Polizeibeamte und Soldaten mit Mundschutz wachen auf einer Straße in Salé, Nachbarstadt von Rabat.

Auch in Marokko löste der "Arabische Frühling" Demonstrationen aus. Doch die verursachten keinen System-Umsturz. Der König reagierte auf die Forderungen mit einer neuen Verfassung. Alles nur Kosmetik?

"Walou" – "nichts" – "habt ihr verändert", dröhnt es 2011 in den Kopfhörern vieler marokkanischer Jugendlicher. Rapper Lhaqed, zu deutsch etwa der Wütende, damals Mitte 20 rechnet in seinem Song "Walou" mit dem marokkanischen Regime ab. Im Musikvideo zeigt der Rapper die hässlichen Seiten Marokkos: arme Marokkaner, die in Bruchbuden leben, um sie herum Müll, den sie auf Feldern vor ihren Wohnungen verbrennen.

Ein Bild, das Marokkos Herrschende ungern ins Ausland transportieren. Marokko ist das Urlaubsland mit der mystischen Sahara-Wüste, Mitbringseln aus Tausendundeiner Nacht und süßem Minztee. So süß schmeckt das Leben für die Marokkaner gar nicht, findet Lhaqed. Wütend schmettert er in seinen Versen Marokkos politischer Elite die Realität aus seinem ärmlichen Viertel in der Metropole Casablanca entgegen. 

Neue Verfassung – nur Kosmetik?

2011 erreichte der sogenannte Arabische Frühling auch das marokkanische Königreich. Landesweit gingen damals Tausende wütend auf die Straße. In Marokko lösten die Demonstrationen allerdings nicht wie in anderen Staaten der Region einen Systemsturz aus. Der König reagierte auf die Forderungen der Demonstrierenden nach parlamentarischer Monarchie, Gewaltenteilung und einer unabhängigen Justiz.

Aber viele aus der Bewegung kritisieren, die neue Verfassungsreform und die vorgezogenen Wahlen seien nur kosmetisch gewesen. Die mächtige Position des marokkanischen Monarchen blieb nahezu unberührt. Teil dieser Bewegung ist Aktivistin Sara Soujar. 2011 war sie euphorisch, erzählt sie. Organisierte Sit-Ins, Debatten, politische Treffen. Heute, sagt die 30-Jährige, ist sie ernüchtert.

"Ein Klima der Hoffnungslosigkeit"

"Es herrscht ein Klima der Hoffnungslosigkeit, es mangelt an Vertrauen, keiner will träumen. Das ist eine Depression. Eine gemeinsame Depression", sagt sie. Viele Jugendliche würden weg wollen. Die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen im Land ist hoch, viele finden keinen Job – egal, ob sie eine  gute Ausbildung haben oder nicht. 

"Wir haben eine neue Verfassung, aber sie wird nicht angewendet. Nach all diesen Jahren befinden wir uns in einem Staat, der die Rechte und Freiheiten nicht respektiert und der auf die Forderung des marokkanischen Volkes immer mehr mit der Härte der Sicherheitskräfte antwortet. Ein Staat, der Aktivisten, Journalisten mit Repressionen begegnet, wenn sie die Verantwortlichen kritisieren", erzählt Soujar.

Auch der marokkanische Politikwissenschaftler Mohamed Mesbah vom Moroccan Institute for Policy Analysis in London zieht eine düstere Bilanz. "Heute befinden wir uns in einem Zustand wie vor 2011. Es ist so, als ob innerhalb von zehn Jahren die Pläne und Versprechungen des Staates einfach gestrichen wurden", sagt er. Das Regime könne sich sehr gut anpassen und schwäche die Bewegung, die aus dem Arabischen Frühling entstand.

Schwierige Lage für Journalisten

Man hört heute noch viele Marokkaner sagen: "Wollen wir denn Zustände wie in Libyen oder in Syrien riskieren?" Die Stabilität in Marokko geht über alles – so sieht es vor allem das Regime – und auch das Ausland. Denn Marokko ist ein Partner in der Migrationspolitik und Terrorismusbekämpfung.

Weil die Repression gegen den Protest auf der Straße wuchs, verlagerten viele der Aktivisten ihren Widerstand in die Sozialen Medien. Sie boykottierten Unternehmen, an denen die Herrschenden beteiligt waren. Der Boykott ließ sich nicht durch Gewalt in den Straßen stoppen. Protest-Beobachter sprachen von einer digitalen Revolution. Trotzdem hat das Regime mit Repressionen nach wie vor Erfolg. Kritische Journalisten werden verhaftet, ihnen werden meistens Vergehen angelastet, die sie in den Augen der Öffentlichkeit diskreditieren sollen.

Gründe für Protest haben die Marokkanerinnen und Marokkaner noch genug. Zudem hat die Pandemie vieles verschärft und Marokko steckt in einer ernsthaften wirtschaftlichen Krise. Noch ist es im Land ruhig. Doch die Unzufriedenheit könnte sich auch bald wieder in den Straßen lautstark bemerkbar machen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 17.12.2020, 6-9 Uhr

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