Syrien Panzer
Syrische Soldaten in Sukkari nahe Aleppo (23.12.2016) Bild © picture-alliance/dpa

Eigentlich sollte es nicht mehr sein als ein "Dummer-Jungen-Streich". Gelangweilte Teenager sprühten an die Mauer ihrer Schule "Nieder mit dem Präsidenten". Was sie nicht ahnen konnten: Ihr Graffiti löst einen Bürgerkrieg in Syrien aus, eine der schlimmsten humanitären Katastrophen unserer Zeit.

Syrien im Februar 2011. Mouawiya Syasneh ist 14. Zusammen mit seinem Freund, Bashir Abazed, und den anderen Jungs der Clique trifft er sich auf dem Fußballplatz in Daraa, ihrer Heimatstad im Süden Syriens. "Ich ging zur Schule und hab' mit Freunden rumgehangen", erzählt er einem Reporter des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera. "Ich ging in die siebte Klasse. Mein Traum war später mal zur Uni zu gehen, ich wollte Wirtschaft studieren."

Die Teenager reden über alles Mögliche, auch über Politik, den Jungs ist langweilig. Überall in der arabischen Welt gehen Menschen für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte auf die Straße - der sogenannte "Arabische Frühling". In Tunesien ist der Präsident gestürzt worden, in Ägypten demonstrieren die Massen. Nur in Syrien herrscht Ruhe.

"Sie sagten, sie bringen uns um"

Wie ein Dummer-Jungen-Streich, eine Mutprobe, ein bisschen Blödsinn, wie ihn Teenager halt mal machen, kommt den Jungs in Daraa eine Idee: Sie kaufen Spraydosen und treffen sich in der kommenden Nacht – ganz heimlich, am Schulgelände. Auf die Schulmauer sprühen sie ein paar Sprüche: "Nieder mit dem Präsidenten" und "Du bist dran, Doktor" – so wird Assad als studierter Augenarzt genannt. Was die Jungs in dieser Nacht nicht ahnen: Ihre Worte, dieses kleine Graffiti auf der Mauer, verändert ihr Leben und ihr Land, löst einen jahrelangen Krieg aus, die nach Angaben der UN größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit.

"Mein Vater fragte mich: Warum hast du das geschrieben?", erzählt Mouawiya. "Ich sagte: Ich hab's einfach gemacht. Dann hat mein Vater mir geraten, mich zu verstecken. Er hatte Angst um mich." Denn am nächsten Tag verständigt der Schul-Hausmeister die Polizei, öffentliche Kritik am Präsidenten ist verboten. Die Jugendlichen tauchen unter, doch werden gefasst, ins Gefängnis geworfen und wochenlang von der Staatspolizei verhört, gefoltert und gequält.

"Sie haben uns geschlagen, sie sagten, sie bringen uns um. Sie haben uns in ein Badezimmer geschleppt, die Dusche aufgedreht und als wir nass waren, haben sie uns Elektroschocks verpasst. Sie haben uns an den Armen aufgehängt, der Schmerz in den Schultern war nicht auszuhalten. Wir hingen manchmal einen ganzen Tag an der Wand, unsere Füße konnten kaum den Boden berühren. Bis wir gestanden", berichten die Jungen.

Die Lawine war nicht mehr zu stoppen

Die Eltern wissen nicht, wo ihre Kinder sind – und fordern sie zurück. Als sie bei den Sicherheitsbehörden abgewiesen werden, gehen die Väter auf die Straße, rufen: "Wir wollen unsere Kinder zurück." Verwandte und Freunde schließen sich den friedlichen Protesten an. Sicherheitskräfte eröffnen das Feuer auf die Demonstranten, es gibt Tote. Die Beerdigung wird zu einer neuen Demonstration, mit noch mehr Teilnehmern. Wieder fallen Schüsse, wieder gibt es Tote. Der Funke springt auf andere Städte über. Die Revolution hat begonnen. Bald darauf wird daraus ein Bürgerkrieg, der bis heute – sechs Jahre später – fast eine halbe Million Menschen das Leben gekostet hat.

Und Mouawiya, Bashir und die anderen damals 14- bis 15-jährigen Jungs? Sie werden nach einem Monat freigelassen, um die Menge zu beruhigen. Doch da ist die Lawine, der Volksaufstand schon nicht mehr zu stoppen. Heute hat sich die Bevölkerung in der Daraa halbiert, die Stadt und große Teile des Landes liegen in Trümmern. Einige der damaligen Teenager sind ins Ausland geflohen.

Mouawiya hat seinen Vater im Krieg verloren – "als er starb, dachte ich, ich habe die Welt verloren", sagt er. Der junge Mann kämpft heute in seiner Heimatstadt in der freien syrischen Armee gegen die Truppen von Präsident Assad. Was das kleine Graffiti von ihm und seinen Freunden ausgelöst hat - das hätte er nie erwartet. "Erst spät haben wir gemerkt, dass wir einen großen Fehler gemacht haben. Wenn wir gewusst hätten, was passiert, hätten wir das Graffiti nie geschrieben."

Das könnte Sie auch interessieren

Jetzt im Programm