Pendler sitzen in Zeiten des Corona-Virus in einer leeren U-Bahn in Peking.

Leergefegte Restaurants, Eintrittskarten für den eigenen Wohnblock, ständiges Messen der Körpertemperatur: In Peking gibt es derzeit keinen normalen Alltag. Mit allen Mitteln versucht China, die Ausbreitung des Corona-Virus in den Griff zu bekommen. Ein Rundgang durch eine Stadt, die sich selbst nicht wieder erkennt.

"Hefu Nudeln" heißt der kleine Nudelladen im Pekinger Stadtteil Sanlitun. Eins der wenigen Restaurants, die momentan geöffnet haben. Eigentlich stehen die Menschen hier mittags Schlange, um einen Platz für die begehrte Nudelsuppe mit Rindfleisch oder Schweinerippchen zu ergattern. Jetzt sitzen zwei Kunden wie verloren an einem Tisch. Vorm Eingang steht Restaurant-Manager Wang mit einer Schutzmaske.

Ein Mal pro Stunde sind er und seine Mitarbeiter dazu aufgefordert, die Tische und den Boden zu desinfizieren. Auch Kunden und die Fahrer vom Lieferservice müssten ihre Hände mit Alkohol desinfizieren. "Wir messen bei allen in den Ohren die Körpertemperatur. Es dürfen nur die mit unauffälliger Temperatur hinein", sagt Wang.

"Die Epidemie hat uns im Griff"

Für jeden Gast werden Telefonnummer und Körpertemperatur auf einer Liste notiert. Auch die Mitarbeiter müssen alle zwei Stunden ihre Werte eintragen. Derzeit kommen etwa zehn Kunden pro Tag, dazu nochmal etwa 20 Online-Bestellungen. Sonst gehen hier allein zum Mittagessen hunderte von Nudelsuppen über den Tresen.

Eine kurze Autofahrt von Sanlitun Richtung Westen. Hier liegt der Lama-Tempel, einer der größten lamaistischen Tempel außerhalb Tibets und eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Peking. Die Stadtautobahn, sonst fast immer verstopft, ist wie leergefegt. Am Lama-Tempel ist das hohe, rote Eingangstor verschlossen - seit dem 24. Januar, steht auf einem Zettel. Die buddhistischen Verse aus einem Lautsprecher scheinen dem zu trotzen.

Genau wie Frau Gui, die gegenüber vom Lama-Tempel buddhistische Devotionalien verkauft. "Die Epidemie hat uns im Griff. Die Leute gehen einfach nicht mehr raus. Das war selbst bei der SARS-Epidemie nicht so schlimm. Damals konnte man noch spazieren gehen, es gab Leben in der Stadt. Jetzt sind nirgendwo Menschen", erzählt sie.

Millionen Arbeitskräfte fehlen

Viele Bewohner sind nach dem Frühlingsfest immer noch nicht in die Stadt zurückgekehrt. In Peking fehlen weiter Millionen Arbeitskräfte. Seit Ende vergangener Woche gibt es eine Zwangsquarantäne für alle, die die Stadt neu betreten. Egal, ob aus der chinesischen Nachbarprovinz oder dem Ausland.

Wenige Meter vom Laden mit den buddhistischen Devotionalien steht ein Schreibtisch mitten auf einer Altstadtgasse. Davor ein Wachmann in schwarzer Uniform und mit roter Armbinde. Er soll dafür sorgen, dass die Rückkehrer sich in Peking entsprechend anmelden. "Sie tragen sich erst hier in diesem Heft ein, dann scannen sie den QR-Code ihrer Gemeinde und melden sich beim zuständigen Nachbarschafts-Komitee an", sagt der Wachmann.

Drakonische Maßnahmen in Millionenmetropolen

Und dann geht es ab in die zweiwöchige Quarantäne, immerhin in der eigenen Wohnung. Zuwiderhandlungen werden bestraft. Eine eigene Vorschrift gibt es für Rückkehrer aus der am meisten betroffenen Provinz Hubei. Dort, wo mehr als 80 Prozent aller Infektionen mit dem neuartigen Corona-Virus verzeichnet werden.

"Die Leute aus Hubei müssen in ihrer Nachbarschaft in eine einheitliche Quarantäne, die von speziellen Personen verwaltet wird", erklärt der Wachmann. Mit drakonischen Maßnahmen versucht China, die Ausbreitung des Corona-Virus in den Griff zu bekommen.

Und außerhalb der Provinz Hubei konnte die Verbreitung des Virus bislang tatsächlich stark eingedämmt werden. Laut offiziellen Zahlen hat die Millionenmetropole Peking gerade mal 380 bestätigte Infektionen. Seit einer Woche steigt die Zahl kaum noch. Ähnlich ist das in vielen anderen Millionenstädten.

Eintrittskarte für den eigenen Wohnblock

Über eine App lässt sich nachvollziehen, wo genau in Peking die Infektionsfälle aufgetreten sind. Einer davon im Apartment-Komplex Hengda Jiangwan im Stadtteil Chaoyang. Eine junge Frau in blauer Winterjacke kommt hier gerade vom Einkaufen. Sie wohnt in der riesigen Anlage mit mehreren Hochhäusern.

"Jeden Tag desinfizieren sie unseren ganzen Wohnblock und die komplette Nachbarschaft. Ein bis zweimal täglich. Wir haben spezielle WeChat-Gruppen, über die wir dringende Mitteilungen und Informationen bekommen. Eine eigene Eintrittskarte haben wir auch", erklärt sie.

Eintrittskarten bekommen die, die bereits in Quarantäne waren. Der Rest darf nicht raus. Kurier-Lieferungen müssen an der Straße abgeholt werden, auf dem Bürgersteig liegen dutzende Päckchen auf einem Haufen. Kein Unberechtigter darf die Anlage betreten, wie fast überall besteht hier derzeit Besuchsverbot. Das Corona-Virus hat den Alltag in Peking auf den Kopf gestellt – und ein Ende ist derzeit nicht in Sicht.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 18.2.20, 6-9 Uhr

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