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"Dein Beispiel erleuchtet einen neuen Sonnenaufgang": Guevara-Denkmal in La Higuera (Bolivien) Bild © Anne Herrberg

Che Guevara war der Popstar unter den Revolutionären. Vor 50 Jahren wurde er in La Higuera erschossen, ein gottverlassenes Nest im Innern Boliviens. Doch auch wenn die bolivianische Provinz der falsche Ort für die Weltrevolution war – sie war der beste für die Legendenbildung.

Allein gelassen von seinen Verbündeten, ohne Rückhalt bei den Bauern, keuchend vor Asthma und verfolgt von CIA und 650 Soldaten – so endete vor 50 Jahren Che Guevaras Idee, von Bolivien aus eine Weltrevolution zu starten.

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Der falsche Ort für die Weltrevolution: Boliviens Sierra Bild © Anne Herrberg

"Als wir ihn gefangen nahmen, am Tag bevor er exekutiert wurde, war er krank, dreckig und deprimiert", sagt Gary Prado, der den wohl berühmtesten Revolutionär und seinen verbliebenen Trupp von 17 Guerilleros in einer Schlucht im bergigen bolivianischen Hinterland stellte. "Sein Revolutionsprojekt war gescheitert, seine Geschichte zu Ende", so Prado.

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Der Ex-General Gary Prado stellte Che Guevara im bolivianischen Hinterland. Bild © Anne Herrberg

Märtyrer und Popikone

War sie das? Oder begann vielmehr eine neue Geschichte, damals, am 9. Oktober, als Che Guevara in einer kleinen Dorfschule erschossen wurde? Dona Irma, damals 20 Jahre alt, verkauft heute gegenüber Limonade, Fotos und Che-T-Shirts. Damals habe es die Propaganda gegeben, dass die Guerilleros die Menschen in den Dörfern misshandelten und die Frauen vergewaltigten, erzählt sie. "Danach war es uns verboten, über den Che zu sprechen, es war gefährlich. Erst nach der Diktatur haben wir erfahren, dass der Che den Armen helfen wollte. Wenn wir das damals gewusst hätten, hätten wir ihn vielleicht unterstützt und wären heute nicht so arm."

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Dona Irma aus La Higuera Bild © Anne Herrberg

Viel, das ahnt man, hat sich in La Higuera seit 50 Jahren nicht verändert, auch im Spital Nuestro Senor de Malta nicht, drei Autostunden entfernt in der Kreisstadt Vallegrande. Dort, im alten Waschhaus, wurde Ches Leichnam einst aufgebahrt und fotografiert. Ligia Morán, damals ein junges Mädchen, erinnert sich genau: "Seine Augen standen weit offen. Und sie folgten dir durch den ganzen Raum. Wie er da lag, sah er aus wie Jesus Christus. Er war sehr schön und sein Blick sagte uns: 'Sie haben meinen Körper getötet, aber mein Geist ist lebendig geblieben.'"

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Das Foto des toten Che Guevara ging um die Welt. Bild © Anne Herrberg

Che, der Märtyrer, der für seine Ideen und Überzeugungen das eigene Leben ließ. Ein Bild für die Unsterblichkeit, das um die Welt ging. Das wollte Boliviens Militärregime eigentlich verhindern – sie verscharrten den Leichnam in einer Nacht- und Nebelaktion unter dem Militärflughafen. Erst 30 Jahre später wurden die Überreste gefunden.

Heute steht dort eine Art Pilgerstätte für Che-Jünger: das Mausoleum in Form einer Kapelle mit Fotos und Tafeln zum Lebensweg des in Argentinien geborenen Rebellen und Arztes, der erst ganz Südamerika bereiste und dann in Kuba an der Seite Fidel Castros die Revolution gewann – und später zum Volksheiligen der Linken wurde, zur Popikone mit wehendem Haar, schütterem Bart und diesem entrückten und doch entschlossenen Blick unter Baskenmütze und rotem Stern.

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Letzte Ruhestätte: Dort, wo Guevaras Überreste verscharrt und 30 Jahre später exhumiert wurden, steht heute das Mausoleum. Bild © Anne Herrberg

"Zu sagen, Che war ein Mörder, ist scheinheilig"

"Es ist gut, dass man an seine Geschichte erinnert, gerade heute, wo unsere Gesellschaft wie eingeschläfert ist", sagt ein Besucher. "Ich bete jeden Tag zu ihm und er hilft mir, er vollbringt Wunder, wir nennen ihn Santo Che, den Heiligen", erzählt eine Dame. Kritik an Che, den von ihm in Kuba kaltblütig angeordneten Hinrichtungen, am bewaffneten Kampf, den er als einzige Alternative propagierte, hört man hier nicht.

"Zu sagen, der Che war gewalttätig und ein Mörder, hat etwas Scheinheiliges. Wir müssen die andere Seite sehen und den historischen Kontext. Heute ist die Zeit der Guerillas vorbei, aber nicht die seiner Ideale. Solange es Ungerechtigkeit gibt, wird es neue Ches geben", sagt Erlán Garcia. Der 30-Jährige aus Vallegrande führt Touristen zu den letzten Stationen seines Idols. Sein Problem: Die Touristen kommen bisher nur zaghaft in das abgelegene Provinznest. Der Boom, auf den die Region gehofft hat, ist ausgeblieben.

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Erlan Garcia führt Touristen zu den letzten Stationen seines Idols. Bild © Anne Herrberg

"Vallegrande ist nicht auf internationale Touristen vorbereitet, wir haben kaum ordentliche Restaurants und Hotels, Transport und Straßen sind schlecht", sagt Garcia. "Das ist so, weil die Verwaltung hier seit Jahren in Händen der rechten Opposition ist und keinen Sinn darin sieht, in den Che zu investieren."

Dabei profitiert Vallegrande wie nie von der Revolutions-Ikone. Im Vorfeld des 50. Todestages ist viel Geld geflossen. Kuba ließ alle historischen Schauplätze auf Vordermann bringen. Die linke Regierung von Bolivien lässt anlässlich Todestages ein mehrtägiges Gedenkfestival veranstalten, ein Statement gegen den aktuellen Rechtsruck auf dem Kontinent. Die mangelnde Hotelkapazität hält Staatschef und bekennenden Che-Fan Evo Morales nicht ab – er schlafe, so ließ er verlauten, in einem Zelt.

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Warten auf den Che-Tourismus - bisher ist der Boom in La Higuera ausgeblieben. Bild © Anne Herrberg

Sendung: hr-iNFO, 9.10.2017, 10:35 Uhr

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