Eine Lutherfigur vor Lutherbibeln
Bild © hr

Erst auf den zweiten Blick findet man die Spuren, die der Reformator Luther in Hessen hinterlassen hat. Bis heute. Und zugleich haben die Hessen auch auf den Reformator ganz schön viel Einfluss gehabt. Im Folgenden stellen wir Ihnen einige Beispiele vor.

1. Die Konfirmation

Die Ursprünge der Konfirmation liegen im hessischen Ziegenhain im Schwalm-Eder-Kreis.

2. Marathon-Sitzungen

Die Marburger Religionsgespräche sind sozusagen die Frühform des späteren "We agree we disagree" – wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind.

3. Die Marburger Universität

Die Marburger Universität ist die älteste protestantische Universität der Welt. 1527, vom hessischen Landgraf Philipp gegründet, sollte sie Luthers Bildungsrevolution befördern.

4. Der Luther-Karren

Im osthessischen Grebenau hat der Lehrer Hans-Werner Krug recherchiert, wie der Karren ausgesehen haben muss.

5. Essen wie bei Luther

Ein Metzger aus Cölbe bei Marburg hat sich inspirieren lassen und mithilfe alter Rezepte ein eigenes Rezept für die Luther-Bratwurst entwickelt.

6. Der Luther-Weg

1521 musste Martin Luther beim Reichstag in Worms vor dem Kaiser und den Fürsten Rede und Antwort stehen. Dazu reiste er von Wittenberg nach Worms. Auch sein Rückweg Richtung Wartburg führte wieder durch Hessen.

7. Die Lutherbibel

Übersetzt wurde die Bibel von Luther auf der Wartburg – aber den Verkaufserfolg brachte der Bibel 1522 erst die Frankfurter Messe.

Luther zwinkert
Bild © Reformations-Spectaculum

1. Die Konfirmation

Angefangen hat alles mit einem Streit zwischen den verschiedenen evangelischen Reformatoren um die Taufe. Sollte man schon Kleinkinder taufen, oder erst die Erwachsenen. Deswegen lud 1539 der hessische Landgraf Phillipp alle Beteiligten ein. Die Streithähne einigten sich auf einen Kompromiss, genannt die "Ziegenhainer Zuchtordnung". Darin stand das, was heute für die meisten Protestanten gilt: Kinder werden getauft, sollten aber später, im mündigen Alter, selbst noch einmal ihre Glaubenszugehörigkeit bekräftigen. Und zwar nachdem sie alles Wichtige über ihren Glauben gelernt haben.

Das war die Geburtsstunde der Konfirmation – und des Konfirmandenunterrichts. Bis die Idee sich wirklich durchsetzte, dauerte es noch eine Weile, denn die Konfirmation sollte ja auch nicht aussehen wie eine katholische Firmung. So richtig verbreitete sich die neue Konfirmation dann auch erst ab dem späten 17. Jahrhundert. Heute hat das Fest eine hohe Bedeutung. Es gehört zu den wichtigsten Familienfesten unter Protestanten. Aber, dass alles in Ziegenhain im Schwalm-Eder-Kreis ausgedacht wurde, das ist inzwischen in Vergessenheit geraten.

2. Marathon-Sitzungen

An einen Tisch setzen, zuhören, Angebote machen – und sitzenbleiben, bis ein Kompromiss ausgearbeitet wird. Man kann es Diplomatie nennen oder hohe Politik – oder wie im 17. Jahrhundert: Marburger Religionsgespräche. Im Oktober 1929 kommt - das "Who is Who" der reformatorischen Bewegung in Marburg zusammen. Eingeladen hatte der hessische Landgraf Philipp. Ein Liberaler in Glaubensfragen, Vordenker für die Freiheit der Religion. Er wollte die Reformatoren zu einem gemeinsamen Bündnis gegen die katholische Seite zusammenbringen. Deswegen musste er die schlimmsten Streithähne, Martin Luther und den Schweizer Huldrych Zwingli an einen Tisch bringen, am besten zu einer Einigung. Das klappte aber auch nach drei Tagen und Nächten nicht – immerhin einigte man sich auf ein gemeinsames Abschlusspapier, die sogenannten "Marburger Artikel". Zwar gingen die Schweizer danach getrennte Wege und das ist ja bis heute so. Aber man saß zusammen und konnte sich auf einige Punkte einigen.
Die Marburger Religionsgespräche sind aber sozusagen die Frühform des späteren "We agree we disagree" – wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind.

