Arin Rungjang
Holz- und Messingskulptur von Arin Rungjang in der Neue Neue Galerie in Kassel (Titel: "And then there were none (Democracy Monument)") Bild © Mathias Völzke

Geschichtsschreibung ist nicht immer wahr – so kann man die Botschaft des Kunstwerks von Arin Rungjang beschreiben. Der thailändische Künstler zeigt das am Beispiel seiner Heimat: Er hat in Archiven gewühlt und Erstaunliches herausgefunden.

Als documenta Kurator Henrik Folkerts den thailändischen Künstler Arin Rungjang in Bangkok traf, fiel ihm etwas sehr Ungewöhnliches auf: "Arin Rungjang redete über Bangkok und die Geschichte Thailands, als ob es sich bei den vergangenen Ereignissen nur um Gerüchte oder Geschwätz handeln würde."

Was ist wahr und was erdichtet? Der thailändische Künstler thematisiert die politische Geschichte seines Landes - und die Verschleierung geschichtlicher Tatsachen. Er hat in Archiven gegraben und erstaunliches Material über Thailand gefunden.

So sieht es aus

Arin Rungjangs Arbeit besteht aus drei Teilen: ein 30-minütiger Film, eine große Skulptur und viele Dokumente aus internationalen Archiven. Der Film zeigt die halbfiktive Erzählung von zehn Studierenden, die in den Nachwehen des Volksaufstands von 1973 aus Bangkok flohen. Die Skulptur ist eine monumentale Halbplastik aus Holz und Messing und zeigt bewaffnete Soldaten mit Helm und Uniform.

Rungjang
Kurator Henrik Folkerts vor dem Kunstwerk von Arin Rungjang Bild © hr

Das zehn Meter breite und vier Meter hohe goldfarbene Relief ist eine partielle Reproduktion des Demokratiedenkmals in Bangkok – das Wahrzeichen der Hauptstadt. Und die Dokumente aus den Archiven geben Einblick in die Arbeit des thailändischen Botschafters im Nazi-Deutschland der 40er Jahre.

Das will der Künstler damit sagen

Geschichte ist weder Tatsache, noch ist sie unumstritten. So könnte man vielleicht grob die Botschaft des thailändischen Künstlers beschreiben. Arin Rungjang zeigt am Beispiel des thailändischen Botschafters in Nazideutschland, wie Geschichte gefälscht wird, sagt Kurator Henrik Folkerts.

"Die Geschichte des Botschafters zieht sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit", sagt Folkerts. Eine Erzählstimme liest Ausschnitte aus dem Tagebuch des Diplomaten. Er zog Anfang der 40er Jahre nach Berlin, denn Thailand habe sich an Nazi-Deutschland binden wollen, so der Kurator. "Was Arin im Moskauer Militärarchiv fand, war eine Seite des Gästebuches des Führerbunkers, wo Hitler mit Eva Braun seine letzten Tage verbrachte. Und der letzte Besucher in diesem Bunker war der besagte Diplomat."

Und so wie die thailändische Regierung dieses Detail der Geschichte unterschlägt, so werden auch nationale Denkmäler uminterpretiert. Je nach Bedarf. Mit seiner großen, reliefartigen Skulptur will Rungjang darauf hinweisen, dass Regierungen beliebig Denkmäler umdeuten und neue Symbole schaffen.

"Rungjang zeigt, wie dehnbar und verformbar Geschichte ist", sagt Folkerts. "Also machte er einen Film, eine Skulptur und er zeigt Dokumente aus dem Archiv - und zusammen entsteht eine Installation, die Geschichte neu erzählt. Eine Geschichte, die nicht mehr umerzählt werden kann."

So kommt es an

Wer in die Welt von Arin Rungjang eintaucht, kann sich von der schönen und akribisch recherchierten Arbeit begeistern lassen. Rungjang hat die Aufgabe eines Historikers übernommen, aber anstatt sein Material platt zu präsentieren, schafft er einen Raum, in dem Geschichte als komplexe Welt dargestellt wird. Sehr Ästhetisch, gleichzeitig intellektuell und symbolisch aufgeladen. Ein absolutes Highlight auf der documenta.

Sendung: hr-iNFO, 1. September 2017, 9:50 Uhr

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