Gökhan Bicici
Gökhan Bicici, Journalist Bild © hr

Die Situation in der Türkei ist angespannt – vor allem für Menschen, die Präsident Erdogan kritisch gegenüberstehen und das auch offen äußern. Das hat das Treffen mit Journalisten, politischen Stiftungen und Oppositionellen gezeigt. Unsere Korrespondentin hat vor Ort mit Kritikern gesprochen.

Der Dialog war das Ziel. Das habe ich bei den Gesprächen in Bursa und Istanbul deutlich wahrgenommen. Der berühmte Gesprächsfaden sollte wieder aufgenommen werden, als die Delegation hessischer Politiker in die Türkei reiste. Die Atmosphäre war "sachlich und freundlich", wie Europaministerin Lucia Puttrich (CDU) immer wieder betonte. Das schien beiden Seiten wichtig. Man habe auch kritische Themen angesprochen und seine Sorgen und Standpunkte erklärt.

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Dunja Sadaqi, hr-iNFO-Reporterin

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Fest steht: Die Situation in der Türkei ist schwierig, das habe ich auch auf den Straßen gespürt. Der Druck ist da, das haben selbst wir ausländischen Journalisten in einer eng getakteten Viertagesreise gemerkt. Während Ja-Sager offen und gesprächig vor das Mikrofon treten und beteuern, im Land herrsche auch für Nein-Sager Meinungsfreiheit – konnte ich sie schwer finden, die Kritiker. Viele fürchten, Probleme zu bekommen oder verhaftet zu werden. Mitglieder eines Kulturvereins erzählten mir,  man habe Politik teilweise ganz aus privaten Diskussionen mit Kollegen und Bekannten verbannt.

Istanbul
Istanbul Bild © hr

Die Kritiker sind aber sichtbar, wenn auch subtiler: Zum Beispiel, indem sie Atatürk-Fahnen aus Fenstern hängen und über Balkonen hissen. Die seien unverfänglich und sollen doch Widerstand ausdrücken, erklärte man mir.

Die Gespräche mit Journalisten, Nichtregierungsorganisationen und deutschen politischen Stiftungen haben mir verdeutlicht: Der Ton vor Ort ist nicht so polternd und schroff, wie Präsident Erdogans Wahlkampf und die Stimmung auf der internationalen Bühne uns vermitteln. Es herrschen in der Türkei auch unter Erdogan-Anhängern weitaus mehr Grautöne als wir in Zeitungen, im Radio und im Fernsehen wahrnehmen.  Auch wenn sie im politischen Gebrüll momentan unterzugehen scheinen.

Der Unternehmer: Oktay Tasci

Oktay Tasci
Oktay Tasci, Unternehmer Bild © hr

Wenn er wählen könnte, würde er für "hayir", also "nein", stimmen. Oktay Tasci hat aber nur einen deutschen Pass. Oktay Tasci ist Frankfurter mit türkischen Wurzeln und kam mit 30 Jahren in die Türkei. Heute führt er ein Unternehmen und produziert Textilien für den europäischen Markt. Weil er sich in Istanbul verliebt hat, wollte er nie zurück in die alte Heimat. Doch seit den Terroranschlägen und dem versuchten Putsch zweifelt er.

"Ich sehe die Entwicklung in meinem Viertel in Istanbul. Da wohnten bisher viele Ausländer. Viele ziehen jetzt weg oder verlassen das Land", sagt er. "Wenn sich alles ins Negative entwickelt, ist das für mich als Unternehmer sehr, sehr schwer, wenn auf einmal die Europäische Union die Türen nicht mehr so offen hält als das bisher der Fall war."

Die Entwicklung der letzten anderthalb Jahre spüre er auch auf der Straße: "Die Menschen sind unglücklich. Es herrscht eine sehr negative Atmosphäre." Vor dem Hintergrund, dass es in der Türkei viele ethnische Minderheiten gebe, die miteinander auskommen müssten, sagt er: "Ich glaube, das Präsidialsystem würde mehr das Gegeneinander fördern, anstatt das Miteinander."