Plakat zum Reformationsjubiläum mit dem Konterfei von Martin Luther
Bild © picture-alliance/dpa

3. Die Marburger Universität

Die Marburger Universität ist die älteste protestantische Universität der Welt. 1527, vom hessischen Landgraf Philipp gegründet, sollte sie Luthers Bildungsrevolution befördern. Zehn Jahre nach dem Thesenanschlag konnten hier Studenten endlich nach den Vorgaben des Reformators die Bibel studieren und theologische Texte diskutieren – Ansonsten wurde natürlich auch hier Jura, Medizin und Philosophie gelehrt. Für arme Studenten gab es Stipendien – damit Bildung alle sozialen Schichten erreichen konnte. Schon deswegen war die Uni Marburg von Anfang auch eine ziemlich politische Hochschule, deren Mitglieder sich in Kirche, Staat und Gesellschaft immer eingemischt haben. Die sogenannte Marburger Schule schließlich war eine besonders einflussreiche Gruppe linker bis marxistischer Politologen, die in der jungen Bundesrepublik lebhafte Debatten auslösten.

Die Uni Marburg ist auch bei Wissenschaftlern hoch angesehen: immerhin 11 Nobelpreisträger haben hier studiert.  Und zahlreiche berühmte und streitbare Juristen, Schriftsteller und Politiker haben hier studiert, Die Brüder Grimm. Hannah Ahrendt – und der Philosoph Jürgen Habermas. Bis heute trägt die Marburger Uni den Landgrafen in historischer Tradition im Namen.

4. Der Luther-Karren

1521 reist Martin Luther quer durch Deutschland um von Wittenberg zum Reichstag nach Worms zukommen. Er unternahm diese Reise aber nicht zu Fuß sondern auf einem Karren der Wittenberger Ratsherren, drei Pferde inklusive. Das war aber keine luxuriöse Kutsche, sondern ein Wagen mit zwei Rädern, keine Polster, aber jede Menge Holz. Wie das Gefährt genau ausgesehen hat, das kann man heute nur noch vermuten.

Im osthessischen Grebenau hat der Lehrer Hans-Werner Krug versucht, dieses Geheimnis zu lüften. Krug möchte den Karren mit dem Martin Luther unterwegs war, am liebsten sogar nachbauen. Dafür hat er fleißig recherchiert und etwa mit den Schreinern gesprochen, die die Karre einmal als Requisite für einen Lutherfilm von 2003 nachgebaut haben. Einen funktionstüchtigen, originalgetreuen Karren aus dem 16. Jahrhundert nachzubauen, ist allerdings gar nicht so einfach. Nur wenige Spezialisten kennen sich aus – und die Anfertigung basiert auf Sondermaßen. Zum Beispiel seien die Räder des Karrens riesig gewesen - bei einem Durchmesser von einem Meter 60. Eine Größe, die gerade bei den unebenen Böden und Straßen höheren Reisekomfort garantierte. Klingt also nicht nur aufwändig, sondern ist es auch – und am Ende fehlt es einfach am Geld. Um einen einsatzfähigen Karren nachzubauen, rechnet Krug mit ungefähr 5000 Euro. Deswegen ist es bislang bei der Idee geblieben.

Collage zu Ausstellungen und Aufführungen zum Reformationsjubiläum
Bild © here-i-stand.com / picture-alliance/dpa / Bibelhaus Frankfurt / EKHN

5. Essen wie bei Luther

"Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?" – Von Luther sind zahlreiche Aussprüche überliefert, die sich rund um Essen und Genuss drehen – der Reformator hat offenbar sehr gerne gegessen und getrunken. Ein Metzger aus Cölbe bei Marburg hat sich inspirieren lassen und mithilfe alter Rezepte eine eigene Luther-Bratwurst entwickelt. Natürlich weiß man nicht genau, ob das Rezept von Luther oder seiner Frau Katharina von Bora stammt, aber möglich ist es. Denn in die Wurst beim Metzger Andreas Lauer kommen Kräuter, wie man sie im 16. Jahrhundert sehr gern verwendete: Thymian und Rosmarin und auch Obst, wie Quitten, Äpfel oder Birnen. Das war damals durchaus typisch – und schmeckt auch heute.

