Imago sexuelle Gewalt
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Sexuelle Gewalt ist hessenweit für Schülerinnen und Schüler von 14 bis 16 Jahren ein Problem. Das beweist eine repräsentative Dunkelfeldstudie der Universitäten Gießen und Marburg. Das Ergebnis: Es gibt mehr Betroffene als vermutet.

"Junge Mädchen sollten aufpassen", "Laufe nie allein herum", "Geh zu Freunden, zu einem Lehrer, zu deinen Eltern": Stimmen von jungen Schülerinnen in Hessen, wie man mit sexueller Gewalt umgehen soll, Ratschläge von Betroffenen. Und die gibt es erschreckenderweise viele in Hessen. Zutage gebracht hat sie die Studie "Speak" der Uni Marburg und Gießen. Das Ergebnis: Fast jeder vierte Jugendliche in Hessen hat schon einmal körperliche sexualisierte Gewalt erfahren. Das heißt zum Beispiel: gegen den Willen berührt, nackt fotografiert oder zum Sex gedrängt oder gezwungen.

Besonders betroffen sind Mädchen, sagte Sabine Maschke von der Philipps-Universität Marburg: "Fast jedes dritte befragte Mädchen gab an, gegen ihren Willen sexuell berührt worden zu sein. Schwere Formen wiederholter körperlicher sexualisierter Gewalt erlebte den Ergebnissen zufolge jedes zehnte Mädchen – und drei Prozent der Jungen."

Die Jugendlichen leiden

Die Studie unterscheidet bei der Befragung in zwei Typen: körperliche sexuelle Gewalt und nicht-körperliche sexuelle Gewalt. Nicht-körperliche meint: sexuelle Kommentare und Beleidigungen, dass Jugendliche gezwungen wurden, Geschlechtsteile anderer anzusehen, Belästigung im Internet oder intime Fotos, die gegen den Willen ins Netz gestellt wurden. Fast jeder zweite Jugendliche gab an, Ähnliches erlebt zu haben.

Die Jugendlichen leiden. Die Studie zeigt: Je mehr Erfahrungen die Schüler mit sexueller Gewalt haben, desto häufiger werden sie Opfer von Mobbing, haben weniger Freude am Lernen, fühlen sich unsicher in der Schule und weniger wohl zuhause.

Jeder Dritte war auch Täter

Ein zentrales Ergebnis der Studie laut Maschke: Das Hauptrisiko für sexualisierte Gewalt sind andere Jugendliche. Jeder Dritte gab an, schon öfter selbst Täter gewesen zu sein. Doch was tun? Einmischen – gerade auch bei Beschimpfung und Homophobie. "Sprich es an, rede darüber. Darauf warten Schülerinnen und Schüler, dass sie angesprochen werden und damit auch einen Ansprechpartner für sich finden", so Maschke.

Solche Vertrauenspersonen will das Kultusministerium weiter ausbilden. Die Ergebnisse der Studie sollen als Info-Material an Schulen weitergereicht werden. Alles aber nur Empfehlungen. Ob eine Schule eine solche Vertrauensperson hat oder nicht, bleibt ihr überlassen.

Helfen Vertrauenspersonen?

Die Präventionsmaßnahmen der Landesregierung sind nicht neu. Schon seit 2012 gibt es einen Aktionsplan, der Kinder und Jugendliche vor sexualisierter Gewalt schützen soll. Auch in der Schule. Bemerkenswert: Trotzdem berichten laut der aktuellen Studie etwa 50 Prozent der befragten Schüler: Sexuelle Gewalt sei an ihrer Schule nie Thema gewesen. Warum dann zum Beispiel keine verpflichtende geschulte Vertrauensperson?

"Es ist meine alte Erfahrung: Wenn sie per Dekret einen Zuständigen verordnen, wird zwar jemand benannt, das heißt aber nicht, dass auch wirklich etwas passiert", sagt Kultusminister Alexander Lorz (CDU). Er appelliert außerdem an die Eltern. Auch sie müssten bei der Präventionsarbeit anpacken. Für eine zweite Befragungs-Runde sollen bald Schüler an Förderschulen befragt werden. Die Studienmacher rechnen dann mit noch mehr Betroffenen.

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