Miriam Cahn, 2016
Miriam Cahn, 2016 Bild © picture-alliance/dpa

Auf der documenta 14 in Kassel wird viel politische Kunst gezeigt. Deswegen darf auch Miriam Cahn nicht fehlen. Die Schweizer Künstlerin wurde schon einmal zu einer documenta eingeladen, aber weil die Kunstaustellung ihr damals nicht politisch genug war, hing sie ihre Bilder einfach eigenhändig wieder ab. Diesmal aber ließ sie ihre Arbeiten hängen.

Miriam Cahn sagt was sie denkt und eckt dabei auch gerne mal an. Die Schweizerin ist schon lange im Kunstgeschäft und hat sich den Ruf erworben, eine unbequeme Frau zu sein. Wahrscheinlich gefällt sie sich in dieser Rolle. Ihren Bildern in der documenta Halle ist ein eigener großer Raum gewidmet.

"Es hängt so, wie es hängt, jetzt nicht aus ästhetischen Gründen, weil oben schön ist oder weiter unten schön ist. Sondern weil man Auge in Auge mit diesen Figuren sein muss", sagt Cahn.

So sieht es aus

Es sind Gemälde, Ölmalereien in unterschiedlich großen Formaten und Farben. Zu sehen sind Menschen, meistens Frauen, verstörende, traumähnliche Gestalten mit verzerrten Gesichtern. Unscharfe Konturen, derbe Gesichtszüge. Und immer wieder absurd, fast schon groteske Geschlechtsorgane. Ein Bild heißt "Burkazorn". Zu sehen ist eine Frau vor grünem Hintergrund. Sie trägt einen Schleier, ihre Augen stechend wie hinter einer Maske. Sie ist nackt, die Arme hinter dem Rücken verschränkt und zwischen ihren Beinen prangt ein rotes, männliches, Geschlechtsorgan. Diese Frau ist ganz bestimmt nicht zurückhaltend und freundlich – sondern bedrohlich und angsteinflößend: Auf Augenhöhe.

Das will die Künstlerin damit sagen

Miriam Cahns Arbeiten sind politisch gemeint. Sie selbst hat eine klare Meinung, für die sie notfalls auch streitet. Auf der documenta widmet sie sich den Flüchtlingen und den diffusen Ängsten der Menschen vor den Flüchtlingen. Was wäre, wenn wir fliehen müssten, fragt sie uns? Deswegen nennt sie ihre Arbeiten auch lapidar: "Könnte ich sein".

"Könnte ich sein' ist eigentlich genau das, was es heißt. Es könnte ja auch ich sein, die flüchten muss. Wir sind jetzt nicht einfach außerhalb dieses Lebens, wie es heute sich darstellt. Es könnte mir jetzt auch passieren, oder Ihnen", sagt Miriam Cahn. Sie hat kein Verständnis für Ausländerfeindlichkeit.

Ihr geht es bei den Flüchtlingen aber nicht um Sentimentalität – sondern Solidarität: "Wir leben im Reichtum. Jeder hat zu essen. Das ist wirklich ein Privileg. Und dieses Privileg muss man ausnützen, um sich um die anderen zu kümmern. In meinen Augen. Und nicht einfach finden: Ja, das ist unser Verdienst, dass wir jetzt dieses Privileg haben, dass alles noch friedlich ist, dass alles noch einigermaßen funktioniert und so weiter. Das ist doch nicht unser Verdienst, sondern Zufall."

So kommt es an

Die Kunst der Miriam Cahn spricht uns direkt an. Die Schweizerin stellt unbequeme Fragen und zeigt ihre Figuren nicht nackt, wie sie sagt, sondern entblößt. Denn sie haben alles verloren. Bei Cahn geht es aber auch um Gewalt, um Lust, um Angst und um Verletzlichkeit. Und immer wieder stehen Frauen im Mittelpunkt. Cahns Arbeiten erschüttern - nachhaltig – und gehen einem nicht mehr aus dem Kopf.

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SERIE: DOCUMENTA-CHECK

In der Zeit der documenta 14 in Kassel begleiten wir das Mega-Kunstevent mit einer wöchentlichen Serie, in der unser Kulturreporter besondere Kunstwerke unter die Lupe nimmt.

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