Die Dunkelheit zwischen den Sternen
Bild © Fischer Verlag

Drei Kinder werden von ihren Eltern als Arbeits- oder Sexsklaven nach Indien verkauft. Davon handelt Benjamin Leberts neuer Roman, ein Buch mit viel Gespür für Zwischentöne und gleichzeitig ein sensibles, eindringliches Porträt einer geschundenen und zerrissenen Gesellschaft.

Worum geht es?

Im Frühjahr 2015, das erzählt Benjamin Lebert im Nachwort zu seinem Buch, war er einige Wochen in Nepal, um dort für ein Kinderhilfsprojekt zu arbeiten. Diese Erfahrungen waren der Auslöser für diesen Roman. In ihm erzählt er von drei Kindern, die in Katmandu in einem sogenannten "Recovery-House" leben. "Recovery" deshalb, weil in diesem Heim Kinder von nepalesischen Landarbeitern leben, die von Ihren Eltern nach Indien verkauft worden waren, um dort als Arbeits- oder Sexsklaven zu arbeiten. Jenes Schicksal teilen auch die drei Hauptfiguren in Leberts Roman: Der fünfzehnjährige Achanda, die vierzehnjährige Shaki und der zehnjährige Tarun. Alle drei sind traumatisiert und träumen verzweifelt von einer besseren Zukunft, werden aber gerade dadurch zu Opfern von neuer Gewalt, Verrat und Missbrauch. Als der Leiter des Kinderheims eine schwerwiegende Entscheidung treffen muss, um sein Projekt zu retten, kommt es zur Katastrophe und das gleich in mehrfacher Hinsicht.

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Benjamin Lebert: "Die Dunkelheit zwischen den Sternen"

Fischer Verlag
ISBN: 978-3103973129
303 Seiten
20,00 Euro

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Wie ist es geschrieben?

Benjamin Lebert lässt die drei Kinder immer wieder abwechselnd zu Wort kommen. Dadurch erhält der Roman eine scheinbar leichte kindliche Direktheit. Die Kinder sprechen über ihre Hoffnungen, Träume und Ängste. Aber genauso über ihre tiefsitzenden Gewaltfantasien, die vor allem aus dem zehnjährigen Tarun immer wieder hervorbrechen:

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Zitat

"Es wird hell werden. Ganz hell. Tausendmal heller als jetzt an diesem Nachmittag. Dann kommen die Flammen. Sie schießen vom Himmel herab - bäng! Sie reißen die Erde auf - bäng! Sie fressen die Häuser."

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Tatsächlich ist die Gewalt in diesem Roman nicht nur eine soziale Gewalt, es ist auch die Gewalt der Natur und die hat Benjamin Lebert noch auf eine andere, raffinierte Weise in seinen Text integriert. Er selbst hat Nepal Im Jahr 2015 genau neun Tage vor dem verheerenden Erdbeben verlassen, dem mehr als 8000 Menschen zum Opfer fielen und in neun Tagen wird jetzt auch das Geschehen dieses Romans erzählt. Es sind die letzten neun Tage vor der Katastrophe, die sich unterschwellig immer stärker ankündigt. In kleinen Beobachtungen der Kinder, aber vor allem durch die empfindliche Wahrnehmung einen Straßenhundes, dem Lebert immer wieder eine Stimme gibt:

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Zitat

"Es zieht ihn zu der Stelle, an der er die Kraft zum ersten Mal gespürt hat. Die gewaltige Kraft aus der Tiefe: anders als alles, was er in seinem zornigen, keifenden Hundeleben jemals wahrgenommen hat. Er tritt langsam auf, vorsichtig, jede Berührung seiner rissigen Pfoten mit dem Boden schmerzt. Und doch sind alle Sinne aufmerksam auf den Grund gerichtet. Auf die Erdmassen unter ihm. Endlich erreicht er die Stelle und legt sich nieder. Wartet. Stunde um Stunde wartet er. Auf die gewaltige Kraft aus der Tiefe. Vergeblich."

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Wie gefäll es?

"Die Dunkelheit zwischen den Sternen" ist ein Buch, das mich als Leser am Anfang kaum und dann doch immer mehr gepackt hat. Zunächst ist da die scheinbar naive und unschuldige Kinderwelt, die aber nach und nach ihre Abgründe offenbart. Wenn man dann begreift, dass Lebert hier unerbittlich den Countdown zur schrecklichen Katastrophe erzählt, ist es zu spät. Dann kann man sich dem Sog des Buches nicht mehr entziehen. Benjamin Lebert ist ein spannender Roman gelungen, mit viel Gespür für Zwischentöne und gleichzeitig ein sensibles, eindringliches Porträt einer geschundenen und zerrissenen Gesellschaft.

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