Rollstuhl
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Der Junge aus dem Irak war 13 Jahre alt und saß im Rollstuhl, weil er an einer Muskelschwund-Erkrankung litt.Trotzdem wurde er von den Behörden in Bozen abgewiesen und musste mit seiner Familie u.a. in einem Park übernachten. Jetzt ist er an den Folgen eines Unfalls gestorben. Es bleibt die Frage: Wie konnte es dazu kommen?

Dieser Fall ist eine tragische Flüchtlings-Odysse, am Ende stirbt ein Kind - Alltag in Europa. Die Familie stammt aus Kirkuk im Nordirak. Vater, Mutter, vier Kinder. Als die Tochter bei einem Bombenangriff ums Leben kommt, entschließen sich die Kurden zur Flucht. Bis nach Schweden schaffen sie es, doch nach zwei Jahren wird der Asylantrag dort abgelehnt. Um einer Abschiebung zu entgehen, brechen sie auf, noch einmal quer durch Europa, Kontrollen gab es auf der Reise keine, auch nicht in Deutschland.

Adan ist 13 und sitzt schon einige Zeit im Rollstuhl. Er leidet an einer Form von Muskelschwund. Am 2. Oktober strandet die Familie in Bozen. Adan muss wegen seiner Schmerzen und wegen Atemproblemen ins Krankenhaus. Marta Stocker, Landesrätin und in der autonomen Provinz Südtirol zuständig für den Bereich Gesundheit und Soziales, erzählt, dass der Junge zwei Tage später entlassen wurde: "In einem relativ guten Zustand, so die Beschreibung, und dort geschützt übergeben worden ist an eine Organisation, an eine Hilfsorganisation aus Freiwilligen."

Behörden hatten Kenntnis vom Zustand des Kindes

Diese Version der Politikerin stellt sich beim näheren Hinsehen ganz anders dar. Von "einem relativ guten Zustand" konnte demnach keine Rede sein. Der Entlassungsbrief des Krankenhauses, der dem ARD-Studio Rom vorliegt, spricht von einer komplizierten Krankheit, die den Jungen schwächt, die ständiger Überwachung bedarf.

Außerdem müsse für die Familie eine Unterkunft gefunden werden, heißt es: "Seit dem 4. Oktober hatten die Behörden, insbesondere die Provinz Bozen und ihr Sozialdienst, genaue Kenntnis vom Zustand dieses Kindes. Und dennoch sind die Türen zu geblieben", sagt der Riccardo dello Sbarba von den Grünen. Und auch von einem in den Worten der Landesrätin "geschützt(en)" Übergeben konnte keine Rede sein. Tatsächlich verbrachte die Familie die kommende Nacht auf dem Boden in einer evangelischen Kirche.

"Keiner weiß, wo die Menschen enden"

Freiwillige Helfer haben sich gekümmert, wollten helfen, dass die Familie als schutzbedürftig anerkannt wird. Aber eine offizielle Unterkunft bekommt die Familie mit dem schwerkranken Jungen nicht. Die Landesrätin weist Kritik dennoch von sich: "Ich denke, dass wir da durchaus sagen können, dass bei allen Fehlern, die gemacht werden können - und ich denke, das wird es immer geben - ,dass man denke ich schon sagen kann, dass hier die Abstimmung doch einigermaßen funktioniert hat."

Das klingt seltsam, wenn man weiß, dass Adan am 8. Oktober gestorben ist. Er musste noch einmal ins Krankenhaus. Während der Odyssee war er aus dem Rollstuhl gefallen, hatte sich beide Beine gebrochen. Er musste operiert werden, es gab Komplikationen. Für Riccardo dello Sbarba von den Südtiroler Grünen ist der Fall ein weiterer Beleg nicht nur für das Behördenversagen in Bozen, sondern auch für eine unmenschliche Flüchtlingspolitik.

"Auf staatlicher, europäischer Ebene brauchen wir eine Wende in der Aufnahmepolitik", sagt dello Sbarba. "Denn alle schieben ab und keiner weiß, wo diese Menschen enden. Diese Menschen verschwinden nicht einfach, das sind Menschen aus Fleisch und Blut. Und irgendwo enden sie dann, oft sterben sie." Adans Familie ist inzwischen bei Bekannten untergekommen. Ihr Antrag auf einen Schutzstatus wird jetzt in Bozen geprüft. Es kann sein, dass sie - wie so viele - weiterziehen müssen. Flüchtlingsalltag in Europa.

Sendung: hr-iNFO, 11.10.2017, 16:50 Uhr

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