Eine Pflegefachkraft hält die Hand eines pflegebedürftigen Kindes.
Eine Pflegefachkraft kümmert sich um ein dreijähriges Mädchen in einer Intensiv-Wohngruppe. Bild © dpa

Denkt man an Pflegebedürftige, denkt man meistens an alte Menschen. Doch die Zahl jüngerer Pflegepatienten wächst – und die haben besondere Bedürfnisse.

"Überspitzt könnte man sagen: Die jüngeren Pflegebedürftigen sind die Stiefkinder der Pflegeversicherung", sagt Christoph Straub, Vorstandschef der Barmer. Deren Pflegereport beschäftigt sich in diesem Jahr schwerpunktmäßig mit den Bedürfnissen jüngerer Pflegebedürftiger. Gemeint sind damit Pflegebedürftige unter 60 – darunter aber auch viele Kinder und Jugendliche. Insgesamt gehört jeder achte Pflegebedürftige zur Gruppe der jüngeren – und anders als Senioren, die eher wegen Demenz oder infolge eines Schlaganfalls Pflege brauchen, leiden sie eher an Lähmungen, Intelligenzminderung, Epilepsie oder dem Down-Syndrom.

Und: Sie haben aufgrund ihres Alters andere Bedürfnisse als ältere Pflegebedürftige. Ein 30-Jähriger zum Beispiel wolle nicht auf sein Handicap reduziert werden, so Straub. "Er möchte aktiv leben. Er will ausgehen, sich bewegen, ins Fußballstadion gehen, Freunde treffen, im Internet surfen – also einen ganz anderen Lebensstil pflegen. Er möchte das tun, was Gleichaltrige auch machen."

Und nicht bei den Eltern leben, sondern in einer Wohngruppe. Einer Umfrage der Barmer zufolge lebt fast jeder zweite jüngere Pflegebedürftige bei seinen Eltern – aber nur etwa jeder dritte will das auch. 15 Prozent wollen in einer Wohngruppe leben – aber nur für acht Prozent geht dieser Wunsch in Erfüllung. Barmer-Chef Straub fordert von Städten und Gemeinden, bei ihrer Wohnraumplanung mehr als bisher an junge Pflegebedürftige zu denken; beim altengerechten Wohnen sei ja schon eine Menge passiert.

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„Er will ausgehen, sich bewegen, ins Fußballstadion gehen, Freunde treffen, im Internet surfen – also einen ganz anderen Lebensstil pflegen.“ Zitat von Christoph Straub
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Im Januar ist in Deutschland die Pflegereform in Kraft getreten, mit der Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade, bei der die Eingruppierung sich daran orientiert, wie gut ein Pflegebedürftiger seinen Alltag meistern kann. Vor allem Demenzkranke profitieren davon. Barmer-Chef Straub findet, grundsätzlich sei diese Umstellung gelungen. Was natürlich nicht heißt, dass alle Probleme in der Pflege gelöst wären. So hat die Barmer-Versichertenbefragung zum Beispiel ergeben, dass Plätze für Kurzzeit- und Tagespflege fehlen. Heinz Rothgang, Gesundheitswissenschaftler von der Uni Bremen sagt: "Insbesondere bei denen, die Tagespflege nicht fünf Mal die Woche nutzen würden, sondern gerne ein oder zwei Mal die Woche, muss man sagen: Die kriegen diese Plätze in der Regel nicht."

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird künftig ansteigen

Die Nachfrage nach Pflegeleistungen ist also größer als das Angebot – und dass die Nachfrage in der alternden deutschen Gesellschaft wächst, ist allen klar. Gesundheitsforscher Rothgang erwartet, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in den nächsten 30 Jahren von jetzt drei auf dann fünf Millionen Menschen steigt. "Ich höre manchmal aus dem politischen Berlin: 'Wir haben in der letzten Legislatur die größte Pflegereform seit Einführung der Pflegeversicherung gemacht'", sagt Rothgang. Dem stimme er zwar zu, doch das sei noch nicht genug. Er bittet die Politiker von Union, FDP und Grünen, die ein Jamaika-Bündnis sondieren, mehr zu tun.

Wobei sich die Jamaika-Verhandler schon dazu bekannt haben, die Arbeit in der Pflege attraktiver machen zu wollen – damit künftig mehr Menschen als heute bereit sind, einen Pflegeberuf zu ergreifen. Ausgerechnet die gute wirtschaftliche Lage könnte das allerdings erschweren, sagt Barmer-Chef Straub. Viele andere Berufe gelten offenbar als attraktiver. "Es gibt immer einen Zusammenhang zwischen der Zahl Pflegender und der Konjunktur. Je besser die Konjunktur, umso schiweriger ist es, qualifizierte Pflegekräfte in ausreichender Zahl zur Verfügung zu stellen", sagt er.

Sendung: hr-iNFO, 09.11.2017, 12.10 Uhr

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