Wer keine Bratwurst mag, der kann andere Dinge essen, die Luther so oder so ähnlich verspeist hat. In Frankfurt gibt es den "Luthertaler", ein Gebäck mit Honig und Pfeffernussgewürzen. Diese Leckerei gab es auch schon zu Zeiten des Reformators. Und beim Reformator selbst war zum Abschluss wohl öfters ein Schnaps angesagt. Deswegen gibt’s wohl auch Luther-Schnäpse, die mit historischen Rezepten gebrannt werden. Wer’s selbst mal ausprobieren möchte kann sich an Rezepte aus den Luther-Kochbüchern versuchen: "Kochen im Hause Luther", "Zu Gast bei der Lutherin", "Das Luther-Melanchton-Kochbuch",  "Zu Tisch bei Martin Luther" oder "Zu Tisch bei Martin Luther".

6. Der Luther-Weg

1521 musste Martin Luther beim Reichstag in Worms vor dem Kaiser und den Fürsten Rede und Antwort stehen. Dazu reiste er von Wittenberg nach Worms. Auch sein Rückweg Richtung Wartburg führte wieder durch Hessen. Nur: Welche Route genau der Reformator genommen hat, ist nicht gesichert, einige Stationen aber wohl. Gut belegbar sind Aufenthalte in Frankfurt und Friedberg. Aus dem nordhessischen Grünberg soll der Reformator an einen Freund geschrieben haben. Das Haus in dem er hier übernachtet hat, steht aber längst nicht mehr. Zwischen Grünberg und Friedberg verliert sich die Spur, in Lich aber soll er aber gewesen sein.

Auf einem sogenannten Furierzettel, wo festgelelgt wurde, wo 89 Pferde einer Reisegesellschaft untergebracht wurden, ist ein Dr. Luther als Reiseteilnehmer vermerkt. Möglicherweise hat Luther hier und da auch Abkürzungen genommen – und so hat der Luther-Wanderweg, der seit kurzem durchgehend auch in Hessen beschildert ist, verschiedene Varianten. Man kann ihn auf 320 Kilometern zu Fuß durchwandern oder auch mit Rädern befahren. Es gibt außerdem eine  App für Smartphones.  "Luther to go", heißt sie und ist kostenfrei. In der App kann der Nutzer die Karten des Lutherwegs abrufen, Routen planen, Informationen über das Wirken Luthers an den jeweiligen Stätten erhalten und die Attraktionen der Stationen am Weg erkunden.

Luther Buchmesse
Bild © hessenschau.de / Johannes Gregor

7. Die Lutherbibel

Übersetzt wurde die Bibel von Luther auf der Wartburg – aber den Verkaufserfolg brachte der Bibel 1522 erst die Frankfurter Messe: Hier am Main wurde das Neue Testament in seiner Übersetzung von Martin Luther auf den Markt gebracht. Erstmals gab es die Bibel auf Deutsch, in handlicher Größe und zu erschwinglichen Preisen. Vorher war die Bibel nur den Kirchen, Klöstern und wohlhabenden Bürgern und Adeligen vorbehalten. Sie wurde auch nicht benutzt, also im Alltag gelesen,  sondern war vor allen Dingen ein Statussymbol, das prachtvoll vergoldet mit kunstvoll geschmückten Malereien geschmückt war.

Die Frankfurter Messe sorgte für die Verbreitung der populären Bibel. Von hier aus wurde sie erst in den deutschen Sprachraum und später in die ganze Welt geschickt. Mit seiner Bibelübersetzung veränderte Luther das Glaubensverständnis und auch die Bildung im Land, weil plötzlich jeder die Bibel lesen wollte und immer mehr Menschen das auch konnten. An diese Tradition wurde gerade wieder angeknüpft: Erst im vergangenen Oktober wurde eine neue Lutherbibel in einer überarbeiteten neuen Version herausgegeben: Natürlich wieder auf der Frankfurter Buchmesse.

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