Säugling
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Einige spanische Kliniken lagerten tote gekühlte Babys neben Kreißsälen. Mütter bekamen sie nach der Geburt in den Arm gelegt. Ihr Kind sei verstorben. Die lebendigen Kinder wurden verkauft. Ein langes Schweigen darüber endet jetzt. EU-Parlamentarier fordern Aufklärung des Skandals.

Irgendwann konnte Manuel L. nicht mehr. Er erzählt: Es ist 1982. Er und seine Frau haben sich ein Kind gewünscht. Vergeblich. Da hören sie von der Möglichkeit einer Adoption. Unkompliziert, unbürokratisch. Genau wollen sie es nicht wissen. Später wird Manuel sagen, er sei „so in die Sache reingerutscht“.

„Die Sache“ lief so:  Ein Krankenhaus in Valencia. „Wir gingen an dem Tag hinauf. Bezahlten 750.000 Peseten. Auf der Säuglingsstation neben einem Brutkasten lag das Baby. Es war wie ein Geschenk für uns.“

Ärzte, Pfleger und Notare verienten mit

Ärzte, Pfleger und Notare verdienten am „Geschenk“. Sie forderten immer wieder Geld von Manuel L.  „Bis ich einmal gesagt habe: Ich zeige euch an. Da haben sie nur geantwortet: Du kommst ins Gefängnis, und wir hauen ab. Am Ende habe ich fast drei Millionen Peseten bezahlt.“

Rund 18.000 Euro waren das. Für damalige Verhältnisse ein Vermögen. Lukas, das gekaufte Baby,  wuchs bei Familie L. auf. Mit 18 Jahren kam er bei einem Unfall ums Leben. Der Mann, der für ihn sein Vater war, konnte ihm die Wahrheit nicht mehr sagen. Manuel L. zeigt auf Fotos. "Da ist er 17 Jahre alt. Er war gekauft. Als Kind, als Jugendlicher. Das wird immer so bleiben. Gekauft."

Begonnen hat der Skandal in der Ära des Diktators Franco

Grausam, was er getan habe, sagt Manuel L. Bereits 2011 hat er dem ARD Studio in Madrid seine Geschichte erzählt. Er hat darauf gewartet, doch nie hat jemand gegen ihn, Krankenschwestern oder Ärzte ermittelt. Vertuschen, verdrängen, verschweigen. So ging Spanien bislang mit den tragischen Geschichten der bebés robados um, den gestohlenen Kindern.

Begonnen hat der Skandal in der Ära des Diktators Franco. Manchen nicht regimetreuen Familien wurde nicht nur das Leben oder die Freiheit genommen, sondern auch die Kinder. Es waren vor allem Frauen erschossener Republik-Anhänger, denen die Kinder geraubt wurden, um sie an treue Franquisten zu geben.

Bis zu 300.000 Babies sollen verkauft worden sein

Doch der Handel mit Babies hörte auch nach dem Tod des Diktators 1975 nicht auf. In der jungen Demokratie machten mafiöse Verbindungen aus Ärzten, Anwälten und Geistlichen aus dem Kinderhandel ein Geschäft. Von den 1930er bis in die 1990er Jahre sollen in Spanien bis zu 300.000 Babies verkauft worden sein, schätzen Opferverbände. Sie sagen: Ärzte mit politischen Freunden und Kräfte der katholischen Kirche hätten dafür gesorgt, dass es nie zu größeren Ermittlungen kam.

Nur ein Verfahren gab es bislang gegen eine Nonne, "Schwester Maria". Sie hatte lange als Sozialarbeiterin in einem Krankenhaus gearbeitet. Doch die hoch betagte Nonne starb, ehe sie zu Hintermännern aus Kirche oder Krankenhaus hätte aussagen können.

Mütter warten weiter auf Klarheit

Enrique Vila gehört wohl dazu. Er steht in Valencia und erzählt von dieser Last. "Wie erkläre ich es jemandem, der seine Eltern hat, seine Großeltern. Wie erkläre ich jemandem, dass ich nichts habe. Nichts! Gibt es Krankheiten in meiner Familie? Aus welcher Gegend komme ich? Warum sehe ich so aus? Wie werde ich mal aussehen? Du fühlst eine große Leere."

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„Wie erkläre ich es jemandem, der seine Eltern hat, seine Großeltern. Wie erkläre ich jemandem, dass ich nichts habe. Nichts! Gibt es Krankheiten in meiner Familie? Aus welcher Gegend komme ich? Warum sehe ich so aus? Wie werde ich mal aussehen? Du fühlst eine große Leere.“ Zitat von Enrique Vila, Betroffener, der als Baby verkauft wurde
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Erst nach dem Tod seiner Eltern fand er Adoptionsunterlagen, die ihm verdächtig vorkamen. Für ihn wurde gezahlt. Enrique hofft, dass seine Eltern glaubten, damit seine in Not geratene leibliche Mutter zu unterstützen. "Sie haben mich adoptiert. Aber wie? Wer hat gelogen: Nonnen, ein Arzt? Ein Rechtsanwalt? Ich weiß es nicht!"

Rechtsanwalt José Luis Pena vertritt Menschen, die vermuten, geraubte Kinder zu sein. Oder die meinen, dass ein toter Säugling, der ihnen in den Arm gelegt wurde, nicht ihr Kind war. "Um leiblichen Eltern ein Kind entziehen zu können, musste man den Tod vortäuschen. Sonst würde ein Kind ja als geboren auftauchen, von dem man nicht weiß, wo es sich befindet."

Verfahren gegen einen Gynäkologen

156 Mandanten vertritt José Luis Pena allein in Madrid. In den kommenden Wochen wird ein Verfahren gegen einen Gynäkologen beginnen. Ihm konnte man nachweisen, dass er eine Geburtsurkunde gefälscht hat.

In vielen Fällen aber fehlen Unterlagen. Wenn Ärzte schweigen, gibt es fast keine Chance auf Wahrheit. Der Rechtsanwalt sagt: "In den meisten Fällen sind Ärzte verstorben. In anderen Fällen tauchen Bücher nicht auf, die wir dringend bräuchten. Behörden in Madrid haben zugesagt, zu helfen. Aber seit sieben Jahren forschen wir. Und wichtige Dokumente haben wir immer noch nicht bekommen. Und wir reden allein in Madrid von wirklich großen Kliniken."

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„In den meisten Fällen sind Ärzte verstorben. In anderen Fällen tauchen Bücher nicht auf, die wir dringend bräuchten. Behörden in Madrid haben zugesagt, zu helfen. Aber seit sieben Jahren forschen wir. Und wichtige Dokumente haben wir immer noch nicht bekommen. Und wir reden allein in Madrid von wirklich großen Kliniken.“ Zitat von José Luis Pena, Opferanwalt
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Die Opfer hoffen nun auf das Verfahren gegen den Gynäkologen. Und auf einen Besuch von  Abgeordneten des Europa-Parlaments. Sie treffen heute und morgen Anwälte, Opfer und Vertreter spanischer Behörden. Die gestohlenen Kinder von Spanien wollen, dass die Welt von ihrem Schicksal erfährt.

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