Der Journalist: Gökhan Bicici

Gökhan Bicici
Gökhan Bicici, Journalist Bild © hr

Gökhan Bicici lebt gefährlich. Als Journalist und Aktivist war er damals rund um die Proteste um den Gezi-Park dabei, sei von der Polizei mehrfach attackiert und verhaftet worden. Seitdem habe der Staat ein genaues Auge auf ihn. Er werde rund um die Uhr beobachtet, sagt, es sei nur eine Frage der Zeit bis er inhaftiert würde. Viele Kollegen und Freunde säßen schon im Gefängnis. In der Türkei sei es mittlerweile schon eine Art Aktivismus, als Journalist zu arbeiten, sagt er.

Auf die Frage, warum er trotzdem noch offen redet und sogar vor Mikrofon und Kamera, antwortet er: "Weil jemand das machen muss. Nicht nur als Journalist, sondern als Bürger dieses Landes, der sich um die Zukunft dieses Landes fürchtet. Wir haben so viele Rückschritte gemacht, die wir machen konnten. Es geht um die Zukunft dieses Landes – auch für mein neugeborenes Kind."

Ein Grund für ihn, das Land zu verlassen, sei das nicht, sagt er. Millionen Menschen erklärten sich direkt und indirekt solidarisch mit den Journalisten in der Türkei: "Die Journalisten, die jetzt im Gefängnis sind, meine Freunde – sie werden die berühmtesten Journalisten des Landes sein. Sie werden vielleicht die Zukunft des Journalismus in diesem Land prägen. Aber dafür braucht es auch Opferbereitschaft. Aber wir sind keine Helden. Wir repräsentieren nur die Auffassung von Millionen von Menschen."

Die türkische Regierung sieht Bicici am Ende: "Erdogan erlebt gerade seine schwächste Zeit. Selbst innerhalb der AKP gibt es Nein-Sager und Unentschlossene", sagt er. Wenn Erdogan das Referendum verlieren sollte, sei sein Amt als Präsident gefährdet. "Erdogan hat keine Zukunft in der Türkei."

Der Künstler: Erdogan Altindis

Erdogan Altindis
Erdogan Altindis, Künstler Bild © hr

Der Architekt und Maler Erdogan Altinds ist in München geboren und hat ein interkulturelles Künstlernetzwerk aufgebaut. Als deutsch-Türke wollte er mit der Kunst die beiden Welten verbinden. Alles fing an mit Altbau-Wohnungen, die er aufwendig renovierte und darin Kunst ausstellte. Heute hat er über 50 Wohnungen. Doch die Politik beeinflusse auch die Kunst, erzählt er mir: "Alles ist politisiert, auch die Kunst – ob man will oder nicht. Das türkische Wort hayir zum Beispiel ist jetzt wegen des Referendums politisch besetzt."

Deutschland-Kritik von der Opposition – „Ihr habt uns vergessen!“

Hessische Politiker treffen Baris Yarkadas
Hessische Politiker treffen Baris Yarkadas Bild © hr

Am Ende der Reise traf sich die hessische Delegation mit Oppositionsvertreter Baris Yarkadas von der oppositionellen CHP. Und der fand harte Worte beim Mittagessen, die die Politiker überraschten. Yarkadas wirft der deutschen Regierung vor, wegen des Flüchtlingspakts die repressive Regierung Erdogans zu unterstützen. "In der Türkei gibt es nicht nur die AKP! Europa hat uns vergessen!", sagt er. Seine Forderung: dass die Klagen Tausender vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte "wenigstens in einem Musterverfahren endlich aufgegriffen werden".

Baris Yarkadas
Baris Yarkadas im Gespräch mit Dunja Sadaqi Bild © hr

Europaministerin Puttrich wies die Vorwürfe entschieden zurück. Sie entgegnete: "Die Bundesregierung hat ein ganz starkes Interesse daran, dass die Demokratie in der Türkei gestärkt und nicht geschwächt wird. Sie hat sich mit dem Flüchtlingsabkommen nicht erpressbar gemacht."

Videobeitrag

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Zu Teil 1 der Serie

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