann), gelernter Kaufmann im Einzelhandel

Persönliches: Aufgewachsen in Syke bei Bremen, die Bundeswehr brachte ihn von Norddeutschland nach Frankenberg (Eder) in die Burgwaldkaserne, wo unter anderem die Aufklärungsspezialkräfte der Bundeswehr untergebracht sind. 

Beitritt: Nolte war für ein halbes Jahr mal bei der CDU, mittlerweile ist er Fraktionsvorsitzender der AfD Waldeck Frankenberg und Landesvorsitzender der Jungen Alternative, der AfD-Nachwuchsorganisation hier in Hessen. Nolte wurde auf Platz vier der AfD-Landesliste für die Bundestagswahl im Herbst gewählt.

Grund für sein Engagement:  "Dass die Leute sich eben auch interessieren für Themen wie Patriotismus, wieder stolz sein zu dürfen, auch als Deutscher, ja, und dieses Thema angehen wollen", sagt er. "Wir Deutschen sollen hier die Majorität bleiben. Ich möchte, dass der einwandert, auch hier wirklich etwas leistet. Ich möchte, dass Deutschland wieder sicherer wird und ich wünsche mir Volksentscheide auf Bundesebene."

Genau wie die hessische Mutterpartei AfD sieht sich Noltes Jugendorganisation und auch er selbst ständigen Vorwürfen ausgesetzt. Zum Beispiel, dass Mitglieder aus extrem rechten Burschenschaften oder der fremdenfeindlichen "Identitären Bewegung" geduldet würden. Dass die Junge Alternative sogar Kontakte in diese Gruppierungen pflegen würde. Nolte selbst erntete herbe Kritik in seinem Kreistag. Der Vorwurf: Er habe die Dresdner Rede von Björn Höcke zum Holocaust-Mahnmal in Berlin verteidigt und sich nicht ausreichend distanziert. Nolte wies jegliche Vorwürfe zurück: "Wir sind natürlich nochmal ein bisschen frecher als die AfD aber, dass wir jetzt rechter sind, würde ich nicht sagen."

Lucas Schwalbach, 25, (JuLIs)

Lucas Schwalbach, 25, (JuLi)
Lucas Schwalbach, 25, (JuLi) Bild © privat

Beruf: Jurastudent, Landesvorsitzender der hessischen Jungen Liberalen, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Freien Demokraten im Wiesbadener Rathaus

Persönliches: Wohnt in Dotzheim, vormittags Student, nachmittags: politische Schreibtischarbeit, abends: Treffen zur politischen Diskussion – ob in Frankfurt, Wiesbaden oder Kassel.

Beitritt: Seit 2009 bei den Jungen Liberalen, trat mit 17 Jahren bei.

Grund für sein Engagement: Die gescheiterte Regierungsbildung einer Minderheitsregierung von SPD und Grünen unter Tolerierung durch die Linken nach der Landtagswahl 2008. "Ich glaube, es braucht immer so ein Thema, über das man sich auch mal aufregt", sagt er. "Das führt dann dazu, dass man sich dem so verpflichtet fühlt und sagt: ja, da muss ich jetzt etwas machen! Wir haben momentan auch viele Leute, die neu dazukommen. Für die ist das Thema: die AfD und das Erstarken von rechts."

Sein Herz schlägt für die Themen innere Sicherheit, Europa und gesellschaftliche Freiheit. Als die FDP bei der Bundestagwahl 2013 aus dem Parlament flog, das war für Schwalbach eine der schwersten Stunden seines politischen Engagements.

"Wir waren in Berlin ganz lange Zeit gar nicht vertreten, wir sind in den Medien nicht vorgekommen und natürlich beschleicht einen da manchmal das Gefühl: Sag mal, wofür machst du das noch eigentlich?", sagt er "Aber es gibt immer wieder diese Momente, wo man sagt: Hey, das war jetzt cool, das hat echt Spaß gemacht und das sind immer die Momente, wo man mit anderen zusammenkommt. Das hält einen dabei."

Sebastian Sommer, 23, (Junge Union)

Sebastian Sommer, 23, (Junge Union)
Sebastian Sommer, 23, (Junge Union) Bild © hr

Beruf: Standesbeamter, stellvertretender Landesvorsitzender der hessischen Jungen Union, Ortsvorsteher, in der Gemeindevertretung und im Kreistag in Wehrheim

Persönliches: Ist im Gesangsverein, engagiert sich in der Kirche und bei der Feuerwehr, kommt aus Wehrheim im Hochtaunus-Kreis.

Beitritt: Trat mit 14 in die Junge Union Hessen ein.

Grund für sein Engagement: Sebastian Sommer wollte vor Ort etwas bewegen. "Ich wurde aktiv angesprochen von der Jungen Union", sagt er. "Ich komme aus einer politischen Familie. Der Großvater war schon Vorsitzender der Gemeindevertretung, mein Vater ist Bürgermeister. Beim Frühstückstisch wurde vor allem immer die Lokalzeitung aufgeschlagen und schon mal hitzig diskutiert."

Und als Standesbeamter hat er natürlich auch eine Meinung zur Ehe für alle: "Ich hätte für die Ehe für alle gestimmt. Ich finde es eine gute Sache. Wenn zwei Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, warum soll das nicht auch Ehe genannt werden? Auch als Konservativer kann man sagen, dass der Begriff Ehe durchaus für zwei Menschen gleichen Geschlechts gelten kann."

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