documenta 14 - Irena Haiduk "Yugoexport"
Bild © picture-alliance/dpa

Wer über die documenta in Kassel geht, sieht immer wieder ein paar Frauen, die mit einem Buch auf dem Kopf durch die Straßen laufen. Schweigsam, und alle mit den gleichen schwarzen Schuhen. Hier handelt es sich nicht um eine Modeschau, sondern um eine Performance der serbischen Künstlerin Irena Haiduk.

Ein Lautsprecher fordert uns auf zu warten. Immer zur vollen Stunde ist Einlass in einen stockfinsteren Raum, in dem man es sich auf Liegen bequem machen kann. Wenn die Türen schließen, beginnen zwei weibliche Stimmen einen englischen Dialog über Politik. Irena Haiduks Kunst ist sehr politisch. Es ist eine Performance, die eine Geschichte erzählt, und es braucht Zeit, alle Hintergründe zu verstehen.

So sieht es aus

Irena Haiduk hat für die documenta 14 Schuhe produzieren lassen. Schwarze Stoffschuhe, zum Schnüren, knöchelhoch, mit hohen Absätzen und freier Ferse. Diese Schuhe verkauft sie an jeden, der sich weiblich fühlt – auch Männer.

Die Käuferinnen und Käufer verpflichten sich vertraglich, diese Schuhe nur bei der Arbeit zu tragen. Vertragspartner ist eine Firma namens Yugoexport, die die serbische Künstlerin eigens für die documenta 14 gegründet hat.

Das will die Künstlerin damit sagen

Irena Haiduk will mit ihren schwarzen Schuhen eine Armee junger Frauen gründen. "The Army of beautiful women" - eine Befreiungsarmee. Die Schuhe helfen den Trägerinnen aufrecht zu gehen, sie trainieren ihre Wirbelsäule und sie schaffen Rückgrat. Denn Rückgrat brauchen wir, um frei zu sein, so Haiduk, für sie ist Freiheit das Gegenteil von Hoffnung: "Hoffnung wird benutzt, um Menschen zu lähmen. Um sie in eine Struktur des Wartens zu pressen, dass bessere Zeiten kommen mögen. Das ist eine der erdrückendsten Dinge auf der Welt."

Warten hat für die Serbin etwas sehr Demütigendes. Eine Position des Vor-sich-hin-Rottens. Deswegen lässt Haiduk auch immer wieder Frauen über die documenta laufen. Bekleidet mit ihren Schuhen und einem Buch auf dem Kopf. Ein Buch von Marcel Proust, das den Spruch verkörpert: "Warten ist die größte Hure".

documenta 14 - Irena Haiduk "Yugoexport"
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Haiduk geht sogar so weit zu sagen, dass Warten ganze Länder lahmlegen kann. Kriege heutzutage würden nicht mehr blutig geführt. Man könne ein Land wirtschaftlich in eine Warteposition zwingen, die beinahe genauso schlimm sei. Die Leute sterben dann langsam an einem ungelebten Leben. "Und was wir hier machen, ist eine Befreiungsbewegung zu gründen. Mit der Disziplin des Wirbelsäulentrainings. Damit schenken wir den Frauen Freiheit und Komfort."

So kommt es an

Haiduks Performance mit dem Namen "Yugoexport" ist sehr verspielt und komplex, aber leider auch sehr theoretisch und alles andere als visuell. Die Künstlerin mutet ihren Besuchern zu, sich in ihre Thematik einzuarbeiten; eine Thematik, die sehr politisch ist. Aber wer sich darauf einlässt, kann auch Spaß haben und sich die Botschaften erarbeiten.

Vor allem, wenn die Schuhe passen, wie bei dieser Besucherin: "Ich war schon in Athen und habe die Schuhe gesehen. Da habe ich sie nicht gekauft, weil ich sie nicht tragen wollte und jetzt bin ich so begeistert. Sie fühlen sich leicht an und man bekommt eine ganz andere Körperhaltung."

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SERIE: DOCUMENTA-CHECK

In der Zeit der documenta 14 in Kassel begleiten wir das Mega-Kunstevent mit einer wöchentlichen Serie, in der unser Kulturreporter besondere Kunstwerke unter die Lupe nimmt.